# taz.de -- Dersau könnte überall sein
       
       > meinland Wie es so ist in kleinen Dörfern: Die Gemeinschaft funktioniert
       > nur, wenn alle mitziehen
       
       DERSAU taz | „Dersau lebt!“, ruft ein Mann in den Raum, bevor er das Hotel
       Leibers verlässt. Es ist das letzte Hotel und Restaurant in dem Dorf in
       Schleswig-Holstein. Hier findet die taz.meinland-Veranstaltung statt; „Wenn
       ein Dorf stirbt“ lautet der Titel. Gemeinsam mit vierzig Gästen diskutieren
       Bürgermeister Holger Beiroth, Gerd Reis von der Projektgruppe Zukunft,
       Susanne Elbert vom Grünen-Kreisvorstand Plön und Gerd Ebsen von der
       Raiffeisenbank im Rahmen des taz-Projekts meinland über die Zukunft des
       Ortes. Bis zur Bundestagswahl reist das taz-Team durch die Republik, um
       Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. In Dersau scheint das
       notwendig.
       
       Nicht weit entfernt vom Veranstaltungsort steht ein leerstehendes Gebäude:
       der Gasthof Appels. Dieses Restaurant wurde erst vor einem halben Jahr
       dichtgemacht. Ab April schließt auch die letzte Bank im Ort, der kleine
       Lebensmittelladen kämpft ums Überleben. Bäcker, Fleischer und die Schule
       gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Um die grundlegenden Bedürfnisse zu
       befriedigen, müssen die Menschen in den Nachbarort Ascheberg fahren, wo es
       Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten gibt. Doch Busse fahren selten, am
       Wochenende noch seltener. Die Menschen sind auf das Auto angewiesen, was
       vor allem für die Senioren des Ortes ein Problem darstellt.
       
       Trotzdem sind sich hier alle einig: Der Titel „Wenn ein Dorf stirbt“ trifft
       nicht auf Dersau zu. Der Bürgermeister erklärt es so: „Dersau stirbt nicht,
       sondern evaluiert sich!“ Tatsächlich scheint Dersau dem gängigen Klischee
       eines sterbenden Dorfes nicht zu entsprechen.
       
       Noch nie haben so viele Menschen in Dersau gelebt wie jetzt, vor allem
       junge Familien ziehen zu, vor einigen Jahren eröffnete ein Kindergarten
       neu. Die Anwesenden zählen die kulturellen Veranstaltungen im Dorf auf:
       Lesetag, Picknick, Vernissage. Silke Korbmacher vom Vorstand des
       Sportvereins verweist auf die Angebote: Zumba, Tischtennis und vieles mehr.
       Also doch alles halb so wild in Dersau?
       
       Der Abend zeigt: Die Engagierten sind heute hierher gekommen. Dass das
       Ehrenamt überlebenswichtig für Dersau ist, weiß auch Holger Beiroth: „Wenn
       die Ehrenamtlichen aufhören würden, wäre Dersau wirklich tot.“ Die
       Freiwilligen lindern die größte Not. Etwa die Projektgruppe Zukunft, die
       eine besondere Lösung gefunden hat. Es gibt eine rote Bank im Ort, auf die
       sich jene setzen können, die nach Ascheberg gefahren werden wollen.
       Vorbeikommende Autofahrer können sie einfach mitnehmen.
       
       Der Haken: Die Ehrenamtlichen leiden unter einem Nachwuchsproblem. Gerd
       Reis von der Projektgruppe erzählt, dass gerade mal neun aktive Mitglieder
       mitarbeiten. Die jungen Familien, die in den Ort ziehen, haben wenig Zeit,
       sich zu engagieren. Eine Frau erzählt, dass sie sich erst engagieren
       konnte, als ihre Kinder älter waren. Auch an diesem Abend ist sie später
       dazugestoßen, weil sie in Kiel arbeitet. Fehlt den Familien also Zeit –
       oder doch mehr?
       
       Eine Teilnehmerin sagt: „Weil es keine Begegnungsstätte gibt, fehlt auch
       der Kontakt zu den jungen Familien.“ Ein junger Vater erzählt, dass er vor
       dem Umzug nach Dersau gar nicht wusste, was es vor Ort gibt: „Die
       Mindestanforderungen für uns waren der Kindergarten und die Schule.“
       
       Susanne Elbert vom Grünen-Kreisverband macht darauf aufmerksam, dass sich
       Dersau besser präsentieren müsse, um attraktiver zu werden. Auch sie wusste
       vorher wenig über die Strukturen vor Ort und hatte sich auf dem Weg zur
       Veranstaltung gar verfahren. Vielleicht müsse die Gemeinde offensiver mit
       ihren Angeboten werben, um Menschen anzuziehen. Die von Holger Beiroth
       angeführte Homepage reiche möglicherweise nicht aus.
       
       Zwei Stunden diskutieren die Menschen leidenschaftlich. taz-Moderator David
       Joram muss kaum Impulse geben. Das Mikrofon wird fleißig herumgereicht, es
       werden Ideen geteilt und auch hinterfragt. Bürgermeister Beiroth meint:
       „Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen. Wenn wir nicht vor Ort
       einkaufen, müssen wir uns nicht wundern, wenn das Angebot wegbricht.“
       
       Der nächste Termin des taz-meinland-Teams ist der 16. Mai in
       Ramstein-Miesenbach. Das Thema lautet dann: „Unter Drohnen“. Laila Oudray
       
       13 Mar 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laila Oudray
 (DIR) David Joram
       
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