# taz.de -- Auf heißen Kohlen
       
       > Familie S. kämpft seit Jahren um eine neue Wohnung
       
 (IMG) Bild: Familie Ströhm an der Kaffeetafel im Wohnzimmer
       
       Von Gabriele Goettle
       
       „… Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein, in allen gleichen,
       gemeinsamen und redlichen Dingen, ohne allen Vorbehalt. So wahr mir Gott
       helfe ...“, lautet die Eidesformel aus dem 14. Jahrhundert, die der Ulmer
       Oberbürgermeister jedes Jahr öffentlich bei der Schwörfeier auf die
       Stadtverfassung ablegt. 
       
       Familie Ströhm – Vater, Mutter und zwei Söhne – lebt südlich der Ulmer City
       im Stadtteil Wiblingen, der durch die Betonburgen der Satellitenstadt und
       die dort abseits der Innenstadt untergebrachten Russlanddeutschen,
       Migranten- und Hartz-IV-Familien als Problembezirk gilt. Jeder Dritte hat
       hier AfD gewählt, die Quote der Arbeitslosen und Langzeitarbeitslosen ist
       überproportional hoch. Ströhms wohnen abseits der Satellitenstadt in
       schöner Lage, direkt am Lustgarten und dem ehemaligen Benediktinerkloster.
       Ihre Dreizimmerwohnung befindet sich in einem desolaten Haus der Stadt, dem
       ehemaligen Rathaus von Wiblingen. Im Untergeschoss gibt es noch eine
       städtische Einrichtung.
       
       Das Treppenhaus ist düster und riecht ein wenig nach Moder. Herr Gordian
       Ströhm öffnet mir, begrüßt mich freundlich und führt mich, gefolgt von
       seiner Schäferhündin, ins Wohnzimmer. Als Erstes stellt er den Ton des
       Fernsehgerätes leise. Frau Ströhm kommt mit einer Kanne Kaffee aus der
       Küche, reicht mir die Hand und fordert mich auf, Platz zu nehmen, wo es mir
       gefällt. Der Couchtisch ist mit Tassen und Tellern gedeckt, in der Mitte
       steht ein selbst gebackener Schokoladenkuchen. Die Hündin legt sich unter
       den Tisch, lässt sich streicheln und schläft ein, während ihre Herrschaft
       auf der Couch Platz nimmt, mir Kaffee einschenkt und Kuchen reicht. Eine so
       gastliche Begrüßung erlebe ich nicht oft.
       
       Ich bitte Herrn Ströhm, mir kurz von sich zu erzählen und dann vom
       Wohnungsproblem zu berichten. Er trinkt einen Schluck Kaffee und beginnt:
       „Ich bin am 8. 7. 1970 in Neu-Ulm geboren. Meine Mutter war ganz früher
       eine Näherin, Schneiderin, dann hat sie als Fleischverkäuferin gearbeitet,
       der Vater ist schon tot, er war Metzger in Neu-Ulm, angestellt, auch im
       Schlachthof. Ich bin in Ulm 9 Jahre zur Schule und danach in eine Lehre
       gegangen als Bäcker, die habe ich dann aber abbrechen müssen, hatte fast
       einen Blinddarm-Durchbruch. Dann habe ich Straßenbau gelernt, aber sechs
       Wochen vor der Gesellenprüfung abgebrochen, weil ich ein gutes Angebot von
       einer Sicherheitsfirma bekommen hatte, da wurde dann aber leider nichts
       draus.
       
       Habe dann verschiedene Jobs gemacht, war bei der Bundesbahn, dann war ich
       Kommissionierer, bin zwischenzeitlich im Sicherheitsdienst gewesen und habe
       meine Bundeswehrzeit gemacht, bin mit 21 zum Bund. Da waren wir schon
       verheiratet und hatten unsere erste Tochter bekommen – heute haben wir vier
       Kinder und vier Enkelkinder. Geheiratet Oktober 1990, geschieden im
       Dezember 2012.“ Beide lachen und schauen sich liebevoll an.
       
       „Jetzt funktioniert es besser, wie wenn wir verheiratet wären. So 98/99 in
       dem Dreh wurde ich dann arbeitslos und habe meine Feuerwehrausbildung
       angefangen, hatte schon vorher drei Monate Grundausbildung gemacht, mit
       Schutzlehrgang, Wachbereitschaft, und 96 bin ich dann in den aktiven Dienst
       übernommen worden. Da war ich von 96 bis 2003, hier in Wiblingen, dann
       haben die gesundheitlichen Probleme angefangen. Zwischenzeitlich war ich
       mal wieder im Sicherheitsdienst. Habe auch bei der Industrie- und
       Handelskammer meinen 34a-Schein gemacht“ (Sachkundeprüfung § 34a GewO, f.
       d. Sicherheitsgewerbe, Anm. G.G.). „Also das waren oft 12 Stunden Dienst,
       die man da manchmal hatte, und sehr gut bezahlt wird das auch nicht gerade.
       Da habe ich über ein Jahr gearbeitet, seitdem wieder arbeitslos und
       krankgeschrieben vom Arzt. Ohne Führerschein hat man keine Chance in diesem
       Bereich. Aber den kann ich ja gar nicht zahlen, schon gar nicht das Auto.
       So sieht es aus …
       
       ## Mängel gemeldet
       
       Und jetzt das Wohnungsproblem. Also das Haus hier hat Schimmel, ist alt, es
       ist nur aus Backstein, nicht isoliert, nur verputzt. Es ist feucht, man
       sieht es auch an den Flecken auf der Fassade. Wie wir eingezogen sind vor 6
       ½ Jahren, waren hier sehr alte und undichte Fenster. Wir hatten das
       bemängelt.
       
       Seit 5½ Jahren suchen wir eine neue Wohnung! Die hier haben wir bekommen
       von der Stadt, noch vom alten Bürgermeister, weil unsere unten im
       Sägefeldweg war unbewohnbar, da hatte das Haus auch ein Schimmelproblem,
       wie hier. Zuständig für dieses Haus hier ist die UWS, die Ulmer
       Wohnungs-und Siedlungs GmbH, das ist irgendwie so eine städtische
       Wohnungsbaugesellschaft, die haben hier überall Häuser, Neubauten, alles.“
       (Die UWS ist eine Tochtergesellschaft der Stadt. Anm. G.G.)
       
       Frau Ströhm sagt: „Aber für uns haben sie nichts, angeblich. Wir sind immer
       nur vertröstet worden. Ich habe damals mit dem gesprochen, der heute
       Oberbürgermeister von Ulm ist, das war vor den Wahlen für den OB. Da war
       ein Stand in der Nähe vom Münster, Vorstellung des neuen Kandidaten. Da bin
       ich hin zu ihm, hab erzählt, Schimmel, UWS tut nichts, wir brauchen
       dringend eine neue Wohnung. Er hat gesagt: Na ja, ich kann Ihnen nichts
       versprechen, aber wenn ich gewählt werde, will ich mal sehen, was ich für
       Sie tun kann. Der wollte nur, dass ich schnell vom Stand verschwinde.“
       
       Herr Ströhm fügt hinzu: „Aber einmal, vor zwei, drei Jahren, haben sie uns
       eine Wohnung angeboten in Wilfingen, die war genau so klein wie die hier,
       nur viel teurer und achtzehnhundert Kaution. Das hätte uns das Amt gar
       nicht bezahlt. Als wir hier eingezogen sind, haben wir ja auch die Kaution
       als Darlehen nehmen müssen. Es gab keine Tapeten an der Wand. Wir mussten
       selber tapezieren, haben Raufasertapeten gekauft. Wir brauchten auch neue
       Möbel, denn durch die Schimmelsporen konnten wir gar nichts mitnehmen
       hierher.“
       
       Frau Ströhm ergänzt: „Das Darlehen zahlen wir jetzt noch ab jeden Monat.
       Ich glaub nicht, dass wir die wieder rauskriegen beim Auszug, die Kaution.
       Dabei brauchen wir ja schon wieder neue Möbel, denn wir wollen nicht die
       ganzen Sporen mitnehmen!“ Herr Ströhm ergreift wieder das Wort: „Anfangs
       waren wir ja froh über die Wohnung hier, aber nach einem halben Jahr fingen
       die Probleme an, es war die Firmung unserer ältesten Tochter, die haben wir
       mit Besuch draußen gefeiert, hinten im Garten und die Kinder haben halt so
       gespielt, sind auf ein Mäuerchen geklettert. Ein paar Tage später kam schon
       eine Ermahnung von der UWS. Da wussten wir, hier unten aus dem Haus hat
       einer angerufen dort und sich beschwert. Er hat alle Rechte von der UWS,
       meint, er wäre hier der Chef, darf das große Gartenstückchen alleine
       nutzen, dabei hat es zuerst geheißen beim Einzug, dass es auch für die
       Allgemeinheit ist.
       
       Das war der Anfang von jahrelangen Hausstreitigkeiten. Man hat behauptet,
       wir würden keine Miete zahlen, der Hund wäre aggressiv, unsere Jungs wären
       frech. Erst in der letzten Zeit hat sich das langsam gelegt. Man geht sich
       aus dem Weg. Man grüßt sich nicht.“ Frau Ströhm sagt: „Ich schon! Auch sein
       Sohn hat sich geändert.“ Herr Ströhm bestätigt das und sagt: „Auch mein
       jüngerer Sohn hat jetzt eigentlich ein gutes Verhältnis mit dem da unten.
       Kommt klar mit ihm. Und das andere Problem, das mit dem Schimmel, das hat
       auch nach einem halben Jahr angefangen. Wir hatten ja schon Erfahrung und
       haben es gleich gemerkt, in der Ecke im Schlafzimmer. Aha! Wir haben
       Schimmel! Genauso im Zimmer meiner beiden Jungs, in Küche und Bad. Ein Jahr
       haben wir herumgetan mit der UWS, dass wir neue Fenster bekommen. Gegen den
       Schimmel haben wir es versucht mit Überstreichen, Antischimmelmittel, aber
       er kam immer wieder durch.“ (Die große Anzahl der Präparate gegen
       Schimmelbefall in den Baumärkten spricht Bände über den Umfang des
       Problems. Anm. G.G.).
       
       „Dann kamen neue Fenster, aber danach wurde es auch nicht besser, das geht
       seit Jahren! Keiner nimmt unsere Beschwerden ernst. Es heißt immer: Der
       Mieter ist selber schuld am Schimmel …“ Frau Ströhm sagt empört: „ Man hat
       gesagt, wir würden falsch heizen, nicht ordentlich lüften im Winter. Obwohl
       es nicht stimmt! Wir haben immer die Fenster aufgemacht und durchgelüftet.
       Sie sagen, ich hätte die Kältebrücke oder Wärmebrücke, oder was weiß ich,
       irgendwie unterbrochen.“
       
       ## Allergie gegen Schimmel
       
       Herr Ströhm fährt fort: „Aber die ganzen Mauern sind feucht. Das hat ja
       auch der Dr. Roth bestätigt, der da war, weil wir ihn um Hilfe gebeten
       haben. Auch wegen unserem Sohn, der als Allergiker mit dem Schimmel
       gesundheitliche Probleme hat.“ (Dr. Roth ist der Augenarzt der Familie,
       Initiator der Armenklinik und außergewöhnlich engagierter CDU- Stadtrat für
       Soziales). „Er hat Fotos gemacht von dem Schimmel und Proben abgenommen von
       der Wand, auch Proben von unserer Haut und Speichelproben, zur Untersuchung
       im Labor. Er hat auch Fotos gemacht vom Haus außen, und da sind ja deutlich
       große Wasser- und Schimmelflecken zu sehen. Und Dr. Roth hat gesagt: ‚Ein
       Haus, bei dem auf der Außenseite bereits Feuchtigkeit zu sehen ist, kann
       von innen, auch wenn Sie noch so viel heizen, nicht trocken und
       schimmelfrei gehalten werden.‘ Diese Aussage hat uns gutgetan, denn wir
       möchten uns nicht die Schuld zuschieben lassen!
       
       Wir haben ja alles versucht. Haben gelüftet, die Möbel abgerückt von der
       Wand. Dann haben wir die Tapete abgezogen, wir sind mit der Schimmelfarbe
       drüber, aber es nutzt nichts. In den Schränken ist auch Schimmel, Kleidung
       ist kaputtgegangen, Jacken waren verschimmelt.“ Frau Ströhm sagt: „Ich hab
       mir Haken in die Wand gemacht, wollte meine anderen Jacken da aufhängen,
       damit sie im Schrank nicht schimmeln, wie ich die mal anziehen wollte, da
       waren sie an der Wandseite voller Schimmel und feucht wie ein Schwamm. Ich
       hab alles wegschmeißen müssen.“
       
       ## Überall Risse
       
       Herr Ströhm sagt: „Das Haus hat ja überall Risse. Von außen sieht man schon
       die großen Wasserflecke, wo die Feuchtigkeit reinzieht ins Haus. Und die
       UWS sagt einfach: Es gibt keine Risse. Sie wollen keine Verantwortung
       übernehmen und streiten alles ab. Unser ältester Sohn ist Allergiker, wir
       haben ein Gutachten vom Lungenarzt, dass er empfindlich reagiert auf den
       Schimmel. Aber das hat keinen interessiert. Vor zwei oder drei Jahren haben
       wir dann den Schimmelbefall durch den Anwalt bemängeln lassen. Es wurde der
       UWS ein Vierteljahr Zeit gegeben, den Schimmel und seine Ursachen zu
       beseitigen. Keine Reaktion!
       
       Der Anwalt hat dann gesagt: Gut, die reagieren nicht, wir werden jetzt eine
       Mietminderung machen und das hat er getan. Seit 2 ½ Jahren haben wir jetzt
       eine 30%ige Mietminderung drin, 100 Euro zahlen wir weniger im Monat. Die
       Miete wird ja direkt vom Jobcenter an die UWS bezahlt, wie die das genau
       gemacht haben mit dem Abziehen, das wissen wir gar nicht. Irgendwann ist
       dann plötzlich eine Kündigung gekommen. Da war dann die erste Verhandlung
       beim Gericht und es wurde entschieden, ein Sachverständiger musste kommen.
       Wir haben schon Hoffnung gehabt. Der kam auch, den hat aber der Schimmel
       überhaupt nicht interessiert. Der wollte gar nichts sehen und hören davon,
       obwohl wir ihn immer wieder darauf angesprochen haben. Der wollte nur eins
       wissen: Ist es die Bauweise oder ist es der Mieter, was am Schimmel schuld
       ist.
       
       Dann war eine zweite Verhandlung, da hat er gemeint, der Grund für den
       Schimmel ist, wir würden zu wenig heizen, weniger als die anderen Mieter.
       Und wir würden falsch heizen. Wenn man die Wände aufheizt, dann müsste man
       das Fenster komplett aufmachen und die Heizung komplett nach oben drehen,
       also praktisch für außen heizen. Solche Heizkosten werden vom Amt gar nicht
       übernommen, es werden nur normale Heizkosten übernommen und wir haben
       normal geheizt.“ (Das Jobcenter übernimmt nur die „angemessenen“
       Heizkosten, als angemessen gilt ein Betrag von 1 Euro bis 1,80 Euro pro
       qm).
       
       „Es wurde kein Urteil gesprochen, nur wieder vertagt. Der Sachverständige
       hat gesagt, er kann hier die Messdinger erst aufstellen, wenn es null Grad
       hat. Dann kamen Schreiben, wir hätten Mietschulden, 2.400 Euro und noch
       was. Das kann ja nur das Einbehaltene sein? Und dieses Jahr im Mai kam dann
       die fristlose Kündigung. Wir sollten die Wohnung bis zum 1. Juni verlassen.
       Ja, wie sollen wir das machen? Wir haben ja keine Bleibe?! Aber weil es
       kein Urteil gibt, kann die fristlose Kündigung nicht vollstreckt werden …
       also die Zwangsräumung.
       
       Wir haben am 20. November den nächsten Termin beim Gericht wegen dem
       Schimmel und der Räumungsklage. Da kommt es dann darauf an, ob wir auf der
       Straße sitzen oder doch noch da bleiben dürfen …“ Frau Ströhm sagt
       entschieden: „Nein! Ich will nicht hier bleiben. Ich will hier raus. Ich
       will endlich ohne Schimmel einschlafen und ohne Schimmel aufwachen. Ich
       hätte gern 4 Zimmer mit Balkon, mehr will ich nicht.“ Herr Ströhm sagt:
       „Wir sind wirklich am Ende unserer Kräfte, aber das interessiert die nicht
       von der UWS. Dabei wissen die genau, wie schlecht der Zustand von dem Haus
       ist. Bei den Nachbarn unten, wenn die Schimmel gehabt haben, da ist eine
       Firma gekommen zur Bekämpfung, dann war eine Weile Ruhe, dann kam der
       Schimmel wieder durch.
       
       Aber der Sachverständige hat weder unser Schlafzimmer sehen wollen noch den
       Heizungskeller, noch die anderen Wohnungen im Haus. Nur auf dem Dachboden
       war er. Der ist ja auch ganz modrig. Bei unserem jüngsten Sohn hat er nur
       kurz mit einem Messgerät in die Wand gepikst, das war alles. Später hat er
       dann in seinem Gutachten gesagt, er hätte überall gemessen. Aber wir waren
       ja dabei und haben gesehen, was er macht. Wir haben ihn beim Rundgang noch
       so oft drauf hinweisen können, auf den Schimmel überall, das hat ihn nicht
       interessiert.
       
       Wir verstehen das nicht! Wir haben uns dann in unserer Verzweiflung ans
       Rathaus gewandt, haben dem Oberbürgermeister geschrieben, dem neuen. Da
       wurden wir aber abgewiesen, es hieß: Sie haben eine Wohnung angeboten
       gekriegt und haben sie abgelehnt … Also das war die Wohnung, von der ich
       vorhin erzählt habe, die viel zu teuer war, wo wir hätten die hohe Kaution
       selber zahlen müssen. Aber die Politiker finden, hohe Mieten von
       zwölfhundert Euro und mehr sind nicht hoch, weil die so viel Geld verdienen
       und gar nicht wissen, wie andere leben müssen. Ein Rentner oder Hartz-
       IV-Empfänger kann sich eine teure Wohnung nicht leisten. Das Amt zahlt sie
       nicht.“ (Für zwei Personen gelten 60 Quadratmeter als angemessen. Für jede
       weitere Person sind 15 Quadratmeter zusätzlich einzurechnen. Die Kosten für
       Unterkunft u. Heizung, KdU, übernimmt das Jobcenter nur, wenn sie
       „angemessen“ sind. Damit ist immer der untere Wert des Durchschnitts der
       jeweiligen Wohngegend gemeint. Anm. G.G.)
       
       Frau Ströhm schenkt Kaffee nach: „Wir haben hier für 4 Personen nur 73
       Quadratmeter statt 90 Quadratmeter. Die monatliche Warmmiete ist 552 Euro,
       und in dem Preisbereich gibt es halt gar nix mehr. Die Kaltmieten gehen
       über 800 Euro rauf. Wir brauchen ja eine Wohnung für 4 Personen, denn
       unsere beiden Söhne dürfen nicht ausziehen, die sollen bis 25 bei uns
       wohnen.“ (Regelung für Hartz-IV-Empfänger: Für Unverheiratete vor
       Vollendung des 25. Lebensjahres werden beim Auszug aus der elterlichen
       Wohnung in der Regel die Kosten für Miete und Heizung vom Amt nicht
       übernommen. Anm. G.G.) „Aber mein Sohn muss hier raus! Er hat ein
       ärztliches Attest vom Lungenarzt wegen Allergie, auch gegen den Schimmel.
       Er nimmt Medikamente. Der Arzt hat damals gesagt, eigentlich muss mein Sohn
       sofort die Wohnung verlassen. Aber das interessiert keine UWS und niemand.“
       
       Die Tür öffnet sich, einer der Söhne kommt herein, reicht mir unbefangen
       die Hand und setzt sich neben den Vater, dem er sehr ähnelt. Frau Ströhm
       stellt vor: „Das ist unser jüngerer Sohn Timo, er wird demnächst 18 Jahre
       alt. Unser Äältester Sohn Tim ist 22, der wird auch gleich kommen.“ Wenig
       später kommt er freundlich grüßend herein und nimmt neben seiner Mutter
       Platz auf dem Sofa. Beide hören zu und schweigen höflich. Nach einer Weile
       geht der jüngere Sohn hinaus und kommt kurz darauf mit einer
       unangebrochenen Flasche Mineralwasser und einem Glas zurück. Beides stellt
       er vor mich hin, „wenn Sie möchten“, und setzt sich wieder. Ich nutze die
       Gelegenheit und mache die verabredeten Familienfotos.
       
       ## Ende der Gemütlichkeit
       
       Frau Ströhm wirkt zufrieden und fragt: „Sie möchten ja bestimmt noch den
       Schimmel in unserem Schlafzimmer sehen oder fotografieren?“ Sie führt mich
       in den Raum daneben, das elterliche Schlafzimmer. Über dem Ehebett ist ein
       rosafarbenes Moskitonetz gehängt, aber hier ist jede Gemütlichkeit zu Ende.
       Alle Möbelstücke sind von der Wand weggerückt in die Mitte des Raumes. Die
       Tapete ist an den Schimmelstellen abgezogen. In der Zimmerecke ist ein
       großer dunkler Schimmel zu sehen, den ich fotografiere, auch am Fenster und
       an anderen Stellen zeigt sich deutlich Schimmel. „Die Wand da ist die
       Wetterseite, da hatte ich auch meine Jacken aufgehängt, die dann
       verschimmelt waren. Wir haben schon seit einiger Zeit das Problem, wenn wir
       hier diese schweren Unwetter haben, diesen Starkregen, wie es jetzt öfter
       so ist, dass wir das Wasser hier drin haben. Wenn der Regen da gegen die
       Außenwand prasselt, dann kommt Wasser durch unsere Zimmerwand und läuft
       richtig runter. Das haben wir alles mitgeteilt, aber man glaubt uns einfach
       nicht. Jetzt haben Sie es mit eigenen Augen gesehen, wie wir hier im
       Schimmel schlafen müssen.“
       
       Wir gehen wieder hinüber ins Wohnzimmer. Herr Ströhm sagt: „Statt uns zu
       helfen, setzt man uns hier die Pistole auf die Brust, sie drohen uns mit
       Zwangsräumung, ohne uns eine Ersatzwohnung zu geben. Aber das ist denen in
       Ulm egal. Selbst der vom Ordnungsamt, wo meine Frau angerufen hat, der hat
       gesagt: Wenn Sie keine Wohnung haben, dann müssen Sie halt in ein
       Frauenhaus, Ihr ehemaliger Mann muss mit den Söhnen in ein Obdachlosenheim
       und der Hund kommt ins Tierheim.“ Frau Ströhm beugt sich unter den Tisch,
       streichelt die verschlafene, ahnungslose Hündin und sagt entschieden: „Das
       kommt überhaupt nicht infrage! Der Hund ist mir wichtig, der bleibt bei
       uns. Und bevor ich in ein Frauenhaus gehe, da schlafe ich lieber irgendwo
       in der Pampa.“ Herr Ströhm sagt bitter: „Ich frage mich, wo leben wir
       denn?!“
       
       Frau Ströhm sagt sehr erregt: „Ja! Wir werden praktisch abgeschoben. Wie
       Ausländer! Ich halte nichts von Ausländern, aber ich fühle mich wie ein
       Ausländer in dem Sinn … Weil wir als Hartz-IV-Empfänger wie der letzte
       Dreck behandelt werden, von der Politik. Ich fühle mich im eigenen Land wie
       ein Ausländer. Abgelehnt, abgeschoben. Nicht wie eine Deutsche. Zu was bin
       ich denn dann noch deutsch? Für gar nichts!“ Herr Ströhm resümiert: „Als
       Hartz-IV-Empfänger bist du Abschaum, ganz einfach! Wirst sofort in die
       untere Etage geschoben. Bei der Wohnungssuche, wenn ich da sage, dass die
       Miete direkt vom Amt kommt, dann weiß ich schon die Antwort: Wohnung ist
       plötzlich weg, tut uns leid.“ Frau Ströhm sagt empört: „Aber die Ausländer,
       die ganzen Flüchtlinge, die kriegen Wohnungen, die eigenen Leute, die
       können verschimmeln.“
       
       Herr Ströhm erklärt: „Hier in Wiblingen haben sie neue Häuser gebaut,
       hinten beim Aldi. Ich glaube, auch die UWS. Holzhäuser sind das eigentlich.
       Die sind ganz gut gebaut, gut isoliert. Da sind jetzt schon Asylbewerber
       drin. Irgendwie sollten die Häuser mal gemischt belegt werden, also
       Asylbewerber und Normale, aber da sind nur Asylbewerber drin für die
       nächsten fünf Jahre, dann sollen die eine andere Wohnung kriegen und in die
       Häuser sollen Studenten rein.“ Herr Ströhm wirkt ziemlich resigniert: „So
       ist das bei uns. Im Moment sehe ich keinen Ausweg. Wir fragen uns täglich,
       wo sollen wir hin? Irgendwo müssen wir ja schlafen können, wenigstens über
       den Winter. Wir haben meine Mutter schon gefragt, auch meine Schwester,
       aber da geht nichts. Deshalb haben wir auch unseren Augenarzt Dr. Roth um
       Hilfe gebeten. Er ist der Einzige, der was für uns tut und unser Problem
       ernst nimmt.
       
       Hoffen wir nur, dass die Laborergebnisse der Schimmelproben bis zum
       Gerichtstermin da sind, damit unser Anwalt sie vorlegen kann. Damit wir
       beweisen können, dass der Schimmel gesundheitsschädlich ist, besonders für
       unseren ältesten Sohn, der zu wenig Abwehrkraft hat. Und dann wird ja
       geklärt werden, dass die Mietminderung korrekt war und wir nicht schuld
       sind am Schimmel. So sitzen wir auf heißen Kohlen und warten auf den Tag
       der Verhandlung.“
       
       Nachtrag: Die Familie Ströhm ist bei der Verhandlung am 20. 11. nicht
       weitergekommen. Ihre Hoffnungen haben sich zerschlagen. Aus ihrem Bericht
       geht hervor, dass ihr Schimmel- und Wohnungsproblem kein Interesse oder
       nicht das erhoffte Interesse fand. Der Sachverständige trug endlos Zahlen
       vor, Berechnungen der Betriebskosten und der Heizleistung usf. Da es
       Unstimmigkeiten gab zwischen ihrem Anwalt und dem Sachverständigen
       bezüglich der Berechnung, wurde um drei Wochen vertagt. Bis dahin sollen
       nachvollziehbare Zahlen vorliegen. Mehr nicht.
       
       27 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Goettle
       
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