# taz.de -- Deutsch-mexikanisches „duales Jahr“: Atemberaubendes Gedränge
       
       > Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht Mexiko und begutachtet den
       > kulturellen Austausch mit Deutschland. Und verteidigt den Freihandel.
       
 (IMG) Bild: Die Kanzlerin und das „duale Bier“: Angela Merkel in Mexiko-Stadt
       
       Was bleibt, ist ein gemeinsames Bier. Ein „duales Bier“, hergestellt von
       sechs Braumeistern. Drei Mexikanern, drei Deutschen. Denn Bier, so steht es
       auf der Flasche, ist immer Gesprächsthema zwischen Menschen der beiden
       Nationalitäten. Für Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto bietet die
       Hopfenfusion einen guten Anlass, um mit Kanzlerin Angela Merkel auf ein
       erfolgreiches Projekt anzustoßen: auf das „Año Dual“, das „Duale Jahr“, ein
       kulturelles Austauschprogramm mit zahlreichen Konzerten, Filmaufführungen
       und weiteren Events, das die beiden an diesem Abend offiziell beenden.
       
       Also wird beim Abendessen im Nationalpalast von Mexiko-Stadt nicht Wein,
       wie sonst bei Staatsbesuchen üblich, sondern ebendieses binational gebraute
       Bier ausgeschenkt. Es soll eine großartige gemeinsame Zukunft der beiden
       Staaten symbolisieren, eine Zukunft, die mit dem Mexiko-Besuch Merkels am
       Wochenende und dem Dualen Jahr besiegelt zu sein scheint.
       
       Drei Stunden zuvor war die Kanzlerin aus Argentinien gekommen. In der
       sogenannten Schatzkammer des Regierungspalastes ist an diesem Abend eine
       illustre Gesellschaft geladen, um mit Angela Merkel anzustoßen. Zahlreiche
       hochrangige Politiker sitzen mit an den Tischen des Saals: der Präsident
       des Obersten Gerichtshofs, Gouverneure, mexikanische Unternehmer. Da
       Journalisten dem Dinner nur für kurze Zeit als Zaungäste beiwohnen dürfen,
       lässt sich nicht recherchieren, welche Landeschefs vertreten sind. Viele
       aus der alten Garde sind Peña Nieto ja nicht geblieben.
       
       Gegen die meisten der 19 PRI-Gouverneure, mit denen er sich nach seinem
       Wahlsieg 2012 freudestrahlend fotografieren ließ, laufen strafrechtliche
       Ermittlungen. Manche sitzen auch inzwischen im Gefängnis, weil sie auf der
       Gehaltsliste der Mafia standen, illegal Grundstücke verschacherten oder in
       die Ermordung von Journalisten involviert waren.
       
       ## Beunruhigt über die organisierte Kriminalität
       
       In ihrem blauen Blazer markiert Merkel den einzigen Farbtupfer in dieser
       dunkel gekleideten Gemeinschaft. Sie freue sich über den „warmherzigen
       Empfang“ in dem kolonialen Gebäude, das auch Diego Riveras weltberühmte
       Wandmalerei über die Geschichte der Klassenkämpfe beherbergt. Die
       Kanzlerin, eher beunruhigt über die organisierte Kriminalität, will Peña
       Nieto im Kampf gegen die allmächtige Drogenmafia und die Korruption
       beistehen.
       
       „Wir haben darüber gesprochen, dass, wo immer Deutschland helfen kann, wir
       dies tun wollen“, berichtet sie vom Gespräch mit ihrem mexikanischen
       Amtskollegen. Auch der Begriff „Menschenrechte“ fällt einmal, so als müsse
       er fallen in einem Land, in dem ständig Menschen verschwinden oder ermordet
       und gefoltert werden. Einem Land, dessen Regierung nie den ernsthaften
       Willen gezeigt hat, diese Verbrechen aufzuklären.
       
       Das haben ihr Menschenrechtsaktivisten in einem Brief und bei einem
       inoffiziellen Treffen berichtet. Doch im Nationalpalast gilt es, die
       Erfolge des Dualen Jahres zu betonen: 1.500 Veranstaltungen, 150
       Ausstellungen und 94 Konzerte. Das „Año Dual“ sollte Mexikanerinnen,
       Mexikaner und Deutsche in der Bildung, Wissenschaft und Kultur
       zusammenbringen.
       
       ## Berghain-DJs in einem mexikanischen Club
       
       Und so legten Berghain-DJs in einem mexikanischen Club auf, der Berliner
       Gropius-Bau stellte die Schätze der Mayas aus, das Zeitgenössische Museum
       in Monterrey zeigte die Werke von Otto Dix, und auf einer Industriemesse in
       Mexiko-Stadt beschrieb die Max-Planck-Gesellschaft mit einem
       „Science-Tunnel“ die Megatrends der Wissenschaft. Und das mit Erfolg: 3,5
       Millionen Menschen in über 40 Städten besuchten die Veranstaltungen. „Ich
       bin davon überzeugt, dass dies kein Ende, sondern der Start für eine sehr
       viel intensivere Beziehung zwischen den beiden Ländern ist“, resümiert die
       Kanzlerin.
       
       Vier U-Bahn-Stationen entfernt findet das Duale Jahr zum gleichen Zeitpunkt
       einen ganz anderen Abschluss. Zehntausende Jugendliche tanzen auf einem
       kostenlosen Rave vor dem Revolutionsdenkmal. Trotz des Regens und trotz des
       im wörtlichen Sinne atemberaubenden Gedränges sind sie gekommen, um an der
       vom Goethe-Institut organisierten Party teilzunehmen.
       
       Auch hier findet eine Fusion statt: Das Nortec-Kollektiv aus Tijuana
       liefert, begleitet von dem Ex-Kraftwerk-Schlagzeuger Wolfgang Flür, eine
       fulminante Mischung aus Techno, Polka und mexikanischem Norteño. Vorher
       haben bereits der Cumbia-Musiker Celso Piña und das Münchner Elektronik-Duo
       Schlachthofbronx für Stimmung gesorgt.
       
       ## BASF-Shampoo mischen
       
       Es ist das letzte Konzert der so genannten PopUp-Tour, die von großen
       deutschen Investoren unterstützt wird. Das Event liefert mehr als nur
       Musik. Am Volkswagen-Stand schauen sich Jugendliche im 3-D-Format das
       VW-Werk in Puebla an, bei BASF dürfen sie mit ein paar chemischen
       Substanzen Shampoo mischen und bei Mercedes-Benz steht eine Stellwand, an
       der man sich vor der deutschen Fußball-Nationalelf fotografieren lassen
       kann. Samt Daimler-Stern.
       
       „Mit der PopUp-Tour waren wir jeweils fünf Tage in fünf Städten unterwegs“,
       erklärt eine Mexikanerin, die perfekt Deutsch spricht. Es waren die Städte,
       in denen deutsche Autobauer Werke betreiben oder eröffnen werden. Die junge
       Frau sammelt Adressen für eine Mailing-Liste. „Dann werden sie immer über
       die Entwicklung des Mercedes-Werkes in Aguacalientes auf dem Laufenden
       gehalten.“
       
       Auch die Kanzlerin schaut am nächsten Morgen bei der PopUp-Tour vorbei.
       Nur kurz, für die Photo-op mit jungen Leuten. Dann muss sie weiter, zum
       Treffen mit Wirtschaftsvertretern. Nein, wir brauchen keine Mauern, und ja,
       wir verteidigen den Freihandel – Angela Merkel deutet zum Abschluss ihrer
       Lateinamerika-Reise noch mal diplomatisch an, dass man beim G-20-Gipfel im
       Juli gegen den US-Präsidenten Donald Trump zusammenstehen müsse. Und Peña
       Nieto beruhigt mit Blick auf die Neuverhandlung des Freihandelsvertrags mit
       den USA und Kanada: „Wir werden die Investoren schützen, die auf Mexiko
       gesetzt haben.“
       
       ## Kooperationsverträge für öffentliche Aufträge
       
       Siemens-Topmanager Joe Kaeser unterschreibt – auch für die Kamera – drei
       Kooperationsverträge für öffentliche Aufträge. Die Kanzlerin, heute in
       knalligem Rot, freut sich, Mexiko als Gastland der kommenden Hannover-Messe
       begrüßen zu dürfen. Dann drängt die Zeit. Um 13 Uhr steht der Airbus A 340
       der Luftwaffe zum Rückflug nach Berlin bereit.
       
       In der überfüllten U-Bahn auf dem Weg in den Süden von Mexiko-Stadt kämpft
       sich kurz darauf ein von Armut gezeichneter Mann mit einem Stock durch den
       Waggon und bettelt um ein paar Pesos. Sein schwarzes T-Shirt zeigt eine
       deutsche Fahne und die Aufschrift „Alemania“. Was er wohl über Deutschland
       weiß?
       
       11 Jun 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolf-Dieter Vogel
       
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