# taz.de -- Vor der Wahl in Griechenland: Für Tsipras sieht es schlecht aus
       
       > Rentnerin Meni Rapti will Syriza ihre Stimme geben – obwohl sie von ihr
       > enttäuscht ist. Dennoch droht der linken Regierungspartei eine Schlappe.
       
 (IMG) Bild: Enttäuscht: die Anhänger der Regierungspartei Syriza bei einer Wahlveranstaltung Mitte Juni
       
       ATHEN taz | Wenige Tage vor der Parlamentswahl in Griechenland ist es
       verhältnismäßig ruhig auf den Straßen von Athen. Keine großen Kundgebungen
       der Parteien. Nur ein paar Wahlstände sind auf Plätzen in der griechischen
       Hauptstadt zu sehen, und das längst nicht auf allen. Vor den Ständen stehen
       gelangweilte Wahlkämpfer und kaum mehr Besucher. Plakate der jeweiligen
       Kontrahenten hängen glanzlos in den Straßen. Es scheint fast, als seien die
       Wahlen bereits entschieden.
       
       Die regierende Syriza wird an diesem Sonntag [1][allen Prognosen zufolge
       ihre Macht] zugunsten der liberal-konservativen Partei Nea Dimokratia
       verlieren. Es ist die Abstrafung einer enttäuschten Wählerschaft. Viele,
       die den Chef der linken Syriza, Alexis Tsipras, 2015 mit ihrer Stimme ins
       Amt des Ministerpräsidenten hievten, [2][wenden sich nun ab]. Die harten
       Einschnitte der Austeritätspolitik konnte er nicht mildern.
       
       Im Gegenteil. Die Auflagen der Gläubiger aus EU-Kommission, Europäischer
       Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) waren für viele
       Griechen verheerend. Dass Tsipras versuchte, seinen Landsleuten
       [3][Steuererhöhungen, Rentenkürzungen und Niedriglöhne als Reformen] zu
       verkaufen, haben ihm viele übel genommen.
       
       In einem Imbiss im Zentrum Athens läuft Wahlwerbung im Fernsehen. Zwei
       Männer, beide um die 70, lehnen an der Theke und zeigen in Richtung
       Mattscheibe. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras spricht mit
       fast väterlicher Stimme direkt in die Kamera. Er spricht von der Wahl als
       Entscheidung zwischen Rückschritt oder Aufbruch und warnt vor neuerlicher
       Abhängigkeit, Unsicherheit und Ungerechtigkeit. Die beiden Senioren zucken
       mit den Achseln und machen eine abwinkende Handbewegung. Besonders unter
       Rentnern hat sich der griechische Ministerpräsident durch zahlreiche
       Rentenkürzungen unbeliebt gemacht.
       
       ## Statt 1.200 auf einmal 830 Euro
       
       Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wohnt Meni Rapti. Die
       74-Jährige sitzt auf der dunkelblauen Couch im Wohnzimmer ihrer kleinen
       Dreizimmerwohnung. Auch sie hat harte Einschnitte hinnehmen müssen. Bevor
       Tsipras die Renten kürzte, bekam die Frau 1.200 Euro pro Monat. Jetzt sind
       es nur noch 830 Euro. „Davon muss ich jeden Monat 340 Euro Warmmiete,
       Strom, Telefon und meine Bluthochdruckmedikamente, von denen ich 25 Prozent
       selbst tragen muss, bezahlen“, seufzt sie.
       
       Da bleibe nicht mehr viel übrig. Und nein, von ihrer Tochter könne sie
       keine Unterstützung erwarten. Dazu schüttelt die Frau mit den kurzen
       schwarzen Haaren energisch den Kopf. Diese habe ja selbst nicht genug Geld,
       da sie keine feste Anstellung finden kann – Arbeitsplätze sind rar in
       Griechenland.
       
       Meni Rapti hätte guten Grund, der Regierung bei der Wahl am Sonntag einen
       Denkzettel zu verpassen. Tut sie aber nicht „Ich wähle trotz alledem wieder
       Syriza“, sagt sie. „Denn die Regierungspartei wurde von den Gläubigern mit
       Sparauflagen dazu gezwungen, immer weiter zu kürzen.“ Sie könne sich gut
       vorstellen, dass Tsipras ein gerechteres Allgemeinwohl vorantreiben könnte
       – wenn man ihn nur lassen würde.
       
       Seit August vergangenen Jahres befindet sich Griechenland nicht mehr unter
       dem sogenannten Rettungsschirm. Darauf bezieht sich Ministerpräsident
       Tsipras immer wieder in seinen Reden und Wahlspots. Er bittet seine
       Wählerschaft um eine zweite Chance. Die Syriza könne – ohne die Gläubiger
       im Nacken – jetzt endlich freier handeln, so Tsipras.
       
       ## Gläubiger überwachen weiter das Land
       
       Was er gerne verschweigt: Auch nach Ablauf des Hilfsprogramms wird
       Griechenland weiterhin von den Euro-Partnern überwacht. Bis 2022 muss das
       Land jährlich einen Primärüberschuss von 3,5 Prozent vorweisen, um
       Schuldenerleichterungen zu erhalten. Und: Erst im Jahr 2032 soll mit der
       Tilgung der Schulden begonnen werden.
       
       „Der damals 38-jährige Alexis Tsipras mit seiner jungen Partei hat in
       seinen Wahlversprechen im Jahr 2015 den Mund ganz schön voll genommen“,
       sagt Rapti und wiegt lächelnd den Kopf. Tsipras habe damals immer wieder
       getönt, er würde keine Rentenkürzungen vornehmen, sich von den Gläubigern
       nichts vorschreiben lassen und vor allem für Arbeitsplätze im Land sorgen.
       „Natürlich ist die Enttäuschung der Menschen hier groß“, sagt Rapti. Doch
       Wut?
       
       Nein, die Syriza herrsche schließlich nicht so schlimm wie damals die Nea
       Dimokratia. Damals brannten in Athen ganze Straßen. Die linke Syriza habe
       die Menschen viel besser vereinen können, nicht nur die Eliten. Und wenn es
       zu Straßenschlachten kam, knüppelte die Polizei die Proteste nicht einfach
       so nieder, wie es die Polizei auf Anordnung der Nea Dimokratia getan hatte.
       
       „Die Linken sind doch sehr viel menschlicher“, schlussfolgert Rapti. Doch
       Sympathie allein reiche halt auch nicht. Es sei viel versprochen worden. Zu
       viel: keine Rentenkürzungen, bessere Löhne, niedrigere Steuern, die
       Oligarchen zur Kasse bitten und die Klientelpolitik abschaffen – nichts
       davon ist passiert.
       
       ## Nea Dimokratia in Umfragen vorn
       
       Deshalb sieht es schlecht aus für Alexis Tsipras und seine Partei. Bei etwa
       28 Prozent der Wählerstimmen sehen die Meinungsinstitute Syriza kurz vor
       der Parlamentswahl am Sonntag. Alles deutet darauf hin, dass Tsipras sein
       Amt an den liberal-konservativen Spitzenkandidaten Kyriakos Mitsotakis (ND)
       verlieren wird. Der scheint sich unterdessen schon fast als Sieger zu
       sehen. Immer forscher tritt der zu Anfang zurückhaltend wirkende
       Konservative mittlerweile auf.
       
       Die Botschaft der Nea Dimokratia in ihren Werbespots hält deutlich Kurs
       gegen ihre linken Kontrahenten: „Die letzten Jahre waren eine Odyssee, aber
       am 7. Juli schlägt die Stunde, wo wir vorangehen“, heißt es in einem der
       Wahlkampfspots im Fernsehen. Darin ist ein Schiff auf stürmischer See zu
       sehen. Man sei bereit und habe einen Plan, sagt Spitzenkandidat Mitsotakis
       und verspricht: „Starkes Wachstum für alle Griechen. Damit wir das
       schaffen, brauche ich Ihre Unterstützung.“
       
       Eine Botschaft, die bei vielen Griechen gut ankommt. „Ich wäre froh, wenn
       sich Mitsotakis durchsetzten könnte“, sagt Ioannis Markopoulos. Der
       67-Jährige arbeitet als Salesmanager einer internationalen Firma im
       Hardware- und Softwarebereich mit 120 Mitarbeitern. Sein Büro liegt im
       ersten Stock eines beigefarbenen Gebäudes im Zentrum Athens. Markopoulos
       sitzt an seinem Schreibtisch und nimmt Telefonanrufe entgegen, verhandelt
       mit unterschiedlichen Geschäftspartnern und führt Verkaufslisten.
       
       „Ich werde nie das Chaos vergessen, das die Syriza mit ihren
       Kapitalsverkehrskontrollen angerichtet hat“, erinnert sich der
       hochgewachsene Mann mit den grau melierten Haaren. Damals konnten sowohl
       von Privatpersonen als auch von Firmen nur sehr geringe Geldbeträge
       abgehoben werden. Man sah sozusagen zu, wie das eigene Schiff unterging,
       erzählt er. Es kam zu zahlreichen Entlassungen.
       
       ## Zahlreiche Entlassungen
       
       „Die Nacht vorher konnte ich kaum schlafen“, erinnert sich Markopoulos. Am
       Morgen habe er dann die jeweiligen Mitarbeiter in den Meetingroom gebeten,
       um ihnen die Nachricht zu überbringen. „Ich wusste, was das für sie
       bedeutet – viele von ihnen haben Familie“, sagt der Salesmanager. Ihm
       selbst wurden die 1.680 Euro Monatslohn von 2012 bis heute auf 1.150 Euro
       gekürzt.
       
       Etliche mittelständische Unternehmen brachte diese Politik zu Fall, sagt
       Markopoulos: „Durch die wirtschaftliche Instabilität, die die Syriza
       anfachte, wurden ganze Existenzen zerstört.“ Auch hätten Investoren das
       Land verlassen oder erst gar nicht hier investiert. Eigentlich war ein
       weiteres Wahlversprechen der Syriza im Jahr 2015: Griechenland solle
       wettbewerbsfähig und attraktiv für Investoren werden.
       
       „Weit gefehlt“, sagt Markopoulos. Internationale Ranglisten präsentierten
       tragische Ergebnisse: Beim letzten Doing-Business-Ranking der Weltbank ist
       Griechenland zurückgefallen und liegt nun auf Rang 72. Im Vergleich dazu
       ist Bulgarien mit Platz 59 besser dran. Das Doing-Business-Ranking gilt
       weltweit als Indikator dafür, wie wettbewerbsfähig ein Land ist.
       Markopoulos ist überzeugt: Griechenland muss Investoren ins Land holen –
       nur so entstünden wieder neue Arbeitsplätze.
       
       Zwar brüstet sich Tsipras, dass er die Arbeitslosenquote in seiner
       Legislaturperiode gesenkt hat. Tatsächlich ist sie von über 25 Prozent auf
       rund 18,5 Prozent gesunken. Dennoch ist das immer noch die höchste
       Arbeitslosenquote innerhalb der Europäischen Union. „Es ist doch nicht
       okay, jetzt damit zu prahlen, obwohl viele für einen Hungerlohn schuften
       und sich dennoch kaum über Wasser halten können“, sagt Markopoulos und
       schüttelt verärgert den Kopf. „Klar, in der Auflistung der Arbeitslosen
       kommen sie dann nicht mehr vor, das macht halt sich gut auf dem Papier“.
       
       Als Jugendlicher sei auch er sehr links eingestellt gewesen, sagt
       Markopoulos und lächelt leise. Doch sobald er mit der Arbeitswelt
       konfrontiert wurde, habe er diese Ideologie verloren. „Alles andere ist
       doch realitätsfern. Die Politik wird – ob das gut ist oder nicht – durch
       die Wirtschaft geführt.“ So jedenfalls sieht das Markopoulos, der
       Salesmanager.
       
       ## „Leben nicht so vorgestellt“
       
       Meni Rapti ist kurz in der Küche verschwunden und kommt mit frisch
       gebrühtem Kaffee zurück ins Wohnzimmer. Sanft streicht sie über den weichen
       dunkelblauen Stoff ihres Sofas, wirkt für einen Moment abwesend. Dann sagt
       sie leise: „Natürlich habe ich mir mein Leben im Alter nicht so
       vorgestellt, doch das wäre mit einer konservativen Regierung, die die
       Sparauflagen der Austeritätspolitik erfüllen muss, genauso passiert“.
       
       Und dann erzählt Rapti, wie sich ihr Alltag verändert habe: Vor jedem Gang
       in den Supermarkt schreibe sie sich heute genau auf, was sie brauche. Und
       sie habe Angst davor, krank zu werden. Denn das Gesundheitssystem ist nicht
       mehr intakt. Zahlreiche Ärzte haben Griechenland verlassen, die Lage in den
       staatlichen Krankenhäusern ist dramatisch. „Wenn du hier ernsthaft krank
       wirst, brauchst du Geld, um einen Arzt eines privaten Krankenhauses zu
       bezahlen“, erklärt Rapti. Ansonsten kann es sein, dass man über ein Jahr
       auf einen Operationstermin warten muss. Aber noch gehe es ihr gut. Sie
       lacht.
       
       Für viele andere frühere Unterstützer ist die Syriza keine Linke mehr. Auch
       wenn sie gesellschaftspolitisch manches bewirkt hat. So war es für
       gleichgeschlechtliche Paare im orthodoxen Griechenland stets sehr schwer.
       Hier setzte die Regierungspartei immer wieder Zeichen für Offenheit und
       brachte letztendlich die zivile Partnerschaft für Schwule und Lesben durchs
       Parlament. Auch die sogenannte Flüchtlingskrise hat die Syriza bestimmt
       besser gelöst, als es die Konservativen getan hätten.
       
       Die Menschen wurden in Griechenland aufgenommen, bis die EU den Pakt mit
       der Türkei schloss und die Menschen auf den Inseln festhielt. „Doch auch
       hier hat es die Syriza geschafft, immer wieder einige der Menschen aufs
       Festland zu holen“, sagt die Rentnerin. Sie macht sich nun sorgen, wie wohl
       die Konservativen mit den Flüchtlingen umgehen werden, falls sie Tsipras
       ablösen.
       
       ## Was ist die linke Alternative?
       
       Ja, all die Versprechungen, das sei ihr schon bewusst, sagt Meni Rapti.
       „Aber was soll denn bitte die Alternative sein? Es gibt keine Partei, die
       linker eingestellt ist, außer vielleicht die Kommunistische Partei
       Griechenlands (KKE). Doch die sind zu klein, um etwas zu bewirken“, so
       Rapti. Sie habe niemals eine konservative oder rechte Partei gewählt. „Das
       könnte ich nicht. Das geht immer auf die Kappe der Menschen. Ich wähle also
       lieber das kleinste Übel“, sagt sie.
       
       Die beiden Männer im Imbiss auf der anderen Straßenseite sind längst
       verschwunden. Zwei Frauen um die 30 haben jetzt an einem der Tische Platz
       genommen. Beide haben zu den Wahlen im Jahr 2015 Syriza gewählt. Beide von
       ihnen sind schwer enttäuscht. Noch immer arbeiten sie für sehr wenig Geld,
       noch immer haben sie keinerlei Absicherung. Die beiden Frauen diskutieren
       lange, welche Partei sie am Sonntag wählen könnten. Zu einem Ergebnis
       kommen sie nicht.
       
       Es wird mit einer sehr niedrigen Wahlbeteiligung gerechnet.
       
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       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Theodora Mavropoulos
       
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