# taz.de -- Es gibt kein Entrinnen
> Jan Brandt las im Theater Expedition Metropolis aus seinemBuch „Eine
> Wohnung in der Stadt / Ein Haus auf dem Land“
(IMG) Bild: Wohnungsbesichtigung: Still aus Christiane Rösingers Video „Eigentumswohnung“
Von Jan Bykowski
Es gibt kein Entrinnen. Aus der Notwendigkeit zu wohnen, gibt es kein
Entrinnen. Und darum gibt es auch aus dem Immobilienmarkt kein Entrinnen.
Egal, ob „Eine Wohnung in der Stadt / Ein Haus auf dem Land“. In seinem so
betitelten Roman, der kaum camoufliert aus dem Leben des Autors erzählt,
lässt Jan Brandt spüren, dass Wohnen mehr als ein Obdach für sich und seine
Habseligkeiten bedeutet. Es bedeutet Identität und ist Teil der
Persönlichkeit. „Die Wohnung ist unverletzlich“, lautet daher auch Artikel
13, Absatz 1 des Grundgesetzes, das dem Teil „Eine Wohnung in der Stadt“
vorangestellt ist.
Schön wäre das, doch wie weit Mieter bereit sind, diese Unverletzlichkeit
preiszugeben, zeigt sich im ersten Teil der Erinnerungen des in
Ostfriesland geborenen Autors, der in den späten 90er Jahren nach Stationen
in Köln und London nach Berlin gelangt. Es war die einzige Großstadt, in
der er sich die Mieten nach einem kostspieligen Jahr in London leisten
konnte. Die Ware, die es hier zum günstigen Preis gab, sah allerdings
entsprechend aus. Mängel in der Bausubstanz erscheinen als das kleinere
Problem, wenn man von den Übergriffen des illegal untervermietenden
Hauptmieters im noch nicht sanierten Prenzlauer Berg erfährt.
In den folgenden Wohnungen wird es kaum besser. In Kreuzberg ist das
Gebäude nur vorübergehend von besserer Qualität, dazu aber die
Nachbarschaft so anstrengend, dass nicht nur bisher undenkbare Randbezirke
als wiederum folgende Adresse in Frage kommen. Auch den möglichen
Vermietern gegenüber ist der Erzähler zu erstaunlicher Selbstaufgabe
bereit. Bei der Buchvorstellung im Theater Expeditition Metropolis merkt
man dem Autor an, wie verstörend er in der Nachbetrachtung seine eigene
Duldsamkeit empfindet.
Eine kleine Leidensgemeinschaft hat sich zur Präsentation zusammengefunden.
Die Lesung wird ergänzt durch Jan Böttcher, Mitbegründer der Band Herr
Nilsson, und Christiane Rösinger. In ihren Liedern bestätigen sie, wovon
„Eine Wohnung in der Stadt“ erzählt, von den 90er Jahren in Berlin, von
juristisch bedenklichen Mietverhältnissen in ebenso bedenklichen Wohnungen.
Diese haben sich inzwischen baulich verbessert, dafür ist man nun von
miettreibenden Sanierungen und Eigenbedarf bedroht. Ein Blick in das Video
zu Rösingers Song „Eigentumswohnung“ macht klar, wie weit es mit der
Unverletzlichkeit der Wohnung her ist, wenn der Markt Zugriff verlangt:
Eine Menge von Kaufinteressenten überrennt das Zuhause einer Mieterin und
bleibt, das Privateste eindringlich begutachtend.
Vom Guten der Wohnung, von der man als Bewohner spricht, scheint sich das
Böse der Immobilie zu trennen, die dasselbe ist, allerdings aus der Sicht
des Profiteurs. „Immobilien holen das Schlechteste aus den Menschen
hervor“, sagt der Autor. Als Zuhörer kann man sich dem Gefühl „Ja, kenne
ich auch alles“ leicht anschließen, zunehmend selbst verstört.
Wenn alles in die Stadt drängt und den Wohnungsmarkt zu einem Anbietermarkt
werden lässt, ist dann das Landleben der Ausweg? Im anderen Teil seines
Doppelromans schlägt Jan Brandt auch diese Tür zu. Denn auf dem Land steht
ein Haus seiner Vorfahren, das ebenfalls vom Geschäft mit Immobilien
bedroht ist. Zwar ist es nicht sein Elternhaus, war aber seit 1863
jahrzehntelang in Familienbesitz und wurde später zu einem Teil der
Kindheit und der Biografie des Autors. Nun ist es verkauft worden und soll
einem Seniorenzentrum weichen, die Rendite ist höher. Begeistert von der
Idee, das Gebäude zurückzukaufen, um es kulturellen Zwecken zur Verfügung
zu stellen, mindestens aber als Teil des eigenen kulturellen Archivs zu
erhalten, versucht der Erzähler, sich dem Weg des Geldes entgegenzustellen.
Am Ende steht das neue Gebäude für alte Menschen. Die Marktgesetze gelten
eben auch auf dem Land.
„Eine Wohnung in der Stadt / ein Haus auf dem Land“ ist am 17. Mai
erschienen, pünktlich zur Debatte über Vergesellschaftung großer
Vermietungsimperien in Berlin, pünktlich zu Demonstrationen gegen
Mietenwahnsinn mit Zigtausenden Teilnehmern. Wie weit lässt sich die
bestehende Wohnsituation noch belasten? Dass es eine Grenze gibt,
veranschaulicht eine Anekdote, die Jan Brandt an diesem Abend erzählt. Sie
erklärt das Cover des Buches, einen Riss in einer Wand: Auf einem Mietshaus
sei eine weitere Etage aufgebaut worden, seither geht ein Riss durch die
alte, tragende Substanz des ganzen Gebäudes. In der Stadt wird die
Unverletzlichkeit der Wohnung aufgegeben, auf dem Land verschlingt der
Profit das ganze Gebäude. Es gibt kein Entrinnen.
21 May 2019
## AUTOREN
(DIR) Jan Bykowski
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