# taz.de -- „Wir müssen eben Prioritäten setzen “
       
       > In Bremen protestierten Schüler*innen gegen den Auftritt eines
       > AfD-Abgeordneten. Zoe Block über Meinungsfreiheit, Freitagsdemos und die
       > Frage, wie politisch Schule sein muss
       
       Ich war verwirrt, als ich hörte, dass der AfD-Bürgerschaftsabgeordnete
       Alexander Tassis für eine Podiumsdiskussion in unsere Schule kommt. Doch
       dann dachte ich mir: Warum denn nicht? Ich verstehe den Hass von meinen
       Mitschülern auf die AfD nicht. Die Partei wurde demokratisch gewählt, daher
       hat Tassis das Recht, in unsere Schule zu kommen. Wir müssen lernen, wie
       wir mit der AfD umgehen sollen. Wir müssen mit denen reden und dann
       sinnvolle Argumente finden. Ich fand es nicht schlimm, dass Tassis hier
       war.
       
       Meine Mama meint immer, ja, es ist wichtig, dass du dich mit Politik
       auseinandersetzt, dass du dich darum kümmerst, dir ein bisschen was
       durchliest und dir selbst einen Blick verschaffst. Die Erwachsenen denken
       ja immer, dass nur wenige Jugendliche sich für Politik interessieren. An
       meiner Schule sehe ich schon, dass durch „Fridays for Future“(FFF) ein Ruck
       durch die Schülerschaft ging. Es tauchen auch immer mehr FFF-Aufkleber an
       den Wänden auf wie „March now or swim later“. Es wird auch viel mehr
       darüber geredet. Ich habe auch das Gefühl, dass mehr Mitschüler zu den
       Demos gehen. Auch viele meiner Freunde engagieren sich, gehen auf Demos und
       so.
       
       Generell kann man sich mit vielen Jugendlichen gut über Politik
       unterhalten. Es ist oft so, wenn ich mit Erwachsenen rede, dann erlebe ich
       immer die gleiche Reaktion: Oh, du weiß ja so viel darüber. Woher kommt das
       denn? Als wäre das irgendwie ein Wunder, dass sich Jugendliche für Politik
       interessieren. Ich meine, wir reden wirklich viel darüber, ob in der Schule
       oder in unserer Freizeit. Derzeit stehen ganz oben auf unserer Liste die
       „Fridays for Future“-Demos, Artikel 13, also die EU-EU-Urheberrechtsreform,
       auch der Brexit. Und ja, natürlich die AfD.
       
       Uns wird ja oft vorgeworfen, dass wir nur zu den FFF-Demos gehen, um zu
       schwänzen. Das finde ich ziemlich krass. Ich glaube nicht, dass Schüler,
       die gerade Abitur machen, einfach mal sagen: Och, wir schwänzen jetzt jeden
       Freitag die Schule, um frei zu haben. Na klar, ist es uns wichtig, dass wir
       einen guten Abschluss bekommen. Man darf aber auch nicht vergessen: Wenn
       die Naturkatastrophen auf der Welt zunehmen, die Anzahl der
       Klimaflüchtlinge steigt, dann gibt es weniger Arbeitsplätze. Und was ist
       dann mit der Schule und unseren Abschlüssen? Wir müssen eben Prioritäten
       setzen und viele setzen sie auf die FFF-Demos statt freitags in die Schule
       zu gehen. Ich selbst versuche jeden zweiten Freitag zur Demo zu gehen, aber
       ich muss auch irgendwie mein Abi schaffen.
       
       Ich finde, die Schule darf politisch sein und Politik gehört auch in die
       Schule. Ich würde auch sagen, dass unsere Schule politisch ist und wir auf
       einem guten Weg sind. Unsere Lehrer dürfen ihre politische Meinung ja nicht
       äußern, weil sie uns nicht beeinflussen sollen. Darum finde ich es umso
       wichtiger, dass wir uns mit Politik auseinandersetzen, uns eine Meinung
       bilden und uns dazu äußern. Aber es sollte unter uns einen respektvollen
       Umgang und keine Beleidigungen geben, denn man sollte schon alle Meinungen
       akzeptieren. Wenn jemand zu mir sagt, er würde die AfD wählen wollen, dann
       würde ich mit ihm reden, mit ihm diskutieren und versuchen, zu verstehen,
       warum er so handelt. Und wenn jemand sagt, dass er AfD-Plakate abreißt,
       dann würde ich ihn auch fragen, warum? Aber die Leute fertig zu machen,
       halte ich für falsch.
       
       Ich habe extrem oft das Gefühl, dass die Politik uns vernachlässigt. Bei
       Artikel 13 hatten ein paar Millionen eine Petition dagegen unterschrieben,
       aber darauf ging die Politik überhaupt nicht ein. Wir haben generell nicht
       die Möglichkeit, uns zu äußern. Wir haben nicht das Gefühl, dass die
       Politiker sich für uns interessieren. Daher ist es wichtig, dass
       Jugendliche viel mehr in den Landtag involviert werden. Damit wir eine
       Stimme haben. Es kann doch nicht sein, dass die Erwachsenen Dinge sagen
       wie: Das sind Kinder, die wissen doch sowieso nichts. Oder, wie Christian
       Lindner von der FDP, der sagte, man sollte das den Profis überlassen. Die
       „Scientists for Future“, die Wissenschaftler, die unser Anliegen
       unterstützen, haben gesagt, dass wir ja Recht haben mit den FFF-Demos und
       den Forderungen. Respektiert uns! Protokoll Stefan Simon
       
       6 Apr 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Simon
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA