# taz.de -- nordđŸŸthema: Eine Frage der Haltung
       
       > Ein neuer pĂ€dagogischer Ansatz im Fokus der Weiterbildung: Die „Neue
       > AutoritĂ€t“ will PĂ€dagogInnen helfen, ohne Bestrafungen mit aggressivem
       > und destruktivem Verhalten von Kindern und Jugendlichen umzugehen
       
 (IMG) Bild: Vorbild Martin Luther King: Der US-BĂŒrgerrechtler (hier am 28. August1963 vor Demonstranten am Lincoln Memorial in Washington, D. C.) kann mit seinen Ideen von Gewaltfreiheit als eine Grundlage der „Neuen AutoritĂ€t“ gelten. Deren wichtigster Vertreter ist der Tel Aviver Psychologe Haim Omer (l.)
       
       Von Marthe Rudat
       
       Was mache ich, wenn ein SchĂŒler oder eine SchĂŒlerin andere schlĂ€gt? Wie
       gehe ich mit Provokationen und verbalen Angriffen richtig um? Wenn
       Konsequenzen und Strafen bei Kindern und Jugendlichen nicht helfen,
       gelangen LehrerInnen, ErzieherInnen und andere FachkrÀfte im Umgang mit
       inakzeptablem Verhalten ihrer SchĂŒtzlinge hĂ€ufig an ihre Grenzen, sind
       frustriert und ĂŒberlastet.
       
       [1][Haim Omer, Professor fĂŒr klinische Psychologie in Tel Aviv], hat als
       Antwort auf diese Problematik ein Konzept entwickelt, das die traditionelle
       Vorstellung von AutoritĂ€t durch eine Neue AutoritĂ€t ersetzt. Es grĂŒndet auf
       der Idee des gewaltfreien Widerstands von Mahatma Gandhi und Martin Luther
       King. Gehorsam und Kontrolle weichen professioneller PrÀsenz und
       deeskalativer Beziehungsarbeit.
       
       Gemeinsam mit seinem OsnabrĂŒcker Kollegen Arist von Schlippe brachte Omer
       [2][das Konzept] vor knapp 15 Jahren nach Deutschland. FachkrÀfte aus
       PÀdagogik, Sozialarbeit und Psychologie können durch Fortbildungen die
       Grundlagen dieses Konzepts erlernen und sich zum Coach fĂŒr Neue AutoritĂ€t
       ausbilden lassen.
       
       „Neue AutoritĂ€t ist eine Haltung, keine Technik“, sagt Klaus Peters. Er
       arbeitet in der Kinder- und Jugendhilfe sowie als Psychotherapeut in
       Hamburg und bietet gemeinsam mit seinen Kolleginnen bei Ankerplatz 3 solche
       Fortbildungen an. Anders als verhaltenstherapeutische AnsÀtze, bei der
       konkrete Verhaltensweisen trainiert werden, basiert das Konzept der Neuen
       AutoritÀt auf einer systemischen Idee. Den Kindern und Jugendlichen soll
       also nicht anerzogen werden, wie sie sich zu verhalten haben.
       
       Stattdessen bildet eine stabile Beziehung die Basis fĂŒr den Umgang mit
       Problemen. Grundlage dafĂŒr ist die StĂ€rkung und Sicherheit der
       Erziehungsverantwortlichen. Sie machen sich selbst klar, was ihnen in der
       Arbeit wichtig ist und machen ihr Handeln damit unabhÀngig vom Verhalten
       ihres GegenĂŒbers. Die PĂ€dagogInnen zeigen den Kindern und Jugendlichen,
       dass sie auch in schwierigen Situationen ohne Wenn und Aber fĂŒr sie da
       sind. Dennoch gelten klare Regeln fĂŒr den gemeinsamen Umgang. Omer und
       Schlippe nennen das die „professionelle PrĂ€senz“ und „wachsame Sorge“.
       
       Bestrafungen werden dadurch hinfĂ€llig. „Durch Strafen unterlassen Kinder
       und Jugendliche ihr Verhalten zwar vielleicht, sie verstehen aber den Grund
       fĂŒr die Bestrafung nicht unbedingt“, erklĂ€rt Peters. „Wenn sie hingegen den
       entstandenen Schaden – vielleicht mit UnterstĂŒtzung – wieder gut machen,
       ist die Beziehung nicht weiter belastet.“
       
       Im Sinne der Neuen AutoritĂ€t erklĂ€ren Erwachsene ihren SchĂŒtzlingen also,
       basierend auf ihren klar formulierten Werten, warum ein bestimmtes Tun fĂŒr
       sie nicht in Ordnung ist. Es folgt jedoch keine unmittelbare Konsequenz
       durch Bestrafung. Stattdessen gehen die PĂ€dagogInnen immer wieder
       vorbehaltslos und mit Wohlwollen auf die Kinder und Jugendlichen zu,
       sprechen die Problematik immer wieder an, geben der Konfliktlösung viel
       Zeit. „So kommen die Kinder selbst zum Denken und reflektieren ihr eigenes
       Handeln.“ Im besten Fall sehen sie ihr Fehlverhalten ein. Genau darin
       besteht laut Peters der Vorteil des Konzepts der Neuen AutoritÀt. Es
       entlaste die Verantwortlichen vom Zwang der schnellen Reaktion und
       verhindert die MachtkĂ€mpfe, mit denen sie sich hĂ€ufig selbst unwohl fĂŒhlen.
       
       In der Ausbildung von PĂ€dagogInnen und ErzieherInnen hat sich das Konzept
       der Neuen AutoritÀt noch nicht durchgesetzt. Das Hamburger Landesinstitut
       fĂŒr Lehrerbildung und Schulentwicklung bietet fĂŒr BerufsanfĂ€ngerInnen,
       BeratungslehrerInnen und SchulleiterInnen jedoch bereits einige
       entsprechende Fortbildungen an. Auch sozialpÀdagogische FachkrÀfte können
       am Hamburger SozialpÀdagogischen Fortbildungszentrum lernen, mit
       professioneller PrÀsenz mit destruktiven Verhaltensweisen von Kindern und
       Jugendlichen umzugehen.
       
       „Das Konzept kann aber nicht durchgehalten werden, wenn nur eine Person
       eine Fortbildung besucht oder ein Buch liest“, sagt Klaus Peters. Die
       PĂ€dagogInnen brĂ€uchten den RĂŒckhalt wenigstens einiger KollegInnen, sonst
       laste zu viel Druck auf den Einzelnen. Die UnterstĂŒtzung durch andere ist
       deshalb elementarer Bestandteil der Neuen AutoritÀt.
       
       Das [3][Netzwerk Neue AutoritÀt Hamburg] bietet VortrÀge und Fortbildungen
       fĂŒr interessierte TrĂ€ger und Einrichtungen in Hamburg und dem Umland an.
       Wer das Konzept in seinem Team oder seiner Einrichtung selbst voranbringen
       möchte, kann sich berufsbegleitend zum Coach fĂŒr Neue AutoritĂ€t ausbilden
       lassen, zum Beispiel beim [4][Systemischen Institut fĂŒr Neue AutoritĂ€t]
       (Syna) im niedersÀchsischen Bramsche. Die TeilnehmerInnen können sich dort
       auf einen bestimmten Arbeitsbereich spezialisieren, etwa das Coaching im
       Kontext Schule.
       
       Die Fortbildung umfasst insgesamt 14 Unterrichtstage und kostet etwa 2.000
       Euro. Es können jedoch auch einzelne Module besucht werden, wodurch sich
       die Kosten entsprechend reduzieren. Das Syna bietet ebenfalls
       Inhouse-Fortbildungen fĂŒr interessierte Einrichtungen in ganz Deutschland
       an.
       
       Einen [5][Grundkurs Neue AutoritÀt] können FachkrÀfte aus pÀdagogischen,
       sozialen oder psychologischen Berufen an der Via-Nova-Akademie in Itzehoe
       absolvieren. Das sechstÀgige Seminar kostet 825 Euro. Beide Fortbildungen
       sind noch nicht durch die entsprechenden FachverbÀnde zertifiziert und
       werden deshalb nicht fĂŒr Bildungsurlaubstage anerkannt.
       
       Auch Eltern, deren Beziehung zu ihren Kindern durch Konflikte geprÀgt ist,
       können mit Hilfe des Konzepts der Neuen AutoritÀt neue Möglichkeiten im
       Umgang mit ihren Kindern kennenlernen. Entsprechende Coachings werden in
       der Regel durch die SozialpÀdagogische Familienhilfe gefördert und sind
       dadurch meist kostenlos.
       
       Haim Omer/Arist von Schlippe: „AutoritĂ€t ohne Gewalt. Coaching fĂŒr Eltern
       von Kindern mit Verhaltensproblemen“, Vandenhoeck & Ruprecht 2016, 214 S.,
       28 Euro;dies.: „StĂ€rke statt Macht. Neue AutoritĂ€t in Familie, Schule und
       Gemeinde“, Vandenhoeck & Ruprecht 2016, 360 S., 28 Euro;
       
       Haim Omer/Philip Streit: „Neue AutoritĂ€t. Das Geheimnis starker Eltern“,
       Vandenhoeck & Ruprecht 2016, 145 S., 15 Euro
       
       7 Jul 2018
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://people.socsci.tau.ac.il/mu/haimomer/cv/
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=I83VwInV5Gg
 (DIR) [3] /www.neueautoritaet-hamburg.de/:
 (DIR) [4] https://www.neueautoritaet.de/
 (DIR) [5] /www.vianova-akademie.de/events/events/Grundkurs_Neue_Autorit%C3%A4t_2018.html:
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marthe Ruddat
       
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