# taz.de -- berliner szenen: Einmal um die Ecke biegen
Wie habe ich das genossen: Morgens kurz vor acht mit den Kindern
loszulaufen, durch die Schwedter Straße, die Choriner Straße, links
abbiegen, rechts abbiegen, an der einen Hand ein kleines Kind, an der
anderen Hand ein etwas größeres Kind. Und dabei plaudern. Über Gott und die
kleine Welt, was heute wohl wieder alles los sein wird in der Kita und was
es später zum Mittagessen gibt.
Damals habe ich es schon gespürt, aber nun, aus jahrelanger Entfernung, ist
die Sache emotional gesehen sonnenklar: Der Weg war das Ziel. Auf dem
Heimweg dann stets von beiden Seiten vollgequasselt werden, dabei die
gesammelten Schätze im Gepäck: Schneckenhäuser, Blätter, Kastanien und
bunte Bilder mit krakeligen Kopffüßlern unter einer Riesensonne.
Aber die Zeit verfliegt mit einem Tempo, dass mir allzu oft die Ohren
schlackern. Die Kindergartentage sind längst gezählt, und jetzt ist auch
der Weg zur Grundschule um die Ecke endgültig zu Ende gelaufen. Doch das
Leben schreibt manchmal die wunderbarsten Geschichten: Als hätte ich mir
das Ganze ausgedacht, klingelt gestern jemand an unserer Tür. Im
Nachbarhaus würde drei Tage lang ein Film gedreht, ob wir Lust hätten, bei
einer kleinen Straßenszene als Komparsen aufzutreten, werden wir gefragt.
Wir haben Lust. Am Samstagvormittag ist es dann so weit. „Ernesto will es
versuchen, Szene 34, Take 1.“ Wir stehen im Hauseingang und warten auf
unser Kommando. Die beiden Mädchen direkt neben mir: links ein halber
Teenie, rechts ein ganzer. Und dann laufen wir los, biegen um die
Häuserecke – wir sollen es so wie immer machen, heißt es –, und das fällt
uns nicht sonderlich schwer. Wir haben jahrelang geübt. Wenn wir also im
nächsten Jahr drei oder vier Sekunden nebeneinander durch einen Spielfilm
latschen, wird das verdammt professionell aussehen.
Jochen Weeber
10 Sep 2019
## AUTOREN
(DIR) Jochen Weeber
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