# taz.de -- Die Wahrheit: Kartoffelsäcke für Männer
       
       > Der Terror aus den Achtzigern kehrt zurück: Wir sagen nur, zwei links,
       > zwei rechts, zwei fallenlassen. Comeback der alten Masche.
       
 (IMG) Bild: Selbstgestrickt, hier auch der Pullover: Sascha Uetrecht in seinem Geschäft
       
       Was war das Grauenvollste an den achtziger Jahren? Die Musik? Die Frisuren?
       Die Erfindung des Neoliberalismus? Nichts davon. Das Fürchterlichste an den
       Achtzigern war ein Geräusch. Ein Klackern. Klicken. Klappern. Man hörte es
       überall: Es war das Geräusch von Stricknadeln, die aneinanderstießen.
       
       Die Verursacher waren Spontis und Latzhosenträger – es strickten nicht
       länger nur Omas, sondern auch junge Frauen. Sie strickten in Hörsälen,
       Kneipen und Bussen, in Wartezimmern, Theatern und im Bett, sie strickten
       unentwegt, weshalb sich auch Männer eine Beschäftigung suchen mussten und
       zum Ausgleich bald unablässig Selbstgedrehte rollten und rauchten.
       
       Die Frauen störten sich nicht an dem dichten Qualm. Sie hatten auch kein
       Mitleid mit den Schafen, die wegen des gewaltigen Bedarfs an Wolle selbst
       im Winter splitternackt herumhopsen mussten und immerzu Schnupfen hatten.
       Ich habe nie verstanden, warum es damals nicht zu Straßenschlachten
       zwischen der Frauen- und der Tierschutzbewegung gekommen ist.
       
       Um nicht falsch verstanden zu werden: Das Klackern selbst war nicht das
       Problem. Es war im Gegenteil ein sehr entspannendes Geräusch – meditativer
       als das Geklimper von Ravi Shankar. Doch darin steckte eine Drohung. Denn
       bald schon hatten die Frauen die eigenen Kleiderschränke mit den
       selbstgestrickten kartoffelsackartigen Pullovern bis zum Platzen gefüllt.
       
       ## Liebe im Lacan-Seminar
       
       Dann waren wir an der Reihe: Zum Geburtstag oder aus falsch verstandener
       Liebe schenkten sie uns ihre Sackkreationen und erwarteten, dass wir sie
       auch trugen – im Lacan-Seminar, auf dem Bots-Konzert, im Gorleben-Camp,
       immer. Und damit bin ich endlich beim eigentlichen Grauen angelangt: Denn
       die Dinger juckten. Sie juckten schlimmer als Windpocken, Mückenstiche oder
       eine Müsliallergie. Wir kratzten uns ohne Unterlass. Manche mussten das
       Rauchen aufgeben, weil sie nicht mehr dazu kamen, sich vor lauter Juckreiz
       zwischendurch mal eine zu drehen. Andere wurden schwul, um den Säcken zu
       entfliehen. Schließlich begannen die ersten Männer zurückzustricken. Es war
       der Horror.
       
       Die neunziger Jahre brachten die Rettung. Zwar ließen sich die
       Hervorbringungen der Pop-Produzenten, Friseure und Politiker auch weiterhin
       kaum ertragen, dafür aber krabbelten plötzlich Heerscharen kleiner
       silbriger Geschöpfe in die Kleiderschränke. „Motten!“, schrien die
       Strickliesel panisch, starrten auf Strickwerk mit bizarren Lochmustern,
       stopften es schluchzend in Mülltonnen und warfen verbittert ihr Strickzeug
       gleich hinterher.
       
       Auf diese Art wurden auch wir unsere Juckover los. Seitdem herrscht Ruhe.
       Es sollte uns allerdings zu denken geben, dass in den dunklen Winkeln der
       Innenstädte wieder Strickshops öffnen. Schon sieht man Bäume, Stromzähler
       und andere wehrlose Opfer in wollene Überzüge gehüllt. Wir ahnen, wie sie
       leiden, denn sie können sich ja nicht kratzen. Und wir wissen, wen es als
       nächstes treffen wird.
       
       23 Jan 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Joachim Schulz
       
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