# taz.de -- Kolumne Liebeserklärung: Christliche Werte
       
       > Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommen von irgendwo christliche
       > Werte her: Sie taugen für alles. So pluralistisch kann das weitergehen.
       
 (IMG) Bild: Diesmal erklären wir unsere Liebe den christlichen Werten
       
       Oh Gott, oh Gott, was war das wieder für eine Woche voller christlicher
       Werte. Da wirft der eine (Jürgen Trittin) den anderen (CDU und CSU) vor,
       christliche Werte zu verleugnen, wenn die anderen eine Obergrenze zur
       Aufnahme von Asylsuchenden einführten (die sie aber nicht Obergrenze
       nennen), während die anderen (zum Beispiel Angela Merkel) es geradezu
       christlich finden, nicht alle aufzunehmen, da wir uns ja nicht um alle
       kümmern könnten, was wiederum unchristlich wäre.
       
       Und sonst? Eine Kirche in den USA findet es christlich, Waffen zu verlosen.
       Präsident Donald Trump und Teile seiner republikanischen Partei berufen
       sich auf christliche Werte, wenn sie es Frauen so schwer und teuer wie
       möglich machen wollen, abzutreiben. In Polen begründet die regierende PiS
       quasi alles mit christlichen Werten.
       
       Und die evangelische Kirche in Deutschland findet es ziemlich christlich,
       wenn jeder Pastor und jede Pastorin einfach selbst entscheidet, ob er oder
       sie gleichgeschlechtlichen Paaren bei einer Hochzeit den Segen der Kirche
       mit auf den Weg gibt. Mir gefällt das.
       
       Nicht, dass Männer versuchen, Frauen Abtreibungen zu erschweren. Nein, mir
       gefällt, dass sich alle irgendwie auf christliche Werte berufen können. Das
       zeigt, dass es in der – nennen wir sie mal – westlichen Welt eben keine
       christliche Hauptströmung gibt. Niemand, auch nicht der Papst, kann
       ernsthaft von sich behaupten, eine Richtung vorgeben zu können, der dann
       alle Schäfchen folgen. Das ist Pluralismus.
       
       Außerdem ist der Rückgriff auf christliche Werte so schön entlarvend: Wer
       sich einzig auf Christus beruft, hat sonst keine Argumente. Je häufiger
       sich jemand auf christliche Werte beruft, umso unglaubwürdiger ist er oder
       sie. Denn wer weiß schon, was Jesus wollte?
       
       Aber das steht doch in der Bibel, sagt da der religionsgelehrte
       Schlaumeier. Jaha, guter Einwand, aber in der Bibel steht auch, dass du
       schnell mal Blutschuld auf dich laden kannst, wenn du kein Geländer auf
       dein Dach montierst. Denk mal drüber nach, ob dein Dach ordentlich
       gesichert ist.
       
       Und das kann dann auch jede und jeder wieder so interpretieren, wie er oder
       sie will. Schön.
       
       15 Oct 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jürn Kruse
       
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