# taz.de -- Held des Zionismus
       
       > Aus krummem Holz geschnitzt: Tom Segev zeichnet ein vollständiges und
       > ungeschöntes Bild des israelischen Gründungsvaters Ben Gurion
       
 (IMG) Bild: 1906 wanderte Ben Gurion nach Palästina aus. Das Bild zeigt ihn mit Enkel Uri 1967 in der Wüste Negev
       
       Von Kevin Zdiara
       
       David Ben Gurion ist mit seinem weißen Haarkranz zum israelischen Mythos
       geworden. Er gilt als ehrlicher, hemdsärmeliger Gründungsvater Israels.
       Dagegen steht die heutige Politikerkaste des Landes: ein wegen
       Vergewaltigung verurteilter Ex-Präsident, ein wegen Bestechung verurteilter
       Ex-Ministerpräsident und ein der Korruption verdächtiger amtierender
       Ministerpräsident.
       
       Waren israelische Politiker früher aus anderem Holz geschnitzt? Das ist
       sicherlich eine Frage, der Tom Segev in seiner neuen, umfassenden Biografie
       zu David Ben Gurion nachgeht. Denn als einer der sogenannten Neuen
       Historiker hat er in seinen Büchern stets zionistische Gründungsmythen
       infrage zu stellen. Mit seinem mehr als 700 Seiten starken Buch präsentiert
       Tom Segev dann auch einen nicht mehr ganz so glatt gebügelten, dafür umso
       facettenreicheren Ben Gurion. Die einen werden das als einen weiteren
       Angriff auf den Zionismus werten, doch eine weniger ideologiegetriebene
       Lektüre des Buchs zeigt, der Übervater Ben Gurion ist aus krummem Holz
       gemacht.
       
       Segev beginnt mit den Freunden Shmuel Fuchs, Schlomo Zemach und David Ben
       Gurion, die bereits als Teenager im polnischen Płońsk des ausgehend 19.
       Jahrhunderts zu eingeschworenen Zionisten werden. Denn, was vielen
       heutzutage unvorstellbar scheint, der jüdische Nationalismus galt jungen
       Juden damals als Metapher für Moderne und Ausbruch aus der Provinzialität.
       Viel Platz räumt Segev dieser prägenden Freundschaft ein, die sich als ein
       roter Faden durch das Buch zieht.
       
       In den weiteren Lebensabschnitten beschränkt er sich auf Altbekanntes: Ben
       Gurions erste Berührung mit dem Arbeiterzionismus, seine Auswanderung nach
       Palästina im Jahr 1906 als knapp Zwanzigjähriger, das karge Leben als
       Landarbeiter und sein steter politischer Eifer. Das alles präsentiert Segev
       detailliert, kenntnisreich und kurzweilig.
       
       Dabei entwirft er ein Bild von Ben Gurion, das oft einen wenig
       sympathischen Menschen zeigt: machtbesessen, detail- und kontrollversessen,
       unfähig zur Selbstkritik. Kein Wunder, dass er nach einer Reise in die
       Sowjetunion Anfang der zwanziger Jahre von deren Führern schwärmte. Aber
       Segev vermag Ben Gurions Begeisterung einzuordnen: „Nicht Lenins Ideologie
       hatte es ihm angetan, sondern dessen Fähigkeit, dem Volk ein neues
       Schicksal zu gestalten.“
       
       Er lebte für den Zionismus. Viel Zuneigung und Zeit für seine Frau Paula
       blieb da nicht. Stattdessen hatte er immer wieder heftige Affären, wie
       Segev zeigt. Auch den Holocaust konnte Ben Gurion nur in zionistischen
       Begriffen verstehen. Er sah ihn zuallererst als eine Niederlage des
       Zionismus, so Segev. „Es wird bald niemanden mehr geben, mit dem man das
       Land aufbauen kann“, fasste Ben Gurion seine Gedanken dazu im Dezember 1942
       zusammen.
       
       Den zentralen Konflikt für ihn bildete die Auseinandersetzung mit den
       Arabern Palästinas. Seine erste tödliche Konfrontation erlebte Ben Gurion
       bereits im April 1909, als die arabischen Nachbarn des jüdischen Orts
       Sedschera einen seiner Bekannten ermordeten. Das prägte sein Bild von den
       Arabern und wurde durch die antijüdischen Pogrome 1920 in Jerusalem, 1921
       in Jaffa und 1929 in Hebron verstärkt. Zunehmend vertrat er die Position
       einer „aggressiven Selbstverteidigung“ und spielte ab 1947 auch mit dem
       Gedanken der Vertreibung von Arabern, die in feindlichen Orten ansässig
       waren. Diesen Aspekt rückt Segev in den Vordergrund. Er gleitet hier in das
       Muster der „Neuen Historiker“ ab und versucht etwas krampfhaft den Beweis
       zu führen, dass Ben Gurion für eine aktive Vertreibungspolitik gegen die
       arabischen Bewohner verantwortlich war. Doch am Ende kann er nicht viel
       mehr als eine nebulöse „Geisteshaltung des Vorgesetzten“, für die auch Ben
       Gurion verantwortlich gewesen sein soll, vorweisen.
       
       Davon abgesehen ist Segevs Werk äußerst lesenswert, weil es neben dem
       heroischen Ben Gurion auch Platz für seinen Niedergang einräumt. Dazu
       gehört dann auch, dass er nach den erfolgreichen Jahren als
       Ministerpräsident, in denen er zum Überleben und der Entwicklung Israels
       wesentlich beigetragen hat, einen Hang zur Selbstzerstörung entwickelte.
       Mit dem großen Wahlsieg 1959 begann Ben Gurions Ende, so Segev. Er agierte
       zunehmend erratisch und obsessiv, baute auch körperlich und geistig ab.
       
       Was Segevs Buch am Ende ausmacht und stark macht, ist weniger eine Lust an
       der Destruktion des Mythos als vielmehr der Versuch, ein vollständiges und
       ungeschöntes Bild vom Leben Ben Gurions zu zeichnen.
       
       12 May 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kevin Zdiara
       
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