# taz.de -- Perfekte Andersartigkeit
       
       > Die neue Direktorin des Gropius-Baus kuratiert die hierzulande erste
       > Einzelausstellung der südkoreanischen Künstlerin Lee Bul
       
 (IMG) Bild: „Cyborg W1–W4“ von 1998 und „Transcription (Drift & Scatter)“, 2006
       
       Von Alicja Schindler
       
       Träume und Utopien, getragen von futuristischen Theorien, Science-Fiction
       und visionärer Architektur: „Crash“ heißt die erste Einzelausstellung der
       südkoreanischen Künstlerin Lee Bul in Deutschland. In der Werkschau zeigt
       die Kuratorin und Direktorin des Gropius-Baus, Stephanie Rosenthal, Buls
       Oeuvre seit Ende der 80er bis heute. Von den Performances über ihre Cyborgs
       bis hin zu utopischen Landschaftsvisionen. Erstmals sind auch Gemälde zu
       sehen.
       
       Wer Donna Haraways Essay „A Cyborg Manifesto“ von 1984 kennt, auf den oder
       die dürften Buls „Cyborgs“ oder die „Amaryllis and Transcription“ wie eine
       Allegorie wirken. Die weißen „Cyborgs“– fragmentierte Körperteile, die
       weniger an eine Venus von Milo als an wespentaillierte Frauenkörper
       japanischer Manga-Fantasien erinnern – hängen von der Decke und fügen sich
       in ihrer Sterilität nahtlos in den weißen Saal der Institution ein. Die
       „Amaryllis and Transcription“ genauso. Nur in ihrer Form sind sie nicht
       kantig und maschinenhaft. Mit tentakelartigen, verschlungenen Luftwurzeln
       greifen die filigranen, geflügelten Hybride um sich. Haraway benutzte die
       Metapher des Cyborg Mitte der 80er in ihrem Essay als Strategie, um der
       Binarität des westlichen Denkens zu entkommen.
       
       Kein Körper ist hier ganz. Das Thema der Unvollständigkeit und des
       Andersartigen zieht sich durch die Ausstellung. Bevor Bul 1997 mit ihrer
       Arbeit an den Cyborgs begann, lag der Fokus auf ihrem eigenen Körper. Auf
       mehreren Bildschirmen sind Buls Performances zu sehen. Eindrücklich sind
       „Cravings“ und „Abortion“ von 1989. Für Erstere trug Bul
       monströs-skulpturale Kostüme aus weichem Stoff, aus denen tentakelartige
       Gliedmaßen herauswachsen. Diese zeigt die Ausstellung als Reproduktionen.
       Für „Abortion“ hing Bul zwei Stunden nackt und kopfüber, in ein Korsett
       eingeschnürt von der Museumsdecke und verwies auf das Elend der
       Durchführung einer Abtreibung, die in Südkorea nach wie vor illegal ist.
       
       Im Interview mit der Kuratorin erzählt Bul, wie sehr es sie geprägt hat,
       „bei linksorientierten Eltern in einem Land aufzuwachsen, das damals linke
       Ideen nicht billigte“. Die Künstlerin wurde 1964 als Tochter politischer
       Aktivisten in Südkorea geboren. Aufgrund der Kontrolle während der
       Militärdiktatur musste sie als Kind mindestens einmal im Jahr umziehen.
       Deshalb habe sie früh gelernt, die Dinge in Distanz zu betrachten. Das
       zeigt sich in Buls Arbeiten. Einerseits beobachtet sie genau. Andererseits
       bleibt sie der Distanz verhaftet. Und löst sich nicht von theoretischen
       Referenzen oder figurativen Science-Fiction-Ankern. Anspielungen auf
       Literatur treffen auf die Philosophie Lyotards, die Architektur Bruno Tauts
       und auf politische Ereignisse.
       
       Durch die bruchlose Präsentation der Cyborgs, Hybride und Monster
       beschleicht einen zuweilen das Gefühl, ein Archiv von Theorien nach Haraway
       zu betrachten. Oder die institutionalisierte Andersartigkeit. Das ist erst
       mal nicht schlecht. Aber wird die Öffnung zum Nicht-Binären zwischen den
       weißen Wänden der Museumshierarchie nicht eher konserviert statt lebendig?
       
       Je weiter man sich Raum für Raum von den Reproduktionen und den Cyborgs
       entfernt, desto spannender wird es. Ihre Gemälde sind es, die eine neue
       Sicht auf die Künstlerin ermöglichen. Die Kuratorin musste Bul dazu
       überreden, sie erstmals ausstellen zu dürfen. In ihnen entspinnt Bul immer
       noch erzählerische Referenzen mit Haaren und Blüten auf Samt und Seide.
       Aber sie lässt hier Leerstellen zu. Zum Schluss fühlt man sich Bul nah.
       Ihrer ästhetisch ausformulierten Perspektive als Südkoreanerin, als Frau,
       als Mensch. Zwischen der Fragilität des Körpers und Technik, Theorie,
       Politik. Und das ist vielleicht das, was zählt.
       
       Bis 13. Januar, Martin Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, Di–So 10–19 Uhr
       
       10 Oct 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alicja Schindler
       
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