# taz.de -- Schweigen Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden behinderte Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Behindertenhilfe misshandelt und gedemütigt. Die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg hat sich den eigenen Verfehlungen gestellt – und kümmert sich um die Anerkennung der Opfer ▶Schwerpunkt SEITE 39–41: Opfer der Anstalten
       
 (IMG) Bild: 1979 enthüllte das Zeit-Magazin die Zustände in den damaligen Alsterdorfer Anstalten: Im „Wachsaal 21“ wurden Schwerstbehinderte, Suizidgefährdete und Ausreißer eingesperrt
       
       von Michael Wunder
       
       Die haben uns behandelt wie Gefangene“, so betitelte die Evangelische
       Stiftung Alsterdorf vor einigen Wochen eine Veranstaltung, bei der es auch
       um die eigene Geschichte ging: um die Gewalt und das Unrecht, die
       behinderten Kindern und Jugendlichen noch bis in die 1970er-Jahre hinein in
       den Anstalten widerfuhren.
       
       Die Geschichte der Anstalten in der Zeit nach 1945 ist bisher nur an
       wenigen Orten aufgearbeitet worden. Einer größeren Öffentlichkeit wird erst
       langsam klar, was damals dort passiert ist. Und erst seit Kurzem können die
       Betroffenen, sofern sie heute noch leben, offen darüber reden, ohne dass
       ihre Berichte übergangen oder als unglaubwürdig abgetan werden.
       
       Körperliche Züchtigungen, sexuelle Übergriffe, Isolierung, Fixierung,
       Bestrafung mittels Essens- oder Schlafentzug, Demütigungen, Medikation zur
       Ruhigstellung gehörten zum Alltag. Es war ein Leben im Getto, weggesperrt
       von der Gesellschaft, ohne Aussicht auf ein normales Leben und den
       Schwestern und Pflegern, die es nur selten gut meinten, ausgeliefert.
       
       Wieso erfolgte die Aufarbeitung dieser Geschehnisse, das Sprechen darüber
       und schließlich auch die Anerkennung als entschädigungsfähiges Unrecht erst
       jetzt und erst so spät? Es fällt auf, wie viel heute über die NS-Zeit in
       den Anstalten, Heimen und Psychiatrien aufgearbeitet ist und wie wenig über
       die Jahrzehnte nach 1945 in eben denselben Anstalten und Heimen. Die Scham,
       die die Aufarbeitung der NS-Zeit so lange blockiert hat, spielt
       offensichtlich wegen der zeitlichen Nähe hier eine noch wirksamere Rolle.
       Vieles, was jetzt berichtet wird, war in den Anstalten und Heimen zwar
       immer präsent, es drang aber nicht heraus und es wurde innerhalb wie
       außerhalb schamhaft beschwiegen. Diejenigen, die versuchten, es öffentlich
       zu machen wie beispielsweise 1979 der Alsterdorfer Kollegenkreis, eine
       Gruppe junger, engagierter Mitarbeiter, die die Dinge, die sie während
       ihrer Arbeit sahen, einfach nicht hinnehmen wollten, wurden als
       Nestbeschmutzer denunziert und von Kündigung bedroht.
       
       Auch die Evangelische Stiftung Alsterdorf, deren langsamer Reformprozess
       und später vollzogene Auflösung und Neuorientierung mit den Aktivitäten des
       Kollegenkreises eingeleitet wurde, hat die wissenschaftliche Aufarbeitung
       der Geschichte der 1950er- bis 1970er-Jahre erst 2012 begonnen und 2013
       publiziert. Das war lange nachdem der Umzug der Bewohnerinnen und Bewohner
       in die Stadtteile, ihre Anerkennung als Bürgerinnen und Bürger und die
       Umorientierung der Arbeit von einer gängelnden Betreuung zu einer
       Begleitung in ein selbständiges Leben vollzogen war. „Mitten in Hamburg“
       heißt das Buch und will damit nicht den Ort bezeichnen, wo Menschen mit
       Behinderung heute angekommen sind, sondern den Ort, wo all das
       Ungeheuerliche in den Jahren 1945–1979 stattfand, nämlich mitten in der
       Stadt.
       
       „Die Tür war zu, die wurde nur aufgemacht, wenn das Essen gekommen ist“,
       berichtet eine Bewohnerin in dem Buch. „Schlagen war ganz normal“, eine
       andere. „Man durfte nicht allein sein. Das war das schlimmste“, erzählt ein
       Bewohner, der noch heute daran leidet, dass er immer unter der Kontrolle
       der Pfleger und der Gruppe sein musste, beim Essen, beim Schlafen und auch
       auf der Toilette, auf der es keine Trennwände gab. Was die Betroffenen
       erlebt und erlitten haben, welche Traumata damit ausgelöst wurden, wurde
       lange Zeit, eine viel zu lange Zeit, nicht für den Skandal gehalten, der es
       war. Ganz offensichtlich auch noch weit in die Jahre der Reformen hinein.
       Ich greife mir hier auch an die eigene Nase. Haben wir Jüngeren, die wir
       Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre neu in den Anstalten angefangen
       haben, anpacken wollten und auch zu einem guten Teil angepackt haben, es
       ebenfalls nicht ganz ernst genommen? Zu lange hingenommen? Oder gar für so
       alltäglich gehalten, dass es des öffentlichen Berichts nicht würdig sei?
       
       Was die Aufarbeitung dieser Zeit zu Tage gebracht hat, sind nicht nur die
       unerträglichen Kontinuitäten aus der Zeit vor 1945, sondern auch eine
       interessante Binnenwelt der Anstalt. Eine Welt der Abschottung und des
       Beharrens auf Altem, aber auch vorsichtigen Annährungen an modernere
       pädagogische und therapeutische Vorstellungen – sicherlich nicht untypisch
       für viele vergleichbare Einrichtungen der Behindertenhilfe und der
       Psychiatrie.
       
       Zur Kontinuität aus der NS-Zeit ist zu sagen, dass 1945 natürlich wie
       vielerorts eine neue Leitung kam. Aber wegen des Arbeitskräftemangels und
       einer theologisch begründeten Haltung des Vergebens wurden Tätern und
       Mittätern „Persilscheine“ ausgestellt, damit sie aus den „Belastungen“ der
       NS-Zeit unbeschadet herauskamen. Viele arbeiteten deshalb einfach in
       Alsterdorf wie in anderen vergleichbaren Einrichtungen weiter. Sie
       selektierten dann zwar nicht mehr die „Schwächsten der Schwachen“ zur
       Euthanasie, aber sie versahen ihren Dienst mit derselben Abwertung und
       Verachtung für die Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung wie
       früher. Es gab, wie in so vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen der
       Bundesrepublik, 1945 keinen wirklichen Bruch mit der Vergangenheit.
       
       In diesem Milieu konnten sich die alten Ideen von Zucht und Ordnung, von
       Bestrafung und Isolation bei Fehlverhalten und Begünstigung bei
       Wohlverhalten natürlich trefflich fortsetzen. Und mit den neuen
       medikamentösen Möglichkeiten konnte der Wachsaal zur Dopingstation
       mutieren, in dem nicht nur pädagogisches Versagen pharmakologisch
       vertuscht, sondern unangepasstes Verhalten drastisch bestraft wurde. Und
       die NS-Geschichte selbst wurde– das ist heute hinlänglich bekannt – bis in
       die 1980er-Jahre unter Verschluss gehalten.
       
       27 May 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Wunder
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA