# taz.de -- „Wir feiern unsere Mängel“
       
       > Party Bei der Pride Parade rollen und laufen „Freaks und Krüppel,
       > Eigensinnige und Blinde, Taube und Normalgestörte“ durch die Stadt, so
       > die Veranstalter. Es gehe darum, so Kämpfe von Behinderten und Menschen
       > mit Psychatrieerfahrung zusammenzuführen
       
 (IMG) Bild: „Der Begriff ‚Teilhabe‘ ist verbrannt – deshalb fordern wir ‚ganzhaben statt teilhaben‘ “: auf der Pride Parade 2013
       
       Interview Anne Pollmann
       
       taz: Herr Kralj, auf der Pride Parade wird „behindert und verrückt“
       gefeiert, so der Slogan. Worum geht es dabei genau? 
       
       Matej Kralj: Wir sind Menschen mit Behinderungen, Menschen mit
       psychiatrischen Diagnosen und ihre Unterstützer*innen. Wir gehen jetzt zum
       fünften Mal auf die Straße, um gegen eine Gesellschaft zu protestieren, die
       Menschen, die nicht in Normen passen, ausgrenzt und stigmatisiert. Wir
       wollen selbstbestimmt leben und wehren uns dagegen, in Psychiatrien
       eingesperrt zu werden, in Behindertenwerkstätten arbeiten zu müssen und in
       Wohnheimen leben zu müssen. Mit der Parade feiern wir unsere – wie die
       Gesellschaft es sieht – Mängel und zeigen, dass wir uns nicht schämen,
       sondern stolz darauf sind.
       
       In Ihren Texten verwenden Sie allerhand abwertende Begriffe. 
       
       Wir benutzen diese Wörter als Selbstbezeichnung und als positive Aneignung
       abwertender Begriffe.
       
       Frau Franz, was wollen Sie mit der Pride Parade erreichen? 
       
       Paula Franz: Es geht uns um eine Art Empowerment. Das heißt: Wir wollen
       gemeinsam die Straße erobern, uns so zeigen, wie wir sind, und zeigen, dass
       wir gut sind, wie wir sind – im Gegensatz zu den Verhältnissen, in denen
       wir leben. Es geht uns mit der Parade darum, die Kämpfe von Behinderten und
       Menschen mit Psychatrieerfahrung oder psychiatrischen Diagnosen
       zusammenzuführen, und zwar emanzipatorisch, radikal und
       kapitalismuskritisch.
       
       Herr Drebes, das Motto der diesjährigen Pride ist „ganzhaben statt
       teilhaben“. Was steckt dahinter? 
       
       Sven Drebes: Der Begriff „Teilhabe“ ist ja fast schon Modebegriff. Er
       sollte ursprünglich mal heißen, dass jede*r überall mitmachen kann. Aber in
       der Praxis sieht das anders aus. Gerade behinderte und verrückte Menschen
       kriegen oft nur Krümel hingeworfen, die dann Teilhabe genannt werden. Zum
       Beispiel, dass man 35 Stunden die Woche in einer Werkstatt mit behinderten
       Menschen arbeitet, aber nur 200 Euro dafür bekommt. Oder dass man in
       Wohngruppen mit sieben bis zehn Leuten leben muss, wo man zwar theoretisch
       jederzeit rauskann, aber praktisch nicht die Unterstützung da ist, damit
       jeder sein Leben leben kann, wie er will. Der Begriff „Teilhabe“ ist
       verbrannt – und darum fordern wir „ganzhaben statt teilhaben“.
       
       Frau Franz, 2016 wurde das Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und
       Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen verabschiedet. Gibt es
       positive Entwicklungen? 
       
       Paula Franz: Viele haben gehofft, dass das Bundesteilhabegesetz einiges
       ändern würde. Das, was letztes Jahr beschlossen wurde, hat die Erwartungen
       aber absolut nicht erfüllt. Es wurden sogar neue Möglichkeiten geschaffen,
       selbstbestimmtes Leben zu verhindern. Auch Institutionen wie die
       Psychiatrie gibt es weiterhin. In Berlin wurde zudem mit dem neuen
       Psychisch-Kranken-Gesetz Zwangsbehandlung erneut legalisiert. Das Gesetz
       ermöglicht es, Menschen mit psychiatrischen Diagnosen im Fall akuter
       Selbst- oder Fremdgefährdung gegen ihren Willen in der Psychiatrie
       unterzubringen. Darauf haben wir keine Lust.
       
       Wen wollen Sie mit der Pride Parade ansprechen? 
       
       Paula Franz: Das Motto ist ja „Behindert und verrückt feiern“, das heißt,
       wir wollen vor allem Freaks und Krüppel, Verrückte und Lahme, Eigensinnige
       und Blinde, Taube und Normalgestörte ansprechen. Unterstützer*innen sind
       natürlich auch eingeladen. Uns ist wichtig, dass viele Menschen zur Parade
       kommen, die sonst nicht auf Demos gehen. Es versammelt sich nicht die
       übliche linke Szene, sondern es kommen Menschen, die sich aus
       unterschiedlichen Gründen betroffen fühlen und deren Themen sonst selten
       aufgegriffen werden. Das führt dann zum Beispiel dazu, dass am Hermannplatz
       50 Rollstuhlfahrer*innen stehen und sehnlich darauf warten, dass es endlich
       anfängt.
       
       Matej Kralj: Die Parade will jede*n ansprechen, der das Gefühl hat,
       gesellschaftlich ausgeschlossen zu sein, und feststellt: „Das verfolgt mich
       und ich habe genug davon!“
       
       Was machen Sie selbst, um möglichst vielen Leuten die Teilnahme an der
       Parade zu ermöglichen? 
       
       Paula Franz: Wir versuchen, eine nicht zu lange, gut zugängliche und gut
       berollbare Strecke zu finden. Es gibt rolligerechte Toiletten; das ganze
       Programm wird in deutsche Gebärdensprache gedolmetscht. Es gibt
       Kommunikationsassistenzen, also Leute, die zwischen Lautsprache und
       Gebärdensprache vermitteln, und einen Ruhewagen am Ende der Demo. Dazu eine
       Unterstützungsgruppe, also Leute, die schauen, dass es allen gut geht, und
       die ansprechbar sind. Und wir achten auf leichte Sprache. Alle Redebeiträge
       bekommen vorher nochmal einen Barrierecheck.
       
       Sven Drebes: Aber man kann nicht alles von vornherein im Kopf haben. Wir
       lernen auch jedes Jahr dazu.
       
       13 Jul 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Pollmann
       
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