# taz.de -- tazđŸthema: Lieber keinen einzigen Tropfen
> Alkoholkonsum wÀhrend der Schwangerschaft schadet dem ungeborenen Kind.
> Selbst ein Glas Wein kann gefĂ€hrlich sein â denn es gibt keine
> verlĂ€ssliche folgenlose Untergrenze fĂŒrs Kind. Doch die HĂ€lfte der
> Schwangeren trinkt Alkohol, gerade auch Akademikerinnen
(IMG) Bild: Nur ein GlÀschen? Mediziner raten Schwangeren davon ab
Von Janet Weishart
Wer sich in die Sucht- und Drogenhilfe in Reinickendorf traut, hat Mut.
Wagt den Schritt, sein Leben Àndern zu wollen. Wie die 31-jÀhrige
Berlinerin Sandra Fischer (Name geĂ€ndert, d. Red.). Die BĂŒroangestellte
sitzt zerknirscht vor Hebamme Susanne Rinne-Wolf, die seit zehn Jahren in
der Institution der Stiftung SPI berÀt. Sandra erzÀhlt, dass sie schwanger
ist, 31. Woche. Und dass ihr Ehemann, nach dem Job âEcstasy schmeiĂtâ.
Nur wenig spĂ€ter gesteht sie, sich den Frust darĂŒber tĂ€glich mit einer
halben Flasche Sekt runterzuspĂŒlen. âIch wusste nicht, dass es schĂ€dlich
ist. Ich bin doch keine Alkoholikerin. Der Frauenarzt hat nie danach
gefragtâ, sagt sie.
Rinne-Wolf weiĂ um das Problem: âViele Frauen sehen sich nicht als Teil der
gefÀhrdeten Zielgruppe, die ihr Kind wissentlich schÀdigen. Nach dem Motto:
Ein Glas Wein, was ist dabei?â Die Gefahren bleibender SchĂ€den bei
Alkoholkonsum wĂ€hrend der Schwangerschaft fĂŒr das Kind kennen laut Umfragen
viele nicht, und Studien zum Thema sind rar gesÀt sind: Nach der
KIGGS-Studie von 2007 tranken 14 Prozent der Schwangeren gelegentlich. In
diese Richtung ging bereits 2002 die Befragung von 344 Schwangeren durch 48
Berliner FrauenÀrzte. Ergebnis: 58 Prozent tranken Alkohol, 18 Prozent bis
zweimal wöchentlich, 4 Prozent hÀufiger. Höher gebildete Frauen tranken
signifikant öfter. Auch ihnen war nicht bewusst, dass das Gehirn von
Embryos dabei irreversibel geschÀdigt werden kann.
Alkohol ĂŒberwindet als toxisch wirkender Stoff ungehindert die sogenannte
Plazentaschranke. Das Fruchtwasser enthÀlt dann schnell denselben
Alkoholspiegel wie die Schwangere. Vorgeburtliche SchÀden an Organen,
Skelett, vor allem am Nervensystem entstehen. Mit dem daraus resultierenden
Krankheitsbild Fetal Alcohol Spectrum Disorder (FASD, Fetale
Alkoholspektrum-Störung) werden laut Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche
AufklÀrung hierzulande rund 10.000 Babys pro Jahr geboren.
An der prĂ€natal und durch ein von auĂen einwirkendes Gift erworbenen
Behinderung leiden die Betroffenen lebenslang. Kinderarzt und
Wissenschaftler Hans-Ludwig Spohr, seit 2008 Leiter des Berliner
FASD-Zentrums an der Charité, lernt rund 300 davon betroffene Kinder und
Erwachsene jĂ€hrlich in der Diagnose-Sprechstunde kennen. âDie Spitze des
Eisbergsâ, so Spohr. Alkohol sei als Genussmittel eben weit verbreitet,
Folgen werden tabuisiert, die Krankheit wird noch immer zu selten erkannt.
Frauen schweigen als Selbstschutz, Scham. Akademische Kreise âkönnen das
sowieso gut geheim haltenâ. Spohr: âAber mit dem Schulalter wird es
offensichtlich. Es treten kognitive Störungen wie Konzentrationsmangel auf,
oder die Kinder können Verhalten und Emotionen nicht steuern.â
Geburtsmediziner, KinderÀrzte oder SozialpÀdiatrische Dienste
diagnostizieren heute nur gelegentlich FASD. Zu komplex. Allein das Fetale
Alkoholsyndrom (FAS), als Vollbild der AlkoholschÀdigung, sei gut
erkennbar, anhand des kleinen Babykopfs, verkĂŒrzter Lidspalten, dĂŒnnerer
Oberlippe. Etwa 3.500 Kinder kommen damit jÀhrlich in Deutschland zur Welt.
âVerhinderbarâ, so Spohr, der kompromisslos formuliert: âWer ein Baby
plant, wer schwanger ist, da gilt null Alkohol!â
Hebamme Rinne-Wolf trÀgt diese Botschaft als Vorstand des Berliner
Hebammenverbandes in die Politik oder Hebammenschulen: âRisiken können
selbst bei kleinsten Mengen nicht ausgeschlossen werden, schon ab der
ersten Schwangerschaftswoche.â Auch die gerade trendigen
âWochenend-BesĂ€ufnisseâ junger Frauen sind laut Spohr gefĂ€hrlich, weil
Betroffene von ihrer Schwangerschaft noch nichts wissen, sie verdrÀngen,
âweiterbechernâ. Spohr und Rinne-Wolf fordern, dass Schulen mehr aufklĂ€ren
und FrauenÀrzte sensibler hinhören.
Wie etwa Oliver Schmid, GynÀkologe und Geburtsmediziner aus Reinickendorf.
Auf seiner Website versucht der PrÀnataldiagnostiker zu sensibilisieren:
âDas Thema ist in unserem Fachkreis absolut unterreprĂ€sentiert. Obwohl es
die hĂ€ufigste kindliche SchĂ€digung darstellt.âSchmid interviewt darum jede
Patientin per Fragebogen zu Alkohol-, Nikotin- und illegalen Drogenkonsum.
Etwa 1.000 jĂ€hrlich, aber âes gab noch keine zu, Alkohol zu konsumierenâ.
Weil er und sein Team eine hohe Dunkelziffer vermuten, differenzierte er
die Abfrage weiter mit der Wahlangabe: âTrinke selten Alkoholâ.
Schmid klĂ€rt Patientinnen als âVertreter der Ungeborenenâ bei allen
Suchtmitteln zur Null-Toleranz auf: âEs gibt keine verlĂ€ssliche Grenze, bis
zu der Alkohol fĂŒr Embryonen unproblematisch ist.â Rinne-Wolf wie Spohr
sagen: âJeder Zeitpunkt ist der richtige, um mit dem Trinken aufzuhören.â
Sandra Fischer hat es geschafft. Allerdings so spÀt, dass ihre Tochter an
FASD erkrankte. Mit dem Wissen kann die Kleine jetzt wenigstens speziell
gefördert werden.
14 Oct 2017
## AUTOREN
(DIR) Janet Weishart
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