# taz.de -- Nachruf auf ein Stück Kulturgeschichte
> Die legendäre Fotobuchsammlung von Manfred Heiting fiel in Malibu den
> Flammen des Woolsey-Feuers zum Opfer. Rund 36.000 Fotobücher verbrannten
> innerhalb von Minuten
(IMG) Bild: Blick in die Bibliothek von Manfred Heiting, als die Welt noch in Ordnung war
Von Stefan Koldehoff
Nicht ohne Grund nannte Manfred Heiting seine beiden schwergewichtigen
Bände von 2012 und 2015 über das deutsche Fotobuch „Autopsie“. Gemeinsam
mit dem in Hamburg und Berlin lebenden Kunsthistoriker Roland Jaeger und
einem Team von Experten hatte er akribisch wie ein Pathologe jeden
einzelnen Band, jede Broschüre, jeden Prospekt aus der Zeit zwischen 1918
und 1945 seziert, derer er habhaft werden konnte – immer am Original aus
der eigenen Sammlung. Er beschrieb das Papier und die Drucktypen, den
Einband und den Schutzumschlag, aber auch die Marketingmaßnahmen und die
Bedeutung des einzelnen Buchs für die Geschichte des Genres und damit für
die deutsche Kulturgeschichte. Beinahe im Jahresrhythmus, und immer in
grandioser Steidl-Qualität gedruckt, folgten weitere Bände über Japan, die
Sowjetunion – und zuletzt der über die Geschichte des Fotobuchs in
Tschechien und der Slowakei.
Als dieser Band vor vierzehn Tagen, am 13. November, an den Buchhandel
ausgeliefert wurde, gab es viele der darin beschriebenen und abgebildeten
Bücher nicht mehr. Einen Tag vorher, am 12. November, war eine
unaufhaltsame Feuerwand auch über das Haus von Hanna und Manfred Heiting an
der Cuthbert Road im kalifornischen Malibu hinweggerollt. Rund 36.000
Fotobücher verbrannten innerhalb von Minuten zu Asche, dazu Fotografien,
Mobiliar – eine Heimat. Die gute Nachricht: Das Ehepaar Heiting war zu
diesem Zeitpunkt in Sicherheit: sie in einer anderen Wohnung, er in Europa.
Die schlechte, katastrophale: Der kulturelle Verlust, den die Zerstörung
der Sammlung Heiting bedeutet, ist unermesslich.
Wenn die Behauptung, eine Sammlung sei immer wertvoller als die Summe ihrer
Einzelstücke, zutrifft, dann hier. „Der Umfang war wichtig“, erläutert
Malcolm Daniel, Fotokurator am Museum of Fine Arts in Houston (MFAH), „weil
sie erst zeigte, wie viel es überhaupt gibt. Heiting hatte zum Beispiel
nicht nur eine Erstausgabe von Robert Franks Buch ‚The Americans‘. Er hatte
jede Ausgabe, in allen 20 Sprachen, in hervorragender Qualität – so konnte
man die Unterschiede sehen.“ Sollte sich ein Buch zwischen zwei Auflagen
verändert haben, wurde auch das dokumentiert und in allen Varianten
abgebildet – mit Vorder- und Rückseite und dem Schutzumschlag, der Heiting
besonders wichtig ist: „Gerade der Umschlag oder eine Bauchbinde haben
manchmal zentrale Bedeutung für die Aussage oder das Marketing eines
Buches.“ Dafür besucht er Antiquariate und Bibliotheken, andere Sammler und
Verlagsarchive und schafft es meist sogar, die sonst nirgends genannte
Druckauflage seiner Bände herauszufinden.
„Ein weltweiter Kreis aus Freunden, Beratern und Händlern hatte den Sammler
über Jahre unterstützt, diese einzigartige Sammlung nicht nur deutscher,
sondern auch japanischer, tschechischer und sowjetischer Fotobücher
zusammenzutragen“, erinnert sich Rainer Stamm, Direktor des Landesmuseums
Oldenburg, Fotografieexperte und Mitarbeiter des „Autopsie“-Projekts, das
einmal zu einer kostenlosen Online-Datenbank führen sollte.
Versprochen waren die Bücher schon seit einigen Jahren dem MFAH. Nach
Houston hatte Heiting 2002 schon seine ebenfalls legendäre Fotosammlung
verkauft: Vintage-Abzüge von Giganten der Fotografiegeschichte wie
Renger-Patzsch und Sander, Talbot und Baldus, Atget und Kühn, von Henri
Cartier-Bresson und Gustave Le Gray , Man Ray und Alfred Stieglitz und von
jenen Fotografen, die er während seiner langen Tätigkeit als
Design-Direktor der Firma Polaroid kennengelernt hatte: Ansel Adams und
Walker Evans, Minor White und Andy Warhol, Helmut Newton und Jürgen Klauke
– insgesamt 3.760 Bilder, für die deutsche Museen kein Geld hatten. Vom
Erlös begann Heiting dann systematisch Fotobücher zu sammeln. Deren
Übergabe war erst für 2023 geplant, damit bis dahin in Malibu die
enzyklopädische Forschungsarbeit fortgesetzt werden konnte. Erst 6.000
katalogisierte Bände hatte Heiting schon nach Houston übergeben.
MFAH-Direktor Gary Tinterow beklagt nun einen „schrecklichen Verlust für
die Geschichte der Fotografie- und Künstlerbücher“. Manche Bücher könnten
ersetzt werden, manche nicht, ergänzt Malcolm Daniel und erinnert an eines
von nur sieben Exemplaren des Bandes „Foochow and The River Min“, in dem
der britische Fotograf John Thomson seine Chinareise von 1870/71
dokumentierte.
Wie viel Zeit, Energie und auch privates Geld der heute 75 Jahre alte
Sammler für die Dokumentation seines ehemaligen Besitzes aufgebracht hat,
ist in der Tat gar nicht hoch genug einzuschätzen. In den umfangreichen
Steidl-Bänden lebt die Sammlung Heiting wenigstens indirekt weiter. „Es ist
unfassbar“, mailte Manfred Heiting am Samstag aus Malibu. „Eine neue
Realität setzt ein. Aber es muss ja weitergehen.“
27 Nov 2018
## AUTOREN
(DIR) Stefan Koldehoff
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