# taz.de -- Am blonden Haar ersticken
       
       > Was das Glück mit Fluglärm zu tun hat und mit Privilegien und Normen: Die
       > Ausstellung „Lucky“ in der nGbK hinterfragt mit die Rede vom Glück mit
       > Kunstwerken und aus queer-feministischer Perspektive
       
 (IMG) Bild: Aus der Kleingartenkolonie unter Fluglärm: Anaïs Senli, „2. Local Warming“, Videostill 2018
       
       Von Inga Barthels
       
       Der Hochzeitstag ist der glücklichste Tag im Leben einer Frau. So heißt es
       zumindest in einer Unmenge von Magazinen, Filmen und Büchern. Die
       rumänische Künstlerin Ileana Pascalau hat diesem Tag ein Denkmal gesetzt
       und ein Brautkleid mitsamt Schleier in Silikon gegossen. Es schimmert
       bläulich, mystisch, schön. Doch wer genauer hinsieht, erkennt dunkle Punkte
       im weißen Stoff. Unzählige kleine Würmer tummeln sich in der Skulptur.
       Pascalau will mit ihrer Arbeit den Mythos der glücklichen Braut
       hinterfragen. Ist normative Zweisamkeit wirklich der Schlüssel zum Glück?
       Oder bietet die Institution der Ehe nicht auch oft einen Schutzraum für
       Erniedrigung und Verbrechen? Schließlich ist Vergewaltigung in der Ehe auch
       in Deutschland erst seit zwanzig Jahren strafbar.
       
       Pascalaus Skulptur ist eine von 15 Arbeiten, die in der neuen Gesellschaft
       bildender Kunst (nGbK) im Rahmen der Ausstellung „Lucky“ zu sehen sind. Das
       queer-feministische Kurator*innenkollektiv Coven Berlin hat sich für die
       Schau mit Vorstellungen des Glücks auseinandergesetzt. Sprüche wie „Jeder
       ist seines Glückes Schmied“ sind allgegenwärtig, doch nicht alle Menschen
       bekommen überhaupt die Chance, Glück zu haben und glücklich zu sein. Coven
       will mit der Schau das Glück als kulturellen Mythos entlarven, der
       Privilegien normalisiert und so gesellschaftliche Veränderungen bremst.
       
       ## Körperliches Unbehagen
       
       In der Ausstellung geht es also weniger um Glücksmomente, als um
       verschiedene Formen der strukturellen Diskriminierung. Eine der
       beeindruckendsten Arbeiten kommt von der Künstlerin Nicola Awang aus
       Trinidad und Tobago. In dem Kurzfilm „refahmation“ sind zwei an einem Tisch
       sitzende Women of Color zu sehen. Auf ihren Tellern liegen Berge von
       blondem Kunsthaar, die sie zu verschlingen beginnen. Wie sich die Frauen
       das Haar in den Mund stopfen und fast daran ersticken, löst im
       Betrachtenden des Videos selbst körperliches Unbehagen aus. Und kann
       vielleicht einen kleinen Einblick geben in das unablässige Bombardement mit
       westlichen Schönheitsidealen, allen voran das Ideal glatter, blonder Haare,
       denen Women of Color ausgesetzt sind.
       
       Begleitet wird die Schau in der nGbK von einer Vielzahl an Performances,
       Filmen und Gesprächen. Am Samstagabend diskutierten Tanja Abou, Ruby Sircar
       und Anne Potjans aus einer feministischen Perspektive über das Verhältnis
       des Glücks zu Arbeit, Klasse und Kapitalismus und die Frage, was „harte
       Arbeit“ bedeutet. Alle drei bewegen sich im akademischen Kontext und sind
       dort verschiedenen Diskriminierungsformen ausgesetzt. So bezeichnet sich
       Tanja Abou selbst als „Unterschichtsakademikerin“. Sie sieht „harte Arbeit“
       als Spaltungsbegriff, der arme Menschen gegeneinander ausspielt, während
       Wohlhabende sich selbst verwirklichen dürfen. Alle drei sind sich einig:
       Glück haben kann oft nur, wer bereits privilegiert ist. Der Ausschluss von
       höherer Bildung durch die soziale Herkunft beginnt früh und wird im Studium
       fortgesetzt, durch die komplizierte Sprache oder die Normalisierung
       unbezahlter Praktika. In der neoliberalen Arbeitswelt werden
       Errungenschaften der Vergangenheit wie feste Arbeitszeiten und Solidarität
       in Form von Gewerkschaften aufgelöst und durch Maxime der Individualität
       und Flexibilität ersetzt. Strukturelle Diskriminierung kommt in
       neoliberalen Diskursen darüber, wer sich Erfolg und Glück durch harte
       Arbeit verdient hat, so gut wie nicht vor.
       
       Wie vielfältig Benachteiligungen durch soziale Klasse sind, macht eine
       Arbeit der spanischen Künstlerin Anaïs Senli deutlich, die sich mit der
       Frage von Umweltgerechtigkeit beschäftigt. Für ihr Projekt „Local Warming“
       hat Senli Gespräche mit Anwohner*innen einer Kleingartenkolonie in
       Reinickendorf geführt und dort recherchiert. Eine Studie von 2015 hat
       gezeigt, dass die Anwohner*innen der Scharnweberstraße durch die Nähe zum
       Flughafen Tegel erheblicher Luftverschmutzung und Lärmbelastung ausgesetzt
       sind, was dazu führt, dass sie eine niedrigere Lebenserwartung haben als
       andere, besser situierte Stadtbewohner*innen.
       
       Die Ergebnisse präsentiert Senli in einem Mini-Gewächshaus, in dem keine
       Pflanzen, sondern nur Kies und Asphalt den Boden bedecken – mangelnde
       Grünflächen sind ein weiteres Problem in dem Stadtteil. Immer wieder
       schallt ohrenbetäubender Fluglärm durch Lautsprecher. Auf zwei Bildschirmen
       sind idyllische Bilder aus der Kleingartenkolonie und Zitate der
       Anwohner*innen zu sehen. Viele hätten Angst, dass Tegel geschlossen wird,
       da dann die Mieten in die Höhe schießen, lautet eine Aussage. Die
       Anwohner*innen wissen, dass die Flugzeuge sie krank machen. Für einen Ort
       zum Leben nehmen sie das Gesundheitsrisiko in Kauf.
       
       „Lucky“ in der nGbK, Oranienstr. 25, tägl. 12-19 Uhr, Mi.–Fr. 12–20 Uhr,
       bis 2. September
       
       24 Jul 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Inga Barthels
       
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