# taz.de -- Venezolaner raus! Brasilien schafft das nicht
       
       > Ende der Gastfreundschaft: Polizei und Armee schauen zu, wie aus einem
       > brasilianischen Grenzort tief im Amazonas-Regenwaldgebiet alle
       > Venezuela-Flüchtlinge verjagt werden
       
 (IMG) Bild: Venezolaner überqueren in die Grenze nach Pacaraima in Brasilien, März 2018. Jetzt sind sie nicht mehr willkommen und laufen in die Gegenrichtung
       
       Von Andreas Behn,Rio de Janeiro
       
       „Lieber verhungere ich in Venezuela, als hier in Brasilien misshandelt zu
       werden“, sagte ein verzweifelter Flüchtling auf dem Weg zurück in sein
       Heimatland. Hunderte Venezolaner überquerten am Samstag die Grenze –
       retour. In Pacaraima, einer kleinen brasilianischen Grenzstadt von knapp
       15.000 Einwohnern, sind sie nicht mehr willkommen. Die Stimmung war schon
       lange angespannt. Jetzt haben aufgebrachte Bewohner Hunderte Zelte und die
       Habseligkeiten der Migranten niedergebrannt.
       
       Anlass der Übergriffe war der Überfall auf einen Unternehmer in der Stadt.
       Angehörige sagten, Venezolaner hätten ihm am Freitagabend aufgelauert und
       ihn verletzt. Offenbar der Anlass, auf den die Bürger von Pacaraima
       gewartet haben. In sozialen Netzwerken mobilisierten sie, am
       Samstagvormittag ging’s los. Freimütig erzählen sie der lokalen Presse, wie
       sie gegen das große Flüchtlingslager und auch viele auf der Straße lebende
       Flüchtlinge vorgegangen sind. Nachdem alle Venezolaner weg waren,
       blockierten sie stundenlang die Schnellstraße von der Grenze Richtung Boa
       Vista, Hauptstadt des Bundesstaats Roraima.
       
       Geschätzt lebten zu dem Zeitpunkt gut 1.000 Venezolaner in Pacaraima,
       darunter viele Familien mit kleinen Kindern. Das Ziel war, alle aus dem
       Stadtgebiet zu vertreiben. Der Mob erreichte sein Ziel innerhalb weniger
       Stunden. Einige Flüchtlinge hatten Angst, zu Fuß durch die Stadt Richtung
       Grenze zu gehen. Nach eigenen Angaben bot die Polizei an, sie in Bussen zur
       Grenze zu transportieren. Über Verletze gibt es bislang keine Berichte.
       Augenzeugen zufolge ließen Polizei und Militärs den Mob gewähren. Jenseits
       der Grenze sollen Rückkehrer dann auf Gruppen von Brasilianern eingeprügelt
       haben. Die brasilianische Regierung kündigte an, Soldaten in die Region zu
       entsenden.
       
       Die schwierige Lage an der Grenze hat Brasilien lange vernachlässigt. Seit
       2016 wurden rund 120.000 venezolanische Migranten in Brasilien gezählt, von
       denen über die Hälfte in andere Länder weiterzog. Weder Behörden noch
       Bewohner wurden dabei unterstützt, mit der Ankunft Zehntausender Migranten
       umzugehen. Nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge wird auf Initiative der
       Regierung in andere Landesteile umverteilt. Brasilien, selbst mitten in
       einer Wirtschaftskrise, fühlt sich überfordert.
       
       Ein bizarrer Justizstreit symbolisiert den Konflikt: Zuerst verfügt ein
       lokales Gericht die Schließung der Grenze in Pacaraima aufgrund von
       humanitären Problemen. Stunden später urteilt das Oberste Gericht in
       Brasília, dass die Grenze aus humanitären Gründen geöffnet bleiben muss.
       Die Hauptstadt liegt 4.500 Kilometer entfernt.
       
       Selbst für brasilianische Verhältnisse ist Pacaraima eine abgelegene
       Region. Der Ort liegt in einer Steppenlandschaft, die rundherum vom
       amazonischen Tropenwald umgeben ist. Eine einzige asphaltierte Straße führt
       durch die Hochebene und verbindet – parallel zur Grenze mit Guyana –
       Venezuela mit Brasilien. Auf venezolanischer Seite liegt die einmalige
       Tafelberglandschaft Gran Sabana, ein kaum bewohntes Naturschutzgebiet. Dort
       leben vor allem Indígenas. Sie waren die Ersten, die vor der dramatischen
       Versorgungskrise in Venezuela flüchteten. Später wählten auch Venezolaner
       aus anderen Landesteilen diese Route, da die Grenzübergänge Richtung
       Kolumbien schon überlastet waren.
       
       Mit den Flüchtlingen kamen auch Krankheiten, vor allem die Masern, sagen
       Einwohner von Pacaraima. Große Armut herrscht dort nicht, aber auch kein
       Wohlstand. Die anfängliche Gastfreundschaft ist längst in Vorbehalte
       umgeschlagen. Viele Ankömmlinge machen sich deswegen zu Fuß auf den Weg ins
       215 Kilometer entfernte Boavista.
       
       20 Aug 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Behn
       
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