# taz.de -- „Sie sind über Leichen gegangen“
       
       > KinderklinikJournalist Andreas Babel über Euthanasie-Morde in
       > Rothenburgsort
       
       taz: Herr Babel, was passierte von 1940 bis 1945 in der Kinderklinik in
       Rothenburgsort? 
       
       Andreas Babel: Dort wurde eine sogenannte Kinderfachabteilung eingerichtet.
       Es war eine Tötungseinrichtung, in der behinderte Kinder aufgenommen
       wurden. In Rothenburgsort wurden mindestens 56 behinderte Kinder während
       dieser Zeit umgebracht.
       
       Wie viele Ärzte waren an den Euthanasie-Morden beteiligt? 
       
       Der Krankenhausleiter und elf seiner Assistenzärztinnen.
       
       Haben alle mitgemacht? 
       
       Es gab passiven Widerstand von vier jungen Ärztinnen, die sich weigerten
       dort mitzumachen.
       
       Hatte das Konsequenzen? 
       
       Bei einer Ärztin ist bekannt, dass ihr Pass eingezogen wurde. Bei den
       anderen hatte die Verweigerung keinerlei Konsequenzen. Sie sind an andere
       Krankenhäusern gewechselt.
       
       Sie haben herausgefunden, dass zwei der vier widerständigen Ärztinnen
       vielleicht doch Mörderinnen waren. 
       
       Es gab Indizien dafür. Die Fälle können aber nicht belegt werden. Es ist
       nicht sicher, ob die Ärztinnen wirklich getötet haben oder ob die Kinder
       eines natürlichen Todes gestorben sind. Von daher muss die
       Unschuldsvermutung gelten.
       
       Wurden die Morde nach 1945 juristisch verfolgt? 
       
       Es gab direkt nach Kriegsende Ermittlungen, die bis 1949 geführt wurden.
       Jedoch wurde nicht einmal ein Verfahren eröffnet.
       
       Was machten die Ärztinnen denn nach dem Krieg? 
       
       Sie praktizierten alle weiter. Die meisten haben sich als Ärzte
       niedergelassen. Eine Ärztin hat in Celle eine Kinderklinik geleitet.
       
       Was für Konsequenzen haben die Neuigkeiten für die Aufarbeitung? 
       
       Wir müssen aufpassen, uns nicht von Obrigkeiten oder Vorgesetzten
       vereinnahmen zu lassen. Es ist erschreckend, dass so viele gebildete Leute
       mitgemacht haben.
       
       Wie erklären Sie sich das? 
       
       Es war das erste Mal, dass Frauen im Krankenhausbetrieb höhere oder sogar
       leitende Funktionen einnehmen konnten. Dafür sind sie über Leichen
       gegangen.
       
       Interview Tobias Brück
       
       Vortrag „Vier Medizinerinnen und die Euthanasie-Morde“: 19 Uhr,
       Karolinenstraße 35
       
       11 May 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Brück
       
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