# taz.de -- tazđŸthema: ErstgebĂ€rende brauchenpositive Vorbilder
> Was macht eine gute Geburt aus? Die Autorin Martina Stubenschrott hat fĂŒr
> ihr Buch âSchwangerschaft und Geburt â Frauen erinnern sichâ Interviews
> zu der Frage gefĂŒhrt
(IMG) Bild: Eine Vertrauensperson um sich haben hilft immer
Interview Janet Weishart
taz: Frau Stubenschrott, Schwangere leben heute in einer Gesellschaft, in
der die Geburt zunehmend technisiert wird. Und genau das macht
ErstgebÀrende oft ratlos. Was empfehlen Sie denen?
Martina Stubenschrott: Mein Buch ist genau aus diesem Grund entstanden. Ich
möchte Frauen in der Eigenwahrnehmung stÀrken und ErstgebÀrenden zunÀchst
einmal Geburten unter guten Bedingungen schildern. Viele Schwangere hören
von Bekannten oder Freundinnen ja ausschlieĂlich, was alles schiefgehen
kann. Das verunsichert sie.
Andererseits gibt es die Entwicklung, dass Schwangeren kaum mehr ĂŒber die
Erfahrungen rund um die Geburt berichtet wird, um sie nicht zu beunruhigen.
Das ist das andere Extrem. So war das auch bei meiner Mutter, die mich
nicht mit ihren eigenen Erlebnissen belasten wollte. Aber wenn die
Geburtsgeschichten komplett fehlen, wird ebenso eine Menge Angst aufgebaut.
ErstgebĂ€rende brauchen also Vorbilder fĂŒr gute Geburten. Denn ihre Ăngste
sind so oder so existent. Das ist natĂŒrlich. Daher ist es enorm wichtig,
sich eine liebevolle Hebamme als Vertrauensperson zu suchen, mit der all
die Was-wĂ€re-wenn?-Fragen besprochen werden können, wie zum Beispiel: âWas
ist, wenn sich die Nabelschnur um den Hals wickelt?â, âWas tue ich bei
einer Beckenendlage?â Nur so können BefĂŒrchtungen abgebaut werden. Sich
vorzubereiten ist fĂŒr ErstgebĂ€rende essenziell â ebenso wie offen zu
bleiben.
Was meinen Sie mit âoffenâ bleiben?
Nicht jede Geburt verlÀuft so, wie sich das eine werdende Mutter vorher
ausmalt. Wenn sie sich etwa eine Wassergeburt ertrÀumte, aber wÀhrend der
Geburt das Wasser als zu heiĂ empfindet, dann sollte sie nicht verzweifeln.
Sie muss von ihren Vorstellungen loslassen und es so annehmen, wie es
kommt. Die Geburt ist ein individueller, flieĂender Prozess, langsam oder
schnell. Jede Frau muss ihn selbst leiten, auf ihre eigene Kraft vertrauen
und auf ihre innere Stimme hören. Frauen dĂŒrfen ihre Eigenwahrnehmung und
-verantwortung nicht an der Geburtshaus- oder Klinik-TĂŒr abgeben. Wer
gebĂ€ren will und sagt: âSo, hier bin ich, macht malâ, kann keine gute
Geburt haben.
Was macht denn eine gute Geburt nun aus?
Ich hatte selbst drei sehr schöne Hausgeburten. Jedoch weià ich nach den
Berichten der acht Frauen, die ich fĂŒr mein Buch interviewte: Eine gute
Geburt kann eine Spontangeburt, aber auch eine operative Geburt sein. Die
Medizin hat ihren berechtigten Platz. Denn ohne sie kann das natĂŒrliche
Ereignis Geburt in seltenen FĂ€llen zum Tod des Kindes oder auch der Mutter
fĂŒhren. Ganz klar gehört zu einer guten Geburt auĂerdem, in jeder Phase von
Menschen umgeben zu sein, die kompetent sind, aber auch liebe- und
verstÀndnisvoll, freundlich und zuversichtlich.
Es sollten also neben der Hebamme weitere Personen anwesend sein?
Ja, es hilft enorm, wenn GebÀrende eine weitere Vertrauensperson um sich
haben, etwa den Partner, eine Freundin oder die Mutter. Emotionen mĂŒssen
ihr erlaubt sein â weinen, schreien, lachen! Jede Frau hat auĂerdem ein
Recht auf einen geschĂŒtzten Raum. Sollen etwa AssistenzĂ€rzte an der Geburt
teilnehmen, muss vorher das EinverstÀndnis der Frau eingeholt werden. Und
bei medizinisch notwendigen Schritten muss ihr alles gut erklÀrt und
Bedenkzeit eingerÀumt werden. Jede Frau sollte in ihrem Tempo gebÀren
dĂŒrfen. Das ist förderlich fĂŒr positiv erlebte Geburten.
Was fĂŒr einen Tipp haben Sie fĂŒr die ersten drei Schwangerschaftsmonate?
Die Frau sollte sich eine FrauenÀrztin suchen, die ganz Àhnliche Ansichten
hat wie sie. Wem Kontrolle wichtig ist, der sollte ruhig zwei
Vorsorgeuntersuchungen mehr machen. Wer alternative AnsÀtze bevorzugt, der
sucht sich eine Praxis mit dieser Ausrichtung. Ăhnlich ist es mit dem
Geburtsort: vorher anschauen, das Personal befragen und ganz nach dem
BauchgefĂŒhl entscheiden. Am elementarsten aber ist die
Hebammen-Sprechstunde, wo der ganz persönliche Blick auf die Geburt des
Kindes geprÀgt wird, der wiederum eine stressfreie Entbindungsphase
ermöglicht. Aber: Ohne Schmerzen geht es nicht!
Schmerz gehört also zu jeder Geburt dazu?
Ja. Auch mit alternativen Geburtsvorbereitungsverfahren wie Akupunktur,
Meditationstechniken oder Hypnobirthing. Ich kenne keine Frau, die eine
Geburt ganz ohne Schmerzen erlebt hat. Aber diese werden abhÀngig davon
wahrgenommen, wie mit ihnen umgegangen wird.
Wie genau beeinflusst die AuĂenwelt die Beschwerden?
Es ist Àhnlich wie bei Kindern. Werden diese in dem Moment des Schmerzes
gestreichelt, getröstet, wird ihnen gut zugeredet, ihnen geholfen die Pein
zuzulassen und zu ĂŒberwinden, gehen sie gestĂ€rkt aus der Situation hervor.
Aber wird der Schmerz von Hektik oder von Schuldzuweisungen begleitet,
steigert das die Beschwerden. Leider leben wir in einer Gesellschaft, in
der es keinen guten Umgang mit Schmerzen gibt. Dabei bekÀmpfen Medikamente
ja nur die Symptome und nicht die Ursachen. Die Geburt wird zu oft als
âKrankheitâ wahrgenommen. Sie wird gemanagt und kontrolliert. Wenn nur
Risiken eine Rolle spielen, kann es aber keinen positiven Zugang zur Geburt
geben.
Martina Stubenschrott(44 Jahre) ist Autorin und Familienberaterin. Ihr Buch
âSchwangerschaft und Geburt â Frauen erinnern sichâ ist 2017 beim
LebensGut-Verlag erschienen.
10 Mar 2018
## AUTOREN
(DIR) Janet Weishart
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