# taz.de -- Cumhuriyet-Prozess: Kapitän hinter Gittern
       
       > Am 9. März wurden die Journalisten Ahmet Şık und Murat Sabuncu aus der
       > Haft entlassen. Übrig bleibt der Cumhuriyet-Herausgeber Akin Atalay.
       
 (IMG) Bild: Gerechtigkeits-Mahnwache für Akın Atalay und andere Inhaftierte in Istanbul
       
       Im Morgengrauen des 31. Oktober 2016 durchsuchten Sicherheitsbeamte die
       Wohnungen von zwölf Führungspersonen und Reportern der ältesten türkischen
       Zeitung Cumhuriyet in Istanbul und nahmen sie vorläufig fest.
       
       Ein Skandal, sogar in der Türkei des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan
       – die Nachricht wurde in den türkischen und internationalen Medien zur
       Schlagzeile. Fünf Tage später wurden zwei Mitarbeiter aus dem
       Polizeigewahrsam entlassen, die restlichen zehn wurden festgesetzt und
       mussten in Haft.
       
       Vergleicht man die Cumhuriyet mit einem Schiff, so waren die fähigsten
       Seeleute zu diesen Zeiten nun hinter Gittern. Außer dem Schiffskapitän. Er
       befand sich an dem Tag in Berlin, um einen Preis für die Cumhuriyet zu
       empfangen.
       
       Wäre er in der Türkei gewesen, hätten die Sicherheitskräfte als erstes sein
       Haus durchsucht und er wäre als Erster in die Haftanstalt gekommen. Viele
       unkten, dass er nicht zurückkehren werde. “Ein Glück, dass er im Ausland
       ist, er hat sich gerettet“ sagten sie.
       
       ## Atalay war Verteidiger von Pınar Selek und Ahmet Şık
       
       Doch der Kapitän kehrte mit dem ersten Flugzeug zurück. Am Flughafen wurde
       er sofort festgehalten und ins Hochsicherheitsgefängnis von Silivri
       gebracht.
       
       500 Tage Haft hat Akın Atalay jetzt hinter sich. Seit 42 Jahren ist der
       Kapitän der Cumhuriyet ein enger Freund und Anwalt des Journalisten, der
       diese Zeilen schreibt.
       
       Atalay gilt als einer der brillantesten Studenten der juristischen Fakultät
       von İstanbul. Nicht ohne Grund nehmen an den Prozesstagen des
       Cumhuriyet-Prozesses juristische Experten auf den Rängen im Gerichtssaal
       Platz, die – ohne dass man sie darum gebeten hätte – die Verteidigung von
       Akın Atalay übernehmen. Mit ihrer Verteidigungsstrategie erteilen sie den
       Strafrichtern Lehrstunden in punkto Rechtsstaatlichkeit.
       
       Nach seinem Jurastudium vertrat Akın Atalay nicht nur die Soziologin Pınar
       Selek und den Investigativreporter Ahmet Şık vor Gericht, sondern auch
       viele weitere Journalisten, darunter auch mich. Seine klugen Plädoyers
       haben Eingang in die Fachliteratur gefunden.
       
       ## Troubleshooter und tragende Säule der Zeitung
       
       Anfang der 1990er Jahre wurde er binnen kürzester Zeit Leiter der
       Rechtsabteilung der Cumhuriyet. Seither kümmert sich Atalay um die
       Verteidigung der Strafverfahren und die finanziellen Probleme der
       Cumhuriyet.
       
       Atalay ist troubleshooter und tragende Säule der Zeitung. Doch kaum jemand
       kennt ihn. Nachdem der legendäre Kopf der Cumhuriyet, der Journalist İlhan
       Selçuk 2010 gestorben ist, übernahm Atalay das Ruder als Herausgeber.
       
       Seiner Tätigkeit wird man kaum mit dem Begriff „Herausgeber“ gerecht, das
       oft im Impressum der europäischen Medien verwendet wird. Er wehrt die
       Angriffe der Regierung und des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf
       die Zeitung ab. Unumstritten ist, dass er als Vorstandschef der
       Cumhuriyet-Stiftung die in den letzten Jahren heftiger werdenden Stürme in
       ein laues Lüftchen verwandelt hat.
       
       Ohne sich in den Vordergrund zu spielen, umschifft er alle Klippen und
       lässt die Cumhuriyet nicht auf den Meeresgrund sinken.
       
       Im Rahmen der Verhandlungen sind viele der angeklagten Journalisten wie
       Ahmet Şık und Murat Sabuncu über die Grenzen des Landes hinaus bekannt
       geworden. Die Hauptlast und Verantwortung trägt jedoch der Kapitän Akın
       Atalay.
       
       Aus dem Türkischen von Ebru Taşdemir
       
       15 Mar 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Aydın Engin
       
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