# taz.de -- Tschüss, Kohle
> Eindrucksvolles Statement für das Ruhr-Kulturgebiet: die Mammutschau
> „Kunst & Kohle“ mit 20.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, die derzeit
> in 17 Ruhrkunstmuseen parallel zu besuchen ist
(IMG) Bild: Ibrahim Mahama, „Coal Market“, 2018
Von Max Florian Kühlem
Kunst und Kohle, das sind zwei Pole, zwischen denen das Ruhrgebiet
schwingt. Die Kohle geht noch in diesem Jahr, am 21. Dezember bekommt sie
ihre „zentrale Abschiedsveranstaltung“ auf der Zeche Prosper Haniel in
Bottrop, die als letzte aktive Steinkohlezeche schließt. Die Kunst ist
dafür weiter im Kommen – das wird zumindest gern behauptet, zum Beispiel
von Stadtmarketing-Agenturen, die in der Region um die sogenannte kreative
Klasse buhlen und Flair und Entwicklungspotenzial versprechen wie im Berlin
der 1990er Jahre. Die Wahrheit liegt naturgemäß irgendwo anders und
Ferdinand Ullrich kommt ihr nahe, wenn er sagt: „Dass das Ruhrgebiet Kunst-
und Kulturgebiet sei, ist noch Behauptung. Wir versuchen, sie wahr zu
machen.“
Ullrich ist Projektleiter der Mammutschau „Kunst & Kohle“, die tatsächlich
als eindrucksvolles Statement für das Ruhr-Kulturgebiet stehen kann: Sie
füllt 20.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in 17 von 20 Museen, die sich
vor zehn Jahren zum Verbund Ruhrkunstmuseen zusammengefunden haben. Diese
Dichte von Kulturstätten in einer überschaubaren Region ist europaweit
einzigartig – und das Symbol, das von dieser gemeinsamen Anstrengung
ausgeht, gewaltig. Es kann für die Haupttugenden des Bergbaus stehen, die
man hier gerne hochhält – Solidarität und Verlässlichkeit.
Dabei herrschen umgekehrte Verhältnisse: Während das überregional bekannte
Flaggschiff Museum Folkwang bloß in der eigenen Sammlung gekramt hat, um
mit im Katalog zu stehen, und Ideallandschaften des Industriegebiets aus
der Radierwerkstatt Hermann Kätelhöns (1884–1940) zeigt, hat zum Beispiel
das eher regional wirkende Emschertal-Museum in Herne einen aktuellen Star
der Kunstszene abbekommen: Ibrahim Mahama, der vergangenes Jahr auf der
documenta in Kassel Torhäuser mit Jutesäcken verhüllte, hat diese Aktion
unter dem Titel „Coal Market“ für das Herner Schloss Strünkede modifiziert.
Um zu verstehen, wie das Ruhrgebiet in Bezug auf Kunst und Kultur tickt,
mag man sich eine kleine Szene aus dem Park um das Wasserschloss vor Augen
führen: Hier geht Willi Zehrt, Künstler, Herner Original und kritischer
Geist, gern mit seinem Hund spazieren. „Ich finde das Kunstwerk nicht gut.
Es ist eine Kopie von Christo“, sagt er mit abschätzigem Blick auf die
ersten Jutefahnen, die um die Wände schlackern. Eigentlich sei es sogar
eine doppelte Kopie, weil der Künstler bei der documenta ja schon dasselbe
getan habe. Doch dann schiebt Zehrt hinterher: „Aber toll, dass so etwas
nach Herne kommt!“ Die Kunst taugt also nichts, aber wenigstens passiert in
der Peripherie überhaupt mal was.
Bis auf die Tatsache, dass er auch Gebäude verhüllt, hat Ibrahim Mahamas
Kunst mit Christo allerdings nicht viel gemein: Er verhüllt mit benutztem,
verschlissenem, verstaubtem Material, das von der globalisierten Warenwelt
erzählt: Die Jutesäcke werden in Asien hergestellt, rund um den Globus
vertrieben, in Ghana zum Verpacken von Kakao, Kaffee oder Reis verwendet
und am Ende ihres Gebrauchswegs für den Transport von Kohle – auch den
Export nach Europa.
Dass Mahama mit dieser Art zu arbeiten gerade rund um den Globus tourt, ist
nur folgerichtig: Sein Werk zirkuliert auf dem Kunstmarkt wie Waren im
Welthandel. In Herne korrespondiert sein Werk direkt mit dem Ort, seiner
Geschichte und Gegenwart: Anfang des 20. Jahrhunderts ging das Schloss
Strünkede an die Harpener Bergbau AG und wurde zum Symbol des neuen
Reichtums der Region durch Bergbau. Heute schließt hier zwar die letzte
Zeche. Unter der Erde liegt allerdings noch Kohle für mehrere hundert
Jahre. Der Abbau ist der kapitalistischen Logik folgend bloß unrentabel und
für die weiter betriebenen Kraft- und Stahlwerke wird deshalb Kohle aus
Regionen importiert, in denen Löhne und Arbeitsschutz weit unter den von
Arbeitern hart erkämpften Standards des Ruhrgebiets liegen.
Auf rund 220 Millionen Euro beziffern sich die sogenannten Ewigkeitskosten
des Ruhrbergbaus – pro Jahr. Mit diesem Geld wird zum Beispiel das
Grundwasser des durch Schachtanlagen abgesackten Ruhrgebiets abgepumpt,
damit aus dem Städteteppich keine Seenlandschaft wird. Dass jetzt rund 2,5
Millionen Euro für die Schau „Kunst & Kohle“ zu Verfügung stehen – unter
anderem von der RAG-Stiftung, die die Ewigkeitskosten trägt –, verdeutlicht
das Verhältnis von Kunst und Kohle im Gebiet. Trotzdem hat die Summe den
Museen außergewöhnlich starke Auftragswerke erlaubt.
Im Kunstmuseum Bochum etwa hat Andreas Golinski wie immer ortsspezifisch
gearbeitet: Im Obergeschoss des Hauses versperrt dem Besucher eine drei
Meter hohe, metallische Wand den Weg, die an die Rasterfassade des Museums
erinnert. Hat er den schmalen Weg vorbei gefunden und ist dem kurzen
labyrinthischen Eingangspfad gefolgt, entdeckt er einen offenen und lichten
Raum, aus einem Haufen zerbrochener Bodenplatten ragen Metallstücke. Ein
rätselhafter Ort, vielleicht eine Brache, vielleicht eine archäologische
Ausgrabungsstätte. „In den Tiefen der Erinnerung“ heißt Golinskis
Ausstellung, die an anderer Stelle in einen Dialog mit den antiken
Architekturfantasien Giovanni Battista Piranesis oder Malewitschs schwarzen
Quadraten tritt und die 250 Jahre Bergbau an der Ruhr so ästhetisch und
geschichtsphilosophisch reflektiert von einem Standpunkt aus, der
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet.
Wer in die reale Geschichte der Kohle eintauchen will, muss in die
Mischanlage der Zeche Zollverein in Essen. Da erzählt das Essener
Ruhrmuseum gemeinsam mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum parallel zur
Schau „Kunst & Kohle“ das „Zeitalter der Kohle“ – in seiner politischen,
technischen und wissenschaftlichen Dimension. Spektakulär ist schon die
Einfahrt mit einer Standseilbahn über eine ehemalige Kohlebandbrücke, die
grandios gestalteten Erfahrungsräume sind es sowieso – und das wertvollste
Exponat, der Gründungsvertrag der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und
Stahl, macht deutlich, was die Kohle auch gebracht hat: Frieden in Europa
durch wirtschaftliche Zusammenarbeit.
„Kunst & Kohle“. Bis 16. 9. an 17 Museen des Ruhrgebiets,
ruhrkunstmuseen.de
„Das Zeitalter der Kohle“. Bis 11. 11. in der Mischanlage der Zeche
Zollverein, Essen, zeitalterderkohle.de
29 May 2018
## AUTOREN
(DIR) Max Florian Kühlem
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