# taz.de -- Die Berliner Vehemenz
       
       > Zwischen 1980 und 1995 wurden beide Teile der Mauerstadt umgekrempelt.
       > Die schwedische Fotografin Ann-Christine Jansson schaute hin beim
       > Häuserkampf und beim Kampf für Redefreiheit
       
 (IMG) Bild: Die ersten Love Parades fanden auf dem Kurfürstendamm statt. Die Zahl der Ravenden war 1994 noch halbwegs überschaubar. Der Tänzer hier hat aber schon außergewöhnlich viel Platz zum Tanzen
       
       Von Jörg Sundermeier
       
       Die Fotogalerie Friedrichshain, zwischen Warschauer Brücke, East Side Mall
       und Berghain gelegen, ist ein wunderbares Überbleibsel aus der DDR – 1985
       als kommunale Galerie gegründet, von den Behörden zunächst gegängelt, dann
       ums Überleben kämpfend, inzwischen eine Institution, dabei noch immer in
       kommunaler Trägerschaft. Hier werden Fotografien gezeigt, und zugleich wird
       Fotografiegeschichte erzählt. Und Berlingeschichte.
       
       In der aktuellen Ausstellung „Umbrüche 1980–1995“ werden Fotos von
       Ann-Christine Jansson gezeigt, die in jenen Jahren, in denen die Galerie
       gegründet wurde und sich fangen musste, unter anderem für die taz
       arbeitete. Die Schwedin kam 1980 nach Berlin-West und war überrascht von
       der Vehemenz, mit der in Berlin gekämpft wurde: verbal, um Wohnraum, aber
       auch auf der Straße.
       
       Jansson beschloss, sie festzuhalten, diese merkwürdige Mischung aus
       Kreuzberger Piefigkeit und lautem Lebenswillen, schoss Bilder von
       Polizisten in Kampfausrüstung und von nackten Demonstranten. So fing sie
       eine Szenerie ein, die nur in der Mauerstadt gedeihen konnte, zeigte Punks
       und Hippies, Hausbesetzerinnen mit der Sektflasche im frisch renovierten
       Bad, kopftuchtragende Tischtennisspielerinnen, fotografierte den sorgsam
       auf sorglos gestylten Blixa Bargeld, die arbeitende Nina Hagen, den leicht
       müde wirkenden Rio Reiser oder die Fahrer eines schwarz glänzenden Mercedes
       vor knallbuntem Mauerstück.
       
       Fotograf*innen machen die Wirklichkeit sichtbar, indem sie sie bannen.
       Ann-Christine Jansson tat dies in den achtziger Jahren zumeist auf
       Schwarz-Weiß-Fotos, weniger aus künstlerischem Kalkül heraus als aus
       beruflichem Pragmatismus. Einige Streifen, die in der Galerie hängen,
       dokumentieren, wie Jansson ihre Bilder nach Stockholm übertrug – in einem
       aufwendigen, dem Faxen ähnlichen Verfahren, jedes Foto mit
       handschriftlichen Kommentaren versehen. Die Bildübertragung dauerte, so
       erinnert sich Jansson, pro Bild rund 7 Minuten.
       
       Doch während sich Kreuzberg Ende der achtziger Jahre allmählich bequem in
       seiner Alternativgemütlichkeit einrichtete, zog es Jansson öfter in den
       Ostteil der Stadt. Sie besuchte jene, die dort für Redefreiheit eintraten,
       für einen demokratische Sozialismus. Oder das Gegenteil. Bemerkenswert ist
       etwa das Foto von einer Frau in der Uniform einer Betriebskampfgruppe – mit
       ihrem Schmuck und ihrer modischen Frisur unter demm Helm strahlt sie nichts
       Kriegerisches aus.
       
       Solche Alltagsfotos machen Janssons Werk aus – und anders als in ihrem
       zeitgleich erschienenen Buch „Umbrüche / Turns“ verdichten sie sich in der
       kleinen kommunalen Galerie zu einem Panorama – sie zeigen den Wandel
       Berlins im sich wandelnden Deutschland. Jansson nutzte nach 1990 vermehrt
       die Farbfotografie, nun hielt sie junge Nazis in tristen Farben fest,
       wiedergefundende Wandmalereien von SS-Schergen oder eine wilde Müllkippe,
       auf der all jene Motorräder und Kühlschränke verrotten, die plötzlich aus
       der Mode sind.
       
       Der lachende Bauer aber, der im wiedervereinigten Deutschland seine reiche
       Kartoffelernte präsentiert, oder die Ostdeutsche, die sich ihren ersten
       100-DM-Schein im Geldrausch vor die Stirn klebte – derartige Bilder zeigen
       einen anderen Lebenswillen als Janssons Fotos der frühen Achtziger. Nun
       biste nur noch, wennde hast.
       
       Ermattet tritt man daher aus der kleinen Galerie heraus in den Berliner
       Winter, der das konsumförderliche Orange der Shoppingmall gegenüber nun
       noch trister wirken lässt, als es eh schon ist. Und weiß zugleich: Es ginge
       auch anders.
       
       Fotogalerie Friedrichshain, Heslingforser Platz 1. Am 12. Januar, 15 Uhr
       führt Ann-Christine Jansson durch die Ausstellung. Bis 26. Januar
       
       5 Jan 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jörg Sundermeier
       
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