# taz.de -- tazđŸŸthema: Gute Spirituose, böse Musik
       
       > Sie nennen es Alkotainment: Wenn guter Geschmack in Sachen Whisky mit
       > gutem Geschmack in Sachen schwerer Musik zusammengeht, kommt etwas sehr
       > Gutes raus
       
 (IMG) Bild: Harter Stoff, gute Laune
       
       Von Xenia Helms
       
       The light music of whisky falling into a glass – an agreeable interlude 
       
       James Joyce, Dubliners
       
       Distinktion ist fĂŒr viele Menschen eine wichtige Funktion von Musik und
       Grundlage von Subkulturbildungen. Ebenso funktioniert die Kombination von
       Dingen, die scheinbar wenig miteinander zu tun haben. Countrymusik und
       Tischtennis oder Skateboard fahren und Punk zum Beispiel. Auch die
       intensive BeschÀftigung mit bestimmten Lebensmitteln oder GetrÀnken kann
       auf dem Wunsch nach Abgrenzung oder Erhabenheit beruhen – oder schlicht
       einer althergebrachten Tradition geschuldet sein: Fußballfans trinken Bier,
       Rocker stehen auf Speed, Raver schmeißen E und das Krankenhauspersonal hat
       den SchlĂŒssel fĂŒr den Apothekerschrank 

       
       Unter dem Motto „Good Whisky. Evil Music. Charming Staff“ veranstaltet der
       Musiker Peter Votava aka DJ Pure seit etwa acht Jahren
       Spirituosenverkostungsabende, an denen er good whisky und evil music
       kredenzt. Die „böse Musik“ seiner Wahl ist Doom Metal, jene Spielart, die
       von schweren, langsamen Gitarrenriffs geprÀgt ist. Gemeinsam mit dem
       dĂ€nischen KĂŒnstler und Komponisten Lars Lundehave Hansen veranstaltet er
       die Reihe „Taste The Doom“ an international wechselnden Orten. FĂŒr jeden
       dieser Abende gibt es limitierte Eintrittskarten, die von den maximal 32
       GĂ€sten persönlich abgeholt werden mĂŒssen. Denn es wird ein eigenes MenĂŒ
       kreiert, das aus sieben ausgewÀhlten Whiskys mit passend abgestimmten
       MusikstĂŒcken besteht – und die Hingabe fĂŒr den Stoff ist essenziell. Die
       beiden „Alkotainer“ fĂŒhren das andĂ€chtige Publikum durch den Abend, leiten
       den richtigen Trinkvorgang an und geben, bei stetig steigendem
       Promillespiegel, aufwendig zusammengetragene Anekdoten zu den Bands und
       Destillerien zum Besten. Durch die extensive LĂ€nge der Doom-Metal-StĂŒcke
       ergibt sich quasi automatisch fĂŒr jeden Whisky eine angemessene
       Verkostungszeit. Oder wie es ein Gast beschreibt: „Die beiden stehen vorne
       wie Lehrer vor der Klasse. Sie erklÀren, wie man was wann zu trinken hat
       und was alles im Mund passieren soll. Das ist ein Feuerwerk im Mund.
       Zwanzig Minuten Geschmacksexplosion von Himmel, Erde, Holz zu NĂŒssen. Wie
       von einer Blumenwiese auf dem Friedhof.“ Wie Votava im GesprĂ€ch berichtet,
       geben die Whiskys dabei oft wesentlich mehr Unterhaltungsstoff fĂŒr die
       PrÀsentation her als die immer gleichen Werbetexte der harten Kapellen.
       WĂ€hrend Erstere die Verbalakrobatik des Sommeliers befeuern, geht es in
       Letzteren selten mehr als um die Vor- und Nachteile des Lebens auf dem
       Lande oder in der Stadt, Cannabiskonsum und die Schlechtigkeit der Welt.
       
       Offener und informeller kommt darum auch das Format „Slowlands“ daher,
       welches in der Kinobar des Sputnik Kinos in Berlin-Neukölln stattfindet.
       Auch hier ist die Musik böse, aber genreoffener. Der Name ist ein
       Kofferwort aus Lowlands, einer berĂŒhmten schottischen Whiskyregion, und
       slow – langsam, dem Doom-typischen musikalischen Tempo. Die Whiskyauswahl
       ist zwar ebenso exquisit, aber Ă  la carte, und sie wird nicht publik
       moderiert. GrĂ¶ĂŸten Wert wird auf charmante Bedienung gelegt, was fĂŒr Peter
       Votava vor allem Leidenschaft fĂŒr den Stoff, Kompetenz und
       Warenkundekenntnisse bedeutet, die den GĂ€sten auf Nachfrage freimĂŒtig
       mitgeteilt werden. Das flĂŒssige Gold kommt dabei keineswegs nur aus
       Schottland und den Vereinigten Staaten. Votava und Hansen sind stets auf
       der Jagd und im Wettstreit miteinander nach raren und skurrilen Tröpfchen.
       Und so finden sie ihre SchÀtze nicht nur in Berlin oder Kopenhagen, sondern
       auch auf FlughĂ€fen, Bars wie dem „Offside Pub“ in Berlin-Wedding und in
       kleinen SpezialgeschÀften, die sie in aller Welt auf ihren Tourneen als
       Musiker aufsuchen.
       
       Der alte Dreisatz „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ gilt also auch fĂŒr die
       Spielarten des harten Klangs. So bringen Bands inzwischen auch Spirituosen
       und andere berauschende GetrÀnke auf den Markt. Oder geben zumindest ihren
       Namen dafĂŒr her, wie man es von Tennisspielerinnen und ParfĂŒms kennt. Die
       Zutaten des „Motörhead XXXX Whisky“ der schwedischen Whisky-Destille
       Mackmyra wurden angeblich vom inzwischen verstorbenen Ian „Lemmy“ Kilmister
       und seinen Motörhead-Kollegen persönlich ausgewÀhlt, sogar die ReifefÀsser
       sollen sie selbst ausgesucht haben. Ob und wie dem passionierten Trinker
       von „Jack ’n’ Coke“, also Jack Daniels mit Cola, eine der 5.004 Flaschen
       gemundet hat, ist hingegen nicht ĂŒberliefert.
       
       Ende August stellte die Band Metallica ihren „Blackened American Whiskey“
       vor, der in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Maker’s-Mark-Brennmeister
       Dave Pickerell entstand, der inzwischen eine Consultingfirma fĂŒr
       Whiskyunternehmungen und eine Kleinstbrennerei fĂŒr Roggenwhiskys betreibt.
       Das Logo der Bombastrocker Rammstein prangt auf den Wodkaflaschen der Marke
       Feuerwasser einer Berliner Destillerie; AC/DC und Iron Maiden verkaufen
       Bier; andere Bands wie Kreator, Kiss, Pink Floyd oder Slayer machen in
       Wein. Vertrieben wird der Stoff zum Beispiel vom SpezialversandgeschÀft
       Metal+Wine im Internet, frei nach dem Motto „In vino verita (sic!) – In
       Metal we trust!“. Selbst der als Metalhead gĂ€nzlich unverdĂ€chtige
       YouTube-Whisky-Experte Horst LĂŒning ließ sich hinreißen, ein 45-minĂŒtiges
       Video ĂŒber sein Festivalerlebnis in Wacken mit der Verkostung eines
       Edradour zu verknĂŒpfen, der den Dudelsackrockern Red Hot Chili Pipers
       (nicht mit den „Peppers“ zu verwechseln) gewidmet ist.
       
       Votava, der in den 1990er Jahren mit seiner Technoband Ilsa Gold auch
       Erfahrungen mit Majorlabels sammeln durfte, nennt das „Marketingnonsense
       auf unterstem Niveau“. Er hat seinen Gaumen inzwischen auch anderen
       Spirituosen geöffnet, seine Sammelgebiete erweitert und kredenzt ab sofort
       auch seltene, ausgewÀhlte GetrÀnke wie Rum, Gin und Mezcal in einer
       kleinen, noch namenlosen Bar in Berlin-Mitte.
       
       22 Sep 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Xenia Helms
       
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