# taz.de -- Lückenfüller Lange schon gab es Ideen für ein undogmatisches linkes Blatt. Der „Deutsche Herbst“ 1977 wirkte wie ein Katalysator für diese „Utopie“. Motto: Keine Chance, aber wir nutzen sie: Vom Prospekt zur tageszeitung
       
 (IMG) Bild: Ein Sticker des Tunix-Kongress 1978 (oben); die erste taz-Ausgabe überhaupt vom 22. September 1978 (unten)
       
       von Wolfgang Gast
       
       Die Laudatio auf die taz hielt der Schriftsteller Peter Schneider:
       „Streunende Kinder drückt man nicht ungebissen an die Brust“, schrieb er,
       „und ein frühreifes kratzbürstiges Mädchen war die taz bereits im
       Wickelalter. Ein Waisenkind, ein garstig Kind, gepäppelt und herumgestoßen
       von tausend selbsternannten Eltern, die bis heute um Alleinerziehungsrechte
       streiten. Im Schutz dieses Gerangels um das Sorgerecht hat sich das Kind
       prächtig entwickelt und seine Erziehung in die eigene Hand genommen.“
       
       Schneider, einer der führenden Köpfe der Berliner Studentenbewegung Ende
       der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, war damals im Berliner Wedding
       auf Hausbesuch, dort, wo damals die taz noch ansässig war. Anlass war der
       zehnte Geburtstag dieser Zeitung. Und der, so Schneider, habe es in sich.
       Zum Schrecken vieler seiner Eltern habe das Kind geradezu eine Brillanz
       entwickelt, bei der es sich vermutlich aber um eine Trotzbegabung handeln
       muss. „Denn das Geburtstagskind hat, obwohl noch nicht in der Pubertät,
       bereits eine stattliche Zahl von Vater- und Muttermorden hinter sich und
       erkennt nur noch Wahleltern an. Elternbesuch, von wem auch immer, ist
       grundsätzlich nicht erwünscht, weswegen vermeintliche Sorgeberechtigte sich
       immer wieder mit dem Mittel der Hausdurchsuchung oder auch -besetzung
       Zutritt zu dem undankbaren Wechselbalg verschaffen.“
       
       ## Das „Projekt tageszeitung“ füllte eine mediale Lücke
       
       Das war 1989, und die taz verwaltete das chaotische Erbe jener Leute, die
       in der grauen Achtundsechziger-Vorzeit „Spontis“ hießen. Obwohl den Spontis
       erst vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und später von allen
       K-Gruppen ein historisch unausweichliches Ende mit Schrecken prophezeit
       worden war, erweist sich diese Spezies unter den linken Arten als die
       lebensfähigste.
       
       In den Nachbarländern Italien und Frankreich hatten linke Gruppen lange vor
       der taz auflagenstarke, wenn auch kurzlebige Zeitungen hervorgebracht: In
       Italien Lotta Continua, in Frankreich Libération. Dass das Spontiwesen im
       Gegensatz zu den mediterranen Nachbarn ausgerechnet in Deutschland eine
       jahrzehntelange Tradition entwickeln konnte, ist für Schneider
       „wahrscheinlich auf die Unfähigkeit zu einem kohärenten Weltbild dieser
       Gruppe zurückzuführen; anders und positiv gesagt auf ihr Misstrauen gegen
       ‚ewige Wahrheiten‘ “.
       
       Schöner als Peter Schneider konnte man dem „Projekt tageszeitung“ gar nicht
       gratulieren – und der Literat wusste dies auch: „Wer einem solchen Kind
       gratuliert, muss sich vorsehen. Geburtstagstorten wirft es zurück, und
       duldet Zärtlichkeiten nur, wenn sie schmerzen.“
       
       Die taz entstand in der Folge des Tunix-Kongresses im Januar 1978 in
       Berlin, der Geburtsstunde der Alternativbewegung. Sie war eine Reaktion auf
       den „Deutschen Herbst“ 1977, der Kriegserklärung der Roten Armee Fraktion
       an die Bundesrepublik, die mit der Entführung und Ermordung des
       Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der Befreiung des entführten
       Lufthansa-Jets „Landshut“ in Mogadischu und dem anschließenden Suizid der
       RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Ende Oktober
       jenes Jahres ihren Höhepunkt fand. „Dann kam der Herbst“, schrieben nach
       einen Treffen die „Initiativgruppen“, die den Aufbau einer landesweiten,
       dezentralen linken Zeitung mit einer „Prospekt Tageszeitung“ betitelten
       Broschüre vorantrieben: „Während wir uns die Augen rieben, verwirrt und
       betroffen die staatliche Inszenierung Stammheim/Mogadischu mit Schmidt als
       Regisseur, den Medien als Choreografie und uns als Statisten erlebten,
       unter Zwang. Doch Herbst ist auch die Zeit der Reife. Zwar existierte das
       Projekt einer linken Tageszeitung schon in den Köpfen von
       Ostermarschierern, auf den Barrikaden gegen Springer oder in den Stuben der
       Wissenschaft. Aber noch nie fielen Notwendigkeit und Bedürfnis so offen
       zusammen wie seit den Tagen der Großen und Kleinen Krisenstäbe, die sich
       den Punkt Medienlage jeweils auf Platz eins ihrer Tagesordnung zu setzen
       gewohnt waren.“
       
       Der Rechtsanwalt Hans-Christian Ströbele, Jean-Marcel Bouguereau von der
       französischen Libération und Achim Meyer vom Münchner Blatt verkündeten dem
       Publikum des Tunix-Kongresses in Berlin die Pläne der Gründung eines linken
       Tagesblattes. Bis Ende des Jahres bilden sich Initiativgruppen in 30
       Städten.
       
       Tatsächlich war eine Zeitung wie die taz nötig – kulturelle und politischen
       Diskurse jener Szenen, die später als alternative Bewegung verstanden
       wurden, fanden in den klassisch-bürgerlichen Medien kaum Resonanz. Die taz
       füllte die publizistische Lücke für ein Milieu, das mit den Grünen in
       bundesdeutschen Parlamenten präsent sein und nicht wieder verschwinden
       sollte.
       
       Bis Ende des Jahres sind Bestellungen für 1534 Voraus-Abos eingegangen. In
       25 Städten bereiten „taz-Inis“ die Zeitungsgründung vor. Aus einigen von
       ihnen entstehen später Regionalredaktionen: Hannover, Freiburg, Frankfurt
       oder München, vor allem aber die taz-Regionalausgaben Hamburg und Bremen.
       
       Das „Nationale Plenum“, basisdemokratisches Gremium aller Gruppen,
       beschließt nach intensiver Diskussion im Dezember in Frankfurt am Main,
       dass der Sitz der künftigen Zentralredaktion in Berlin sein wird.
       Berlin-Förderung und günstige steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten geben
       den Ausschlag für die Mauerstadt. Für den Beginn der täglichen Produktion
       wird der 2. April 1979 avisiert. In weiteren Nullnummern erarbeitet die
       entstehende Redaktion eine neue Tageszeitung.
       
       ## Vom Wedding in die Mitte der Hauptstadt
       
       Seit dem 17. April 1979 erscheint die taz – der Name lautet so lapidar wie
       anspruchsvoll: „Die Tageszeitung“, als seien alle anderen irgendwie
       nachrangig – täglich. Die Startauflage liegt bei 63.000 Exemplaren,
       verkauft werden von der ersten Ausgabe rund 20.000. Zentralredaktion und
       Verlag sitzen in der Weddinger Wattstraße. Das Einheitsgehalt der
       MitarbeiterInnen beträgt 800 DM. Die erste Vorausgabe erschien am 27.
       September 1978. Allerdings trug sie das Datum 22. September – fünf Tage
       hatte die Bearbeitung der „Nullnummer Nr. 1“ mit 16 Seiten gedauert. Sie
       enthielt einen doppelseitigen Bericht des Schriftstellers und Journalisten
       Gabriel García Márquez über den Sieg der Sandinistas in Nicaragua. Weitere
       Schwerpunkte waren die geplante Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll in
       Gorleben, die Verhaftung von Astrid Proll, einst Mitbegründerin der RAF,
       ein Interview mit einer Animierdame einer Peepshow, der Widerstand gegen
       Uranbergbau im Schwarzwald sowie das Nato-Großmanöver „Autumn Force“.
       
       Die Pubertät der „tageszeitung“ ist längst vorbei. Ein Zeichen ihres
       Erwachsenseins ist, dass es sie noch gibt. Und dass sie im kommenden Jahr
       in ihr neues Haus ziehen wird.
       
       24 May 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Wolfgang Gast
       
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