# taz.de -- Kolumne Nachbarn: Unsere Bilder, eure Welt
       
       > Als Kinder und Jugendliche faszinierten uns Geschichten, Filme und Promis
       > aus Europa bis ins Detail. Von uns wusste der Westen hingegen nichts.
       
 (IMG) Bild: Bayrisch-Syrien in Roßhaupten
       
       In der Grundschule unseres Dorfs in der syrischen Provinz Latakia verlangte
       die Kunstlehrerin, dass wir ein Landschaftsbild malten. Als wir fertig
       waren, sammelte sie die Arbeiten ein und benotete alle mit der Note „gut“:
       Fast alle Bilder waren identisch.
       
       Rechts oder links ins Bild malten wir ein großes Haus mit schrägem
       Ziegeldach und einem Schornstein. Manche malten sogar eine Rauchwolke, die
       aus dem Schornstein emporstieg und über die Berge hinter dem Haus
       hinwegzog. Die Bergkette erstreckte sich über die ganze Breite des Bilds
       und wurde wellenartig gemalt.
       
       Neben das große Haus setzten wir ein kleines Häuschen, ebenfalls mit
       schrägem Ziegeldach sowie einem Huhn und ein Paar Küken davor. Wir malten
       einen Fluss, der in den Bergen als schmales Bächlein entsprang und zur
       unteren Bildecke hin immer breiter wurde. Selbstverständlich durfte eine
       Holzbrücke nicht fehlen, denn schließlich mussten beide Ufer miteinander
       verbunden werden. Auf den Fluss malten wir noch ein Paar Enten und Schwäne
       sowie ein Holzboot. Das alles war in saftig grüne, mit bunten Rosen
       gesprenkelte Wiesen eingebettet und von strahlend blauem Himmel bedeckt.
       
       Es sah wunderschön aus, hatte mit der Landschaft bei uns aber nichts zu
       tun. Vielleicht wurde uns nie aufgetragen, unsere eigene Umgebung zu malen.
       Oder womöglich lag es daran, dass uns die eigene Landschaft gewöhnlich
       erschien. Fasziniert waren wir von den Landschaftsbeschreibungen in den
       Märchen der Brüder Grimm oder in den „Heidi“-Büchern, von alldem eben, was
       wir in unserer Kindheit über Europa erfuhren.
       
       ## Schiffer und Schumacher
       
       Später, in der Pubertät, interessierte ich mich mehr für Claudia Schiffer,
       deren Poster die Zimmer der Jungs zierten. Einmal erzählte mir ein Freund,
       dass er sie eines Tages heiraten würde. Leider starb er im Krieg. Als ich
       davon erfuhr, dachte ich, vielleicht sollte ich Claudia Schiffer über den
       Tod ihres unbekannten Verehrers informieren.
       
       Eine ernst zu nehmende Konkurrenz für Claudia Schiffer war nur Michael
       Schumacher. Während sich das Bild Schumachers ins Gedächtnis der Jungs und
       Sportfans eingrub, wurde das Bild der blonden Claudia Schiffer in meinem
       Bewusstsein zum Symbol der europäischen Weiblichkeit.
       
       Als junge Menschen lasen wir Goethe, Hugo, Dickens und Dostojewski in
       arabischer Übersetzung. Philosophiebegeisterte konnten sich die Werke von
       Nietzsche, Marx, Hegel und anderer zu Gemüte führen. Das europäische Kino
       erfreute sich großer Beliebtheit. Heute ist der Westen zum Ort der Flucht
       meiner Landsleute vor dem Krieg geworden. Viele Einzelheiten über den
       Westen waren uns vertraut. Doch über uns wusste der Westen nur wenig.
       
       Aus dem Arabischen von Mustafa Al-Slaiman
       
       19 Feb 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kefah Ali Deeb
       
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