# taz.de -- die dritte meinung: Carsten Linnemann stammt aus einer ostwestfälischen Parallelwelt, bedauert Sergey Lagodinsky
       
       Wer wissen möchte, wie man ein wichtiges Thema innerhalb eines Tages
       diskreditiert, der lerne von Carsten Linnemann. Die Sachfrage ist real: Wie
       integrieren wir Kinder ohne Deutschkenntnisse in unser Bildungssystem. Und
       zwar so, dass es allen guttut – diesen Kindern, anderen Kindern, dem
       Schulsystem selbst.
       
       Dass es stattdessen zu einer verkürzten Debatte kam, ist auch der Tatsache
       geschuldet, dass Carsten Linnemann aus einer Parallelgesellschaft heraus
       gesprochen hat. Seine Erlebniswelt ist anders als die von vielen von uns,
       und das hat nur beschränkt mit Migration zu tun. Auch in Berlin oder
       Hamburg lebt es sich anders als in Ostwestfalen.
       
       Dreieinhalb Jahre bevor Linnemann sein Abitur in Paderborn gemacht hat, war
       ich in meiner eigenen Parallelwelt angekommen – in der Welt von
       Flüchtlings- und Aussiedlerheimen in Schleswig-Holstein. Mein Kontakt zu
       „Deutschen“ beschränkte sich auf die Sozialamtsberaterin. Für mich hieß es,
       ich solle mit meinen 18 Jahren zehn Monate auf einen Sprachkurs warten,
       bevor ich auf eine Schule oder Uni darf. Dass ich doch ein Jahr vor
       Linnemann deutsches Abitur machen konnte, habe ich einem Schulleiter zu
       verdanken, der mich ohne Deutschkenntnisse aufgenommen hat. Erst dadurch
       konnte ich die Parallelwelten meiner russisch- und albanischsprachigen
       Wohnheime verlassen und täglich in die Parallelwelt von Linnemann
       eintauchen.
       
       Die Ausgangspunkte einer heterogenen Gesellschaft sind unsere
       Parallelwelten. Meine Erfahrungswelt war sicher eine andere als die heutige
       Schulwelt in Neukölln oder die von den Großstadteltern, die häufig ihre
       Kinder auf Privatschulen schicken müssen, um ihnen noch gute Bildung zu
       sichern. Doch bei allen Unterschieden bleibt eines die Konstante: Schulen
       bringen unsere Parallelleben zusammen und verknüpfen sie zu einer
       Gesellschaft. Daher habe ich einen einzigen, aber grundsätzlichen
       Widerspruch zu dem, was Linnemann sagt: Es darf kein Kind geben, das auf
       einer Schule nichts zu suchen hat. Über alles andere können wir gerne
       diskutieren.
       
       8 Aug 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sergey Lagodinsky
       
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