# taz.de -- FAMILIENPORTRÄT Mit Sehnsucht kennt sich Autorin und Regisseurin Sonja Heiss aus. Ihr Romandebüt „Rimini“ ist mit schwarzem Humor durchsetzt. Ein Glas Rosé zur Kühlung täte beim Lesen gut: In diesem Schreiben möchte man schwimmen
       
 (IMG) Bild: Dem Kladderadatsch entfliehen und … sich auf dieses Handtuch hier legen. Wär gut, oder?
       
       von Laura Ewert
       
       Sonja Heiss sitzt in der Sonne beim Italiener in Prenzlauer Berg und trägt
       ein geblümtes Kleid, das sehr teuer oder sehr billig sein könnte. Bekommt
       ein Glas Weißwein zu ihrer Pasta, obwohl sie keines bestellt hat. Raucht,
       obwohl sie eigentlich aufgehört hat. Sonja Heiss guckt. Sonja Heiss sagt:
       „Ich will mit meinen Büchern nicht die Welt erklären, das überlasse ich den
       Männern.“ Und lächelt überlegen. Dann weiß man schon sehr viel über sie.
       Sie mag vielleicht wenig erklären, aber wenn man sie liest, weiß man
       plötzlich alles. Bis man es wieder vergisst.
       
       Denn vielleicht kennt sich niemand so gut mit Sehnsucht aus wie Sonja
       Heiss. Mit dem Gefühl des Nichts, dem Hunger auf alles. Dem Wunsch, spontan
       nach Italien zu fahren, in einem Auto, in dem man die Scheibe nicht
       hochkurbeln kann. Dem Wunsch, mit einem Menschen Sex zu haben und Bücher
       lesen zu können. Dem Gefühl, dass da noch etwas ist, für das es sich lohnt,
       aufzustehen. Der falschen Annahme, andere hätten den Mut, Sicherheit gegen
       Glück einzutauschen. Unsere Wohlstandsexistenz zwischen schönem Schwelgen
       und zweifelnder Zerrissenheit.
       
       Sonja Heiss hat darüber schon geschrieben: über das Gefühl, wenn Kinder
       auch nicht glücklich machen, über die innere Panik, wenn man erfährt, dass
       auch Fruchtfliegen Depressionen haben. Wie es gleichermaßen ängstigt und
       beruhigt, dass da draußen ungezählte Menschen mit Mikroproblemen
       herumlaufen. Das hat sie auf brutalst charmante Art in ihrem 2011
       erschienen Kurzgeschichtenband „Das Glück geht aus“ beschrieben.
       Hintendrauf stehen Blurbs von Helene Hegemann und Miranda July. Die sind
       kein schlechter Referenzrahmen, weil auch sie sich mit Sehnsucht und ihrer
       dunklen Seite auskennen und weil auch sie interdisziplinär wirken.
       
       Denn Sonja Heiss hat auch die Filme „Hotel Very Welcome“ und „Hedi
       Schneider steckt fest“ gemacht. In Letzterem geht es um Panikattacken oder
       wie es ist, wenn die Welt auseinanderfällt. In „Hotel Very Welcome“ gibt es
       unter anderem Szenen mit Telefonaten zwischen einer europäischen
       Travellerin und einem thailändischen Reisebüro, die das Scheitern des
       Versuchs zeigen, einen Flug – irgendeinen Flug – zu buchen; sie gehören zu
       den besten der deutschen Kinogeschichte. Über Heiss’ Filme sagt man, sie
       seien tragikomisch; das heißt, dass sie sich mit Macken beschäftigen, mit
       der Schönheit des Scheiterns, mit dem Kichern, das beim Weitergehen
       entsteht.
       
       So ist das auch in ihrem wunderbaren Romandebüt. „Rimini“ ist ein
       Familienporträt. Es geht um Mutter, Vater und deren zwei Kinder samt
       Anhang, deren Probleme nicht überschaubar, aber doch sehr lebensnah sind:
       Zwangsstörungen, unerfüllte Liebe, übererfüllte Liebe, unerfüllter
       Kinderwunsch, Nähe-Distanz-Schwäche und all der andere Kladderadatsch, den
       man so zur Beschäftigung mit sich herumschleppt und an dessen Ende immer
       Trennungen, Tode, Entscheidungen stehen.
       
       Sonja Heiss schreibt das auf. Nicht psychologisierend, aber behutsam.
       Gleichzeitig fast abgeklärt, sodass die Geschichte zur schwarzen Komödie
       wird, wenn Sohn Hans erst seine Analytikerin stalkt, weil ihm seine
       Anwaltskarriere entgleitet, und er dann seine Frau verlässt. Wenn Bitzi,
       der Vogel von Hans’ Vater, einen der dramatischsten Tode der
       Literaturgeschichte stirbt. Dazwischen finden sich die ehrlichsten und
       schamlosesten Sexszenen, weil Hans’ Schwester Masha mit 39 beschließt, ein
       Kind zu bekommen. Und dann gibt es noch Mutter Barbara und ihre Lebenslüge.
       
       Mit der Beschreibung, wie jemand eine Zigarette dreht, kann Sonja Heiss
       ganze Biografien erzählen. Ihre Sprache ist direkt, hat Witz. Zum
       Geldverdienen dreht sie auch manchmal Werbung. Kürzlich mit einem
       Schauspieler, den die Rezensentin mal in einem Jugendbett küsste. Kurzer
       Austausch darüber: Heiss fragt, wie die Bettwäsche denn aussah. Dann sagt
       sie: „Wenn du den Typen da drüben an dem Tisch lange genug anguckst, wirst
       du etwas finden, was du aufschreiben kannst.“
       
       Sonja Heiss’ Bücher und Filme sind leise Geschichten mit lauten Details.
       Sie hat die Fähigkeit, Dingen Bedeutung beizumessen. Vielleicht verläuft
       die Grenze zwischen den Menschen nicht nur zwischen oben und unten, sondern
       auch zwischen denen, die Menschen lieben, und denen, die sich vor ihnen
       ekeln. Sonja Heiss beobachtet die Menschen wie eine, die sie liebt. Und
       fühlt so viel wie eine, die hasst. „Ich habe mal so einen Hochsensiblentest
       im Internet gemacht. Ab 50 Punkten war man hochsensibel, ich hatte 95. Das
       ist anstrengend, aber hilft beim Schreiben.“
       
       In diesem Schreiben möchte man schwimmen. Und sich ein Glas kühlen Rosé an
       die Stirn halten. In Italien natürlich, Rimini vielleicht. Auch so eine
       Sehnsucht. Sonja Heiss sagt: Sehnsucht hält uns am Leben.
       
       Sonja Heiss: „Rimini“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 400 Seiten, 20
       Euro
       
       26 Aug 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laura Ewert
       
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