# taz.de -- Der Horror der Provinz
       
       > Wiederentdeckt Der filmhistorische Verein CineGraph zeigt Frank Wisbars
       > Film „Barbara – Wild wie das Meer“ von 1961
       
 (IMG) Bild: Dem verschlagenen Klüngel der Provinz begegnet Wisbar mit äußerster Skepsis
       
       von Thomas Groh
       
       Der Heimatfilm – betulich, beschaulich, heile Welt auf der Scholle.
       Gegenwartsfern, naiv, rückwärtsgewandt. So zumindest die gängige
       Einschätzung dieses genuin deutschen, ziemlich verfemten Genres. Völlig
       falsch ist sie nicht. Doch zeigt sich bei filmarchäologischen Grabungen
       immer wieder, dass solche Zuschreibungen mitunter eher auf Hörensagen
       basieren als auf einer konkreten Auseinandersetzung mit dem Material. Auch
       hier gibt es Querschläger zu entdecken, Filme, die der Heimat eher auf den
       Zahn fühlen, als ein Nostalgiebild zu ziselieren. Hans H. Königs
       Gothic-artiger „Rosen blühen auf dem Heidegrab“ zählt dazu, aber auch Frank
       Wisbars Film „Barbara – Wild wie das Meer“, den der filmhistorische Verein
       CineGraph Babelsberg in dieser Woche in seiner verdienstvollen Reihe
       „Wiederentdeckt“ im Zeughaus wieder auf die Leinwand bringt. taz-Autor
       Lukas Foerster gibt dazu eine Einführung.
       
       Wobei das mit der Heimat hier so eine Sache ist. Formal spielt dieses auf
       Grundlage eines Romans von Jørgen-Frantz Jacobsen entstandene Melodram zwar
       auf den Färöer-Inseln und damit weit abseits des vertrauten Terrains des
       damaligen BRD-Publikums. Doch mit seinem Fokus auf ländliche Lebensweisen,
       eine prächtige Landschaftskulisse und die im Genre oft verhandelten
       Konflikte zwischen Tradition und Moderne schließt „Barbara“ an die große
       Heimatfilmwelle ohne Weiteres an, wenngleich er 1961 eher schon zu den
       Spätausläufern zählt. Zugleich zeichnet sich darin bereits der Übergang zu
       einem Subgenre ab, das im weiteren Verlauf der 60er im BRD-Kino abseits von
       Edgar Wallace und Winnetou virulent wird: der Sittenfilm.
       
       Zu tun hat das mit der Skandalisierung weiblicher Lust, die Wisbar in
       „Barbara“ über weite Strecken eher in den Blick nimmt, als sie zu
       betreiben: Ein junger Arzt (Helmut Griem) kommt vom Festland auf die
       Inseln, um die Praxis eines verstorbenen Kollegen zu übernehmen. Schon beim
       Übersetzen sieht er sich Witzeleien ausgesetzt, dass er wohl auch die Witwe
       Barbara (Harriet Andersson) „übernehmen“ werde. Ohnehin herrscht unter der
       Bevölkerung keine hohe Meinung von der Witwe, der ein lockerer Lebenswandel
       nachgesagt wird. Doch während der Arzt noch unter Verweis auf den
       Altersunterschied abwinkt, entpuppt sich die Witwe tatsächlich als junge,
       attraktive Frau, der der Arzt schon bald verfällt. Die Ehe ist schnell
       geschlossen. Doch nach einer von psychischen Belastungen begleiteten
       Polarnachtphase taucht eine von Barbaras alten Liebschaften wieder auf und
       stellt die junge Ehe vor eine Belastungsprobe.
       
       Auch wenn „Barbara“ in ein formal melodramatisches Ende mündet, in dem die
       Frau für ihre Laster bestraft wird (was auf den letzten Filmmetern jedoch
       noch veruneindeutigt wird), steht außer Frage, dass Wisbar sich wenig dafür
       interessiert, die „Versündigungen“ der Frau zu ahnden. Vielmehr geht es ihm
       darum, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bloßzustellen, unter denen
       ein sexuell selbstbestimmtes Leben nicht möglich sind: Der Diskurs um
       Barbara ist geprägt von Missgunst, Bigotterie, moralistischem Furor und
       einer grassierenden patriarchalen Scheinheiligkeit, die insbesondere im
       Verhalten des asigen Textilverkäufers Gabriel zum Ausdruck kommt: Mit
       schmieriger Insistenz erhebt dieser, geradezu rättisch auf den Punkt
       gespielt vom leider in Vergessenheit geratenen Herbert Fleischmann,
       Anspruch – und zwar nicht nur auf die Körper der Frauen, die er zu sich ins
       Zimmer lockt, sondern auch auf das öffentlich im Zorn ausgerufene Urteil
       über diese. Nur folgerichtig, dass er, wenn es opportun ist,
       Eheschließungen verabredet, die ihn nach oben bringen, ohne dass die
       Verehelichte dabei was mitzureden hat.
       
       Es sind Facetten wie diese, die aus „Barbara“ einen intensiven, mitunter
       verstörenden, aber ziemlich großartigen Film machen. Dem verschlagenen
       Klüngel aus Autoritäten, Opportunisten und Maulaufreißern, der Ideologie
       von Scholle und Provinz begegnet Wisbar mit äußerster Skepsis. Man darf
       mutmaßen, dass dies auf eigenen Erfahrungen fußt: 1938 verließ der
       Regisseur Nazi-Deutschland, nachdem er wegen seiner jüdischen Ehefrau mit
       Berufsverbot belegt wurde. In den USA drehte er dann billige Horrorfilme –
       mit „Barbara“ fasste er später den Horror der Provinz ins Bild.
       
       „Barbara – Wild wie das Meer“: Zeughauskino, 3. 3., 18.30 Uhr,
       [1][www.dhm.de]
       
       2 Mar 2017
       
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