# taz.de -- Kolumne Die eine Frage: Mit der Machete in der Hand
       
       > Wie liberal die Grünen sein können, ist für den Fraktionsvorsitzenden
       > Anton Hofreiter keine Frage. Liberal ist, wenn die anderen es einsehen.
       
 (IMG) Bild: Anton Hofreiter – nicht im Urwald sondern im Berliner Jakob-Kaiser-Haus
       
       Im peruanischen Dschungel nahe der Stadt Ayacucho begibt es sich, dass fünf
       Banditen einen Biologen aus Sauerlach ausrauben wollen. Da zieht der
       Biologe sein scharfkantiges Stemmeisen und fixiert den Chefbanditen. Seine
       Augen sagen: Ihr könnt mich killen, aber dich nehm ich mit, mein Freund. Da
       lassen die Banditen von Anton Hofreiter ab.
       
       Das ist nicht lustig, eine existentielle Erfahrung und Hofreiters
       Signature-Geschichte, [1][von der Zeit gerade wieder recycelt]. Sie lässt
       eine neue Deutung zu: So oder so ähnlich fühlen sich für den Grünen
       Fraktionsvorsitzenden offenbar auch Interviews an. Etwa unlängst mit dem
       Deutschlandfunk. Vorsicht beim Nachhören: Das tut richtig weh.
       
       Ein Journalist, der Hofreiter weder berauben, noch umbringen will, wird von
       ihm ruckzuck als Feind ausgemacht. Im Grunde sind es nur zwei Fragen zum
       [2][Schülerprotest #FridaysForFuture]. Die eine ist die Stulle-Frage nach
       der Schulpflicht. Kann nerven, aber ist halt Teil der gesellschaftlichen
       Diskussion, und da muss vom Fraktionsvorsitzenden der laut Umfragen
       zweitgrößten Partei Deutschlands mehr kommen als fünfmal auszuweichen und
       die moralische Exzellenz der engagierten jungen Leute zu feiern.
       
       So lautet folgerichtig die zweite Frage: Ob denn er die Vernachlässigung
       der Schulpflicht wegen gesellschaftlichen Engagements auch guthieße, wenn
       die Schüler gegen Einwanderung oder EU demonstrierten?
       
       ## Die Suche nach gemeinsamer Zukunft
       
       Diese Frage ist für überzeugte grüne Vertreter von Klimaschutz, EU und
       Einwanderung nicht einfach zu beantworten und deshalb sollte man zumindest
       sagen, dass das eine sehr gute Frage sei und für einen Grünen nicht einfach
       zu beantworten. Man könnte dann reflektiert die Stichworte „Spannungsfeld“,
       „Ambivalenz “ und „Dilemmata“ in die Diskussion werfen. Genau hier wird es
       ja für liberale Demokraten auf der Suche nach gemeinsamer Zukunft der
       Unterschiedlichen ernst.
       
       Hofreiter kann kein Spannungsfeld erkennen. Er kann oder will nicht
       reflektieren, dass der Journalist die offensichtlichen Widersprüche einer
       gut gemeinten „linksliberalen“ Haltung thematisieren will. Also bleibt er
       barsch beim Tenor: Das Gute ist moralisch gerechtfertigt. Was gut ist,
       entscheiden wir. Liberal ist, wenn die anderen das einsehen.
       Selbstreflexion ist nicht vorgesehen. Humorlosigkeit ist Pflicht. Da es ein
       Radiointerview ist, kann man leider nicht sehen, ob der
       Fraktionsvorsitzende Hofreiter seine Urwald-Machete in die Hand genommen
       hat. Es hört sich ein bißchen so an.
       
       Man muss allerdings sehen, dass Hofreiter auf Parteitagen bisher dafür
       gefeiert wurde, wenn er sich in Radikal-Opposition zu den Spannungsfeldern
       der Realität begab. „Und wenn wir die einzigen sind, die auf Seiten der
       Humanität stehen, dann stehen wir trotzdem auf Seiten der Humanität“,
       schrie er mal. Da war der Jubel groß.
       
       ## Feinde verjagen
       
       Es ist richtig, dass verantwortliche Minister wie CDU-Altmaier mit ihrer
       Routine des Nix-übertreiben-Prinzips bei der Erderhitzung ins Leere laufen.
       Das ist ein Grund, warum das christdemokratisch-sozialdemokratische
       Zeitalter zu Ende ist. Es braucht einen neuen Ansatz, und der könnte in
       Armin Nassehis Konzept einer „Führung durch Übersetzen“ bestehen, also in
       einer mehrheitsfähigen Politik, die die unterschiedlichen Systemlogiken der
       entscheidenden Player nicht mit einem humanistischen Basta ändern will,
       sondern sie konstruktiv vernetzen kann.
       
       Dafür muss man anders über Politik und Gesellschaft denken, man muss anders
       über und mit Menschen sprechen. Und die eigenen Widersprüche reflektieren.
       Mit der Machete in der Hand kann man Feinde verjagen. Aber keine
       Verbündeten gewinnen.
       
       Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war
       versehentlich Bettina Gaus als Autorin angegeben.
       
       19 Apr 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.zeit.de/2019/16/anton-hofreiter-gruene-fraktionschef-klimawandel
 (DIR) [2] /Schuelerinnenstreiks-fuer-das-Klima/!5583928
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
       
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