# taz.de -- berliner szenen: Schlanke stehen Schlange
       
       Auf meinem T-Shirt steht „Phase 4“ und ganz ehrlich, ich würde niemals
       Touristen angreifen. Vor einiger Zeit las ich einen Artikel über die
       unterschiedlichen Stufen der Gentrifizierung und im Speziellen über die
       vier Phasen, in denen die Reaktionen derer klassifiziert werden, die ihr
       ausgesetzt sind. Phase 1 beschreibt die Umverteilung der Einwohner, bei
       Phase 4 kann es zu Übergriffen auf Touristen kommen. Eine Weile war es
       Gespräch am Küchentisch, und wenn mich alles ankotzte, sagte ich nur noch
       „Phase 4“. Dann schenkte mir meine Frau eines Tages dieses T-Shirt. Ich
       trage es zum Joggen.
       
       Vormittags, an einem Sonntag gegen 10, hat sich eine lange Warteschlange in
       dem Ladengeschäft gebildet, das bis vor einem halben Jahr den einzigen
       ehrlichen Bäcker der Nachbarschaft beherbergte. Nun werden hier Backwaren
       verkauft, vor denen sorgfältig gefaltete, mit einem schwarzen Fine-Liner
       beschriftete Schildchen stehen, und die nun das Dreifache kosten. Die
       Besserverdienenden stehen Schlange, alles schlanke, sportliche Gestalten.
       Hinten in der Ecke, an einem der wenigen Tische sitzt einer, der hier schon
       früher saß. Seine Wangen sind unsauber rasiert. Er trägt ein
       breitgestreiftes Polohemd, das über seinem stattlichen Bauch spannt. Stumpf
       sieht er auf die Schlange, dann missmutig auf seinen Becher Kaffee, der ihm
       gerade gebracht wurde. Dann wuchtet er plötzlich sich und seinen Bauch
       zwischen Tischkante und Stuhl hervor, steht auf, balanciert den bis zum
       Rand gefüllten Becher, aus dem es hinausschwappt, von der Seite auf die
       Schlange zu und ruft „Achtung“. Eine Lücke entsteht, durch die er in seinen
       Schlappen, die vielleicht neben seinem Bett übernachtet haben, auf den
       Verkaufstresen zugeht, den Becher über die Backwaren hält. Eine Stille
       entsteht. Der Mann sagt leise: „Abgießen, bitte!“ Björn Kuhligk
       
       28 Aug 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Björn Kuhligk
       
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