# taz.de -- Interview zur Medikamentenzulassung: „Identifizierung nicht möglich“
       
       > Das Leibniz-Institut für Arzneimittelrisikoforschung darf künftig die
       > Daten von 24 Millionen Patient*innen speichern. Wofür das gut ist,
       > erklärt Direktorin Iris Pigeot
       
 (IMG) Bild: Durch das Schlafmittel Contergan des Aachener Pharmaunternehmens Grünenthal kamen nach 1957 Tausende Kinder mit Missbildungen zur Welt.
       
       taz: Frau Pigeot, wieso konnte das Medikament Contergan gegen
       Schwangerschaftsübelkeit in den Sechzigern weltweit bis zu 10.000 Kinder
       schädigen? 
       
       Iris Pigeot: Es gab damals keine Überwachung von Arzneimitteln nach der
       Zulassung. Nach der Entwicklung kam ein Medikament direkt auf den Markt.
       
       Kann ein derartiger Skandal heute noch passieren? 
       
       Nicht in diesem Umfang. Heute gibt es vor einer Marktzulassung zunächst
       umfangreiche Wirksamkeitsprüfungen.
       
       Wie viele Menschen braucht man für eine Zulassung? 
       
       Es sind eher kleine Patientenkollektive. An 3.000 bis 5.000 Menschen wird
       über kurze Zeiträume ein neues Medikament getestet. Keine Zulassung sollte
       zu lange dauern, sonst wäre den Kranken nicht geholfen.
       
       Wie kann man so seltene Nebenwirkungen oder Spätfolgen von Medikamenten
       herausfinden? 
       
       Gar nicht. Hinzu kommt, dass die Einnahme im wahren Leben auch anders als
       in einer Studie ist: Oft werden etwa mehrere Medikamente gleichzeitig
       genommen. Deswegen ist es dringend nötig, Arzneimittel nach der Zulassung
       zu monitorieren. Das gab es früher ebenso wenig wie große Datenbanken.
       Heutzutage würden bereits einzelne Fälle bei der Einnahme von Contergan zu
       einer strengen Prüfung des Medikaments führen und gegebenenfalls zur
       Marktrücknahme. Ein solches Ausmaß an Schaden könnte ein Medikament heute
       nicht mehr anrichten.
       
       Der Bundesrat hat gerade beschlossen, dass Sie über große Datensätze länger
       verfügen dürfen. Warum? 
       
       Sozialdaten sind in Deutschland gut geschützt. Sie können zu
       Forschungszwecken verwendet werden, wenn das Allgemeinwohl betroffen ist.
       Vor der Gesetzesänderung mussten Daten für konkrete Forschungsvorhaben
       angefragt und am Ende des Projekts wieder gelöscht werden. Die langfristige
       Sicherheit von Arzneimitteln und unbekannte Arzneimittelrisiken konnten so
       nicht untersucht werden.
       
       Inwiefern hat sich das geändert? 
       
       Jetzt können wir in Bremen eine Gesundheitsdatenbank zur systematischen
       Überwachung der Arzneimittelsicherheit aufbauen. Unsere Daten aus einer
       zehnjährigen Studie umfassen 24 Millionen Personen. Die hätten eigentlich
       zum Jahresende gelöscht werden müssen. Jetzt dürfen wir einen Antrag auf
       weitere Nutzung stellen.
       
       Wie gewährleisten Sie die Sicherheit solch sensibler Datenmengen? 
       
       Eine Identifizierung von Personen ist nicht möglich. Bevor wir die Daten
       bekommen, ersetzt die Krankenkasse Namen von Personen mit Nummern. Dann
       gehen verschlüsselte Datenträger per Boten an eine Vertrauensstelle. Dort
       werden die Nummern entfernt und neue vergeben und die Daten vergröbert. So
       wird nur das Geburtsjahr und die Gemeindekennziffer des Wohnorts
       übermittelt. Erst dann gehen sie in die Aufbereitungsstelle unseres
       Forschungsinstituts. Dort bereiten wir die Daten so auf, dass sie nur
       zweckgebunden für eine konkrete Studie benutzt werden können. Die Forscher
       haben niemals Zugriff auf den gesamten Datensatz.
       
       Gab es in letzter Zeit Medikamente, die Schäden nach ihrer Zulassung
       verursacht haben? 
       
       Ja klar. Das berühmteste ist Diclofenac. Wir haben herausgefunden, dass das
       Schmerzmittel zu Herzinfarkten führen kann. Das heißt, dass man bei der
       Verschreibung dieses Medikaments die familiäre Vorbelastung berücksichtigen
       muss. Ein weiteres Beispiel: Die Impfkommission hat eine Zeit lang eine
       Vierfach-Impfung gegen Mumps, Masern, Röteln und Windpocken empfohlen. Wir
       haben herausgefunden, dass diese Impfung gegenüber der alten
       Dreifach-Impfung mit einer separaten Windpocken-Impfung das
       dreieinhalbfache Risiko für Fieberkrämpfe barg. Die Impfkommission ist
       zurückgerudert und empfiehlt jetzt wieder eine Dreifach-Impfung plus der
       Windpockenimpfung.
       
       Für wie sinnvoll halten Sie Tierversuche in der Forschung? Ärzte gegen
       Tierversuche kritisieren, dass sie gar keinen Mehrwert haben, und selbst
       wenn es so wäre, sie dennoch aus ethischen Gründen abzulehnen wären. Wie
       schätzen Sie das ein? 
       
       Ich kann nicht sagen, dass Tierversuche nicht sinnvoll sind. Ich habe mich
       sehr lange mit dieser Frage beschäftigt, um sie in Gänze zu verstehen. Als
       ich jünger war, habe ich ein Tierversuchslabor besucht. Da waren fünf
       Kätzchen, die normal aussahen, schmusten und sprangen. Ich habe gefragt:
       Was ist mit denen? Ihnen wurde nach der Geburt ein Auge entfernt.
       
       Warum? 
       
       Wenn kleine Kinder etwa nach einem Sturz ein Glasauge brauchen, gibt es das
       Problem, dass Prothesen nicht mitwachsen und sich der Kopf und das Gehirn
       infolge dessen asymmetrisch entwickeln. Das ist ganz furchtbar und hat auch
       kognitive Folgen. Es braucht ein Auge, das mitwächst, wie ein Ballon.
       Deswegen haben sie ballonartige Prothesen zunächst bei Kätzchen getestet
       und geguckt, ob sich deren Proportionen und Gleichgewichtssinn mit der
       Prothese normal entwickeln. Das war so. War dieser Versuch nun nicht
       sinnvoll?
       
       Ein großes Problem bei Tierversuchen ist die Übertragbarkeit. 
       
       Genau wie in Zulassungsstudien braucht es eine Ethikkommission. Es sollte
       kein Tierversuch durchgeführt werden, der nicht so geplant ist, dass er die
       notwendigen Erkenntnisse bringen kann. Wo immer ein Versuch ersetzt werden
       kann, sollte man das tun. Früher hat man toxische Stoffe in Kaninchenaugen
       gesprüht, später nahm man stattdessen dann Eidotter dafür. Tierversuche
       müssen genauso stark reglementiert sein wie Versuche am Menschen, und
       schließlich sind Arzneimittelzulassungsstudien nichts anderes als solche.
       Insgesamt hat sich bei Tierversuchen in der Zwischenzeit viel verändert.
       Dennoch bleibt das grundsätzliche Problem, ob die Ergebnisse von
       Tierversuchen auf den Menschen übertragen werden können, was von vielen
       hinterfragt wird. Die Entscheidung bleibt unglaublich schwer: Ohne
       Forschung an lebenden Organismen wäre unsere medizinische Versorgung
       schlechter.
       
       25 Jul 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gareth Joswig
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Contergan
 (DIR) Datenschutz
 (DIR) Big Data
 (DIR) Schwerpunkt Frankreich
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nutzung von Forschungsdaten: Big Data für die Forscher
       
       Forscher sollen besseren Zugang zu Datensammlungen erhalten. In einer
       Initiative wollen Bund und Länder die Infrastruktur dafür aufbauen.
       
 (DIR) Medizinisches Rätsel in Frankreich: Neugeborene ohne Arme und Hände
       
       Frankreich sucht Ursachen für Fehlbildungen bei Babys in drei ländlichen
       Gebieten. Spekuliert wird unter anderem über Umwelteinwirkungen.