# taz.de -- berliner szenen: In Zeitlupe am Boxi-Boden
       
       Das Gedränge auf dem Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz war so groß, dass
       es nur schrittweise voranging. Da Sonntag war und keine Eile geboten, ließ
       ich mich treiben inmitten all der in- und ausländischen Flohmarktbesucher.
       Die Fortbewegung im Zeitlupentempo erlaubte es mir, die Menschen um mich
       herum besonders gründlich wahrzunehmen. Aus Angst, jemandem auf den Fuß zu
       treten oder einem Hund auf den Schwanz, heftete ich meine Blicke nicht wie
       sonst auf die Stände rechts und links mit den Büchern, Kleidern, Taschen,
       Antiquitäten und selbst hergestellten Dingen, sondern auf den Boden. Das
       eröffnete mir ganz neue Perspektiven. Berlin von unten, sozusagen.
       
       Ich sah viele abgetretene und ungeputzte Schuhe, aber auch teure Modelle,
       die gut gepflegt waren. Die Vielzahl der Hunde, die zwischen den
       menschlichen Füßen Platz fanden, entsprach in etwa der Zahl der
       Kinderwagen, die von jungen Eltern durch das Gedränge geschoben wurden. Ich
       sah X- und O-Beine, schlanke und dicke Extremitäten, und dann erblickte
       ich, als ich nach oben schaute, gleich zwei Dinge an einer Person, die
       meine Aufmerksamkeit erregten. Ein fast zwei Meter großer Mann um die 60,
       der einen alten Anzug und einen abgewetzten Hut trug, hatte den gesamten
       Nacken komplett schwarz tätowiert.
       
       Ich fragte mich, wie lange es gedauert hat, all die Quadratzentimeter mit
       schwarzer Tinte zu füllen, und wie schmerzhaft das gewesen sein muss, und
       ob die Farbe ihn nun davor schützte, einen sichtbar schmutzigen Hals zu
       bekommen. Als ich mich an dieser Art der Selbstverwirklichung sattgesehen
       hatte, ging mein Blick zu der ausgebeulten Hebammentasche, die der Mann mit
       sich trug. Diese zierte an diesem Herbstsonntag ein nicht ganz zur
       Jahreszeit passender Aufkleber: „Das Sommerloch ficken“. Barbara Bollwahn
       
       2 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Bollwahn
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA