# taz.de -- Antwort auf Lebensfragen
       
       > Einblick in eine sehr persönliche Beziehung: Arbeiten des 2013
       > verstorbenen Bremer Malers Norbert Schwontkowski sind in Worpswede zu
       > sehen. Sie stammen aus der Sammlung Seinsoth
       
 (IMG) Bild: Viel Sorgfalt auf den Hintergrund verwendet: Norbert Schwontkowski, Ohne Titel (Drei Kerzen) aus dem Jahr 1998
       
       Von Radek Krolczyk
       
       Der Bremer Maler Norbert Schwontkowski wäre in diesem Jahr 70 Jahre alt
       geworden. Aus diesem Anlass widmen Galerien, Kunstvereine und Museen dem
       Künstler zahlreiche Ausstellungen: Anfang des Jahres zeigte die Berliner
       Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) Arbeiten aus dem Nachlass des 2013
       Verstorbenen, der Bremerhavener Kunstverein präsentierte dann im Mai welche
       aus dortigen Privatsammlungen, die Bremer Kunsthalle plant für nächstes
       Jahr eine umfangreiche Werkschau. In Worpswede läuft noch bis Anfang
       November eine sehr besondere Schwontkowski-Ausstellung. Ihre Besonderheit
       liegt wiederum an Herkunft und Geschichte der privaten Sammlung, aus der
       das Gezeigte stammt: Zusammengetragen haben die Leinwände, Drucke, Collagen
       und Unikatbücher seit den 1980er-Jahren Brigitte und Udo Seinsoth.
       
       Das Paar eröffnete 1980 im Bremer Ostertorviertel in ihrem Wohnhaus ein
       Antiquariat, wenig später eine Kunstgalerie. Das weiße Jahrhundertwendehaus
       nannte Schwontkowski anlässlich des Todes seiner Galeristin im Jahr 2012
       „eine sichere Burg“. Diese sichere Burg beherbergte über drei Jahrzehnte
       immer wieder auch sein Werk. Schwontkowski gehörte früh zum Programm der
       Galerie. Udo Seinsoth lernte ihn 1982 auf einem Sommerfest der
       Ateliergemeinschaft Nordstraße kennen, in der er gemeinsam mit anderen
       Künstlern wie Thomas Hartmann, Jub Mönster oder Horst Müller arbeitete. Bei
       dieser ersten Begegnung erwarb Seinsoth erste Bilder des damals jungen
       Malers. Während ihrer Jahrzehnte währenden Zusammenarbeit haben die
       Seinsoths immer wieder Arbeiten von Schwontkowski gekauft, von denen nun
       einige im Worpsweder Barkenhoff hängen.
       
       „Es war die Zeit der sogenannten jungen Wilden“, schreibt der Sammler im
       Katalog, „heftige, expressive Malerei war im Trend. Hier war alles anders,
       hier atmete die Stille, die Bilder hatten etwas Poetisches und Magisches.
       Etwas ganz Neues, bisher Ungesehenes, wie aus der Zeit gefallen, dachte
       ich. Die Bilder und Zeichnungen schienen teils unfertig, oder verbargen
       etwas, ich konnte es nicht ergründen. Sie zogen mich einfach in den Bann.“
       
       Schwontkowski hatte in den späten 70er-Jahren an der Bremer Hochschule für
       Künste in der Klasse des informellen Malers Karl-Heinz Greune studiert.
       Bekannt wurde er dann für seine reduzierten, melancholischen Szenen, die
       von einer Art der Einsamkeit handeln, wie man sie möglicherweise nur in
       einer etwas öden Gegend erfahren kann – wie Bremen oder Niedersachen. Immer
       wieder sieht man einsame Figuren am Meer, Schiffsmasten, Kirchturmspitzen
       oder Straßenlaternen im Nebel. Die Hintergründe erinnern an alte
       Klostermauern, an denen Fresken mehrerer Jahrhunderte und verschiedene
       Anstriche einander überdecken, hier und da aufbrechen, um den Blick auf die
       Geschichte zu eröffnen. Besonders auf diese Hintergründe legte
       Schwontkowski Wert: Sie sind Ergebnis langwieriger Experimente. Die Farbe
       trug er in dicken Schichten auf, verwendete gelegentlich Zahnpasta, Öle
       oder Eisenoxide – damit sich die Farbe mit der Zeit veränderte. War die
       Arbeit an einem solchen Bildhintergrund abgeschlossen, krakelte er
       schließlich einsame Figuren darauf.
       
       In Worpswede sieht man auf einer hohen, leicht durchgebogenen Leinwand so
       eine Figur, etwas ausgefranst, auf ihrem Weg in den Himmel: Die Stiefel
       bleiben am Boden, der Hut schwebt voraus. Ein heller Lichtstrahl umhüllt
       sie, und als wüsste sie, dass sie bloß gemalt ist, tropft etwas Farbe von
       ihr herunter. „Schnelles Verschwinden“ ist der Titel der 1994 entstandenen
       Ölbildes. Schwontkowski war dafür bekannt, die beiläufigen wie großen
       Themen des Lebens gleichermaßen tiefgründig und humorvoll zu behandeln; und
       so begleiten Schwermut und Witz den Sterbenden auf dem Bild.
       
       Udo Seinsoth erzählt, er habe sich stets für die untypischen Bilder seines
       Freundes begeistert, Bilder von den Rändern des Werkes. Im Katalog betont
       Reiner Bessling das Verhältnis von Bild und Wort, von Malerei und Sprache.
       Aus Schwontkowskis Nachlass hat Bessling dafür eine Menge literarischer
       Fragmente zusammengetragen, setzt sie in Bezug zu seinen Bildern: „Wenn die
       Sprache oder das Wort am Anfang war, war die Zeichnung, war das Bild keine
       zwei Sekunden später da.“ Und: „Sie war da als etwas Eingeritztes, schnell
       Geworfenes, ein mit Holzkohle bezeichneter Stein, eine geschmückte Haut,
       ein markiertes Blatt.“
       
       Schwontkowski hatte nicht nur eine große Bibliothek, sondern malte immer
       wieder zu literarischen Themen. Die beiden Bilder, die vom Schriftsteller
       Rolf-Dieter Brinkmann inspiriert waren, kaufte Seinsoth sofort. Mit dem
       Autor war der Antiquar auch befreundet, bei Seinsoth gab es immer wieder
       Lesungen etwa von Autor*innen wie Ernst Jandl, Gerhard Rühm und Friederike
       Mayröcker, die Schwontkowski gern besuchte.
       
       Auffällig ist der hohe Anteil an literarischen Arbeiten Schwontkowskis
       innerhalb der Sammlung. Zum Beispiel die 18-teilige Serie „9 Sonaten und 9
       Soldaten“ aus dem Jahr 1984: In zwei Reihen sieht man auf fragilem
       Kohlepapier oben Sternkonstellationen, unten Soldaten; nicht beim Töten
       oder Marschieren, sondern beim Bügeln, Küssen und Schlafen. Malerei ist
       hier nicht nur Antwort auf alle Lebensfragen, sie macht sogar Soldaten zu
       Menschen
       
       Die regelmäßigen Ankäufe der Seinsoths waren für Schwontkowski lange Zeit
       ökonomisch wichtig. Der große Erfolg ließ auf sich warten, er musste
       zusehen, dass er über die Runden kam. 1993 widmete ihm der Bremerhavener
       Kunstverein seine erste institutionelle Einzelausstellung, 2004 folgte die
       Bremer Kunsthalle, daraufhin bekam er an der Hamburger Kunsthochschule eine
       Professur und wurde von großen Galerien in Wien, Berlin, New York ins
       Programm genommen. Wenige Tage nach seiner gefeierten Eröffnung im
       Hamburger Kunstverein erhielt er die Krebsdiagnose.
       
       Einer der Schwerpunkte der Sammlung Seinsoth sind Schwontkowskis Arbeiten
       auf Papier. Zu den Ausstellungen in ihrer Galerie Beim Steinernen Kreuz
       wurden zudem in niedrigen Auflagen Mappen mit Drucken produziert. Aus dem
       Urlaub schickte der Maler Postkarten an seine Galerist*innen, übermalt mit
       eigenen Motiven. Noch vor zwei Jahren erwarb Udo Seinsoth von einer
       Geliebten Schwontkowskis ein kleines Büchlein mit pornografischen Collagen.
       In die so entstandene, sehr persönliche Sammlung gewährt Udo Seinsoth nun
       in Worpswede Einblick.
       
       Begleitend ist ein Buch mit dem ebenfalls wieder auf Literatur verweisenden
       Titel „visuel poetry“ erschienen, in dem die Sammlung vollständig
       dokumentiert ist. Gerade die Breite an Druckgrafik und Papierarbeiten ist
       beeindruckend.
       
       Die Sammlung geht nach Ausstellungsende zunächst als Dauerleihgabe an die
       Bremer Weserburg, wo ein dauerhafter Schwontkowski-Raum eingerichtet werden
       soll. Beteiligt war, in den frühen 90er-Jahren, an der Gründung des Museums
       auch Udo Seinsoth.
       
       „Norbert Schwontkowski – Gemalte Poesie. Die Sammlung Seinsoth“: bis 3.
       11., Worpswede, Barkenhoff
       
       3 Aug 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Radek Krolczyk
       
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