# taz.de -- Die Wahrheit: Die große Überforderung
       
       > In einem staatseigenen Betrieb für digitale Realitätsumwidmung kommt es
       > stressbedingt zu außergewöhnlichen Vorgängen.
       
       Den folgenden Fall habe ich bereits vor einigen Jahren zu referieren
       versucht, muss jedoch gestehen, dass es mir damals nicht gelungen ist, die
       Geschehnisse auch nur annähernd zutreffend und schon gar nicht vollständig
       zu schildern. Zwischenzeitlich dank höheren Alters zu vermehrter
       Geisteskraft gelangt, sehe ich mich heute imstande, einen Bericht
       abzugeben, der allen Erwartungen gerecht wird.
       
       Mit Anfang dreißig (ich sah aber jünger aus) arbeitete ich bei einem
       staatseigenen Betrieb, der für digitale Realitätsumwidmung zuständig war.
       Wie aus meiner früheren Studie hervorgeht, verlangte die Regierung eines
       Tages, dass landesweit an allen Fußgängerampeln in kindgerechter
       Bedienungshöhe elektronische Vorrichtungen installiert werden sollten,
       mit denen es möglich war, den Autoverkehr fernzusteuern und die Gedanken
       der Menschen aufzuzeichnen.
       
       Die Entwicklung dieser Vorrichtungen oblag der Abteilung, der ich
       angehörte. Niemand hatte eine Vorstellung, was nun zu tun sei. Meine
       Kolleginnen und Kollegen bemühten sich, die unmögliche Herausforderung auf
       mich abzuwälzen. „Das ist doch etwas für dich“, meinten alle. Die
       Abteilungsleiterin versuchte, mir einzureden, nur ich allein könne das von
       der Regierung Verlangte leisten. Das war purer Blödsinn, denn ich verstand
       absolut nichts von Elektronik. Als abhängig Beschäftigter hatte ich mich
       jedoch zu fügen. Man wies mir einen neuen Arbeitsplatz im abgelegensten
       Teil des Firmengebäudes zu und ließ mich mit meiner schier übermenschlichen
       Aufgabe allein.
       
       Ich war damit so überfordert, dass ich, der ich stets ein Einzelkind
       gewesen war, eines Morgens eine Schwester hatte. Es handelte sich um eine
       stressbedingte Verdopplung zweiten Grades. Der erste Grad wäre ein
       identischer Doppelgänger gewesen. Meine Schwester sah mir nicht übermäßig
       ähnlich, insgesamt schien sie etwas stämmiger geraten als ich. Laut
       Mendel-Detektor entsprachen ihre Eigenschaften mehr der mütterlichen Linie
       meiner Vorfahren.
       
       Ich wollte die Verdopplung ungeschehen machen und schickte mich an,
       Korrekturen an der sogenannten Realität vorzunehmen. Hierbei kam mir
       zugute, dass ich Berufserfahrung in der Realitätsumwidmung hatte. Wer über
       die nötigen Kenntnisse verfügt, kann nämlich schon mit relativ einfachen
       Mitteln gute Resultate erzielen.
       
       Ich versuchte es mit Modelleisenbahn, Chemiekasten und Fotoapparat, musste
       jedoch feststellen, dass ich das Problem unterschätzt hatte. Es
       überforderte mich genauso hoffnungslos wie die von der Regierung gewünschte
       Entwicklung besagter elektronischer Installation. Es gelang es mir nicht,
       die Schwester verschwinden zu lassen – nicht einmal, indem ich sie mit
       Tarnfarbe anmalte oder ihr das Nichtexistieren mit einem Lippenstift ins
       Gesicht zu schreiben versuchte. Ich resignierte. Zum Glück bezieht die
       Schwester eine üppige Rente, von der wir beide gut leben können.
       
       18 May 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eugen Egner
       
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