# taz.de -- Mama Katrin und ihre Handtaschenträger
       
       > Katrin Keller hat vor drei Jahren eine neue Lebensaufgabe gefunden:
       > anderen bei den Herausforderungen des Lebens zu helfen. Die offizielle
       > Bezeichnung: „Flüchtlingslotsin“
       
 (IMG) Bild: „Die Flüchtlinge wohnen nun zwischen gehäkelten Spitzentischdecken und mit Blumen und Vögeln bestickten Wandbildern. „Sehr schön“, findet ein 18-jähriger Pakistaner
       
       Aus Mainz Timo Lehmann
       
       „Alles wird gut, Muhamad“, sagt Katrin Keller. „Inschalla“, hoffentlich,
       antwortet der, öffnet schon mal seinen Mund, kneift die Augen zusammen. Der
       Zahnarzt hat noch gar nicht den Raum betreten, da hat sich der stämmig
       gebaute Syrer bereits mental auf das Schlimmste vorbereitet. So richtig
       weiß er nicht, was mit ihm passieren wird. Alles dauert nur fünf Minuten,
       da ein bisschen polieren, oben und unten. Das nächste Mal soll eine
       Wurzelbehandlung durchgeführt werden, erklärt der Doktor. Muhamad schaut
       fragend zu seiner Betreuerin Katrin Keller, die simultan mit Handzeichen
       versucht, dem Flüchtling klarzumachen, was eine Wurzelbehandlung ist.
       „Tamam“, okay und Kopfnicken von Muhamad. „Bekommen ihre Migranten denn
       schon das Arbeitslosengeld?“, fragt ein Arzthelfer an der Rezeption und
       blickt stirnrunzelnd zu dem Flüchtling Muhamad, der sich gerade einen Spaß
       mit dem Treppenlift macht. „Du machst immer einen Scheiß“, sagt sie später.
       Die beiden lachen.
       
       Zahnarztbesuch mit einem Flüchtling, Alltag für Katrin Keller. Die
       Soziologin, 52 Jahre, hat vor drei Jahren eine neue Lebensaufgabe gefunden:
       anderen zu helfen. Seit einem Wochenendseminar, bezahlt vom von der
       Kreisverwaltung Mainz-Bingen, trägt sie die offizielle Bezeichnung
       „Flüchtlingslotsin“. Weniger offiziell, aber von Herzen nennen die
       Flüchtlinge sie „Mama Katrin“. Sie arbeitet rund 30 Stunden die Woche für
       die Flüchtlinge, ehrenamtlich neben ihrer Teilzeitstelle an der Universität
       in Mainz.
       
       2.000 Einwohner zählt das Dorf Gau-Bischofsheim, in dem sie lebt, rund 20
       Busminuten südlich von der Landeshauptstadt. 65 Flüchtlinge erleben hier
       deutsche Friedensidylle. Einfamilienhäuser, Wohlstandsvorgärten, Weingüter,
       hindurch fließt der „Spatzenbach“.
       
       ## Politische Korrektheiten
       
       Hauptaufgaben der Lotsin Katrin Keller: die Auseinandersetzung mit
       Behörden: 15-seitige Formulare mit den Flüchtlingen ausfüllen,
       telefonieren, und alles, was im Alltag anfällt. „Erklären Sie mal einem
       Flüchtling, der gerade um das Überleben seiner Schwester bangt, er müsse in
       Deutschland noch die GEZ-Befreiung beantragen.“ Schon rund 100 Flüchtlinge
       hat sie betreut, derzeit befinden sich mehrere Häuser mit 25 Flüchtlingen
       in ihrer Obhut.
       
       Stefan Hirschauer, Jogginghose, leicht zotteliges Haar, sitzt seiner Frau
       Katrin Keller im Esszimmer gegenüber. Der Soziologieprofessor für
       Genderstudies hat Käsebrötchen serviert, das Ehepaar streitet sich. Es geht
       um das Kopftuch. „Auf politische Korrektheit legen wir nicht so viel wert.
       Hier im Haus wird Klartext gesprochen“, sagt Stefan Hirschauer. Seine Frau
       will die Kopftuchträgerinnen nicht kritisieren. „Wenn, dann müssen sie sich
       selbst auflehnen.“ Die Diskussion führen die beiden Wissenschaftler seit
       Jahren.
       
       Die Helferin arbeitet selbst als Soziologin, versteht sich als Feministin,
       inzwischen sei sie jedoch pragmatischer geworden. Wenn sie mit sechs
       jungen, männlichen Flüchtlingen durch die Behörden zieht – sie voran –,
       nehme immer einer ihre Handtasche. Anfangs nahm sie sie zurück, inzwischen
       denkt sie anders. Sie will ihnen nicht dauernd das Gefühl geben, dass sie
       irgendwas falsch machen. „Auch die Kopftuchdebatte ist doch nur ein
       Nebenschauplatz.“ Nicht mal bei den eigenen Kindern schaffe man es, sich
       immer mit pädagogischen Maßnahmen durchzusetzen; wieso solle man das bei
       Volljährigen schaffen, die mit Flucht- und Kriegserfahrungen längst
       erwachsen geworden sind.
       
       Die Devise von Katrin Keller: das Andere vorleben, miteinander sprechen.
       Drei Flüchtlingsfamilien wohnen im Dorf, die Frauen verlassen nicht allein
       das Haus. Immer wieder versucht sie ihnen zu erklären, dass sie sich in
       Gau-Bischofsheim nicht fürchten müssen. Bisher vergeblich.
       
       Vielfach versteht sie sich auch als soziale Verständigerin in den
       Unterkünften. In einem Haus, zehn Minuten Fußweg von ihrem eigenen
       entfernt, leben drei Syrer, drei Pakistaner und ein Iraner von den Zeugen
       Jehovas. Gerade ist noch ein evangelischer Iraner eingezogen. Die Gruppen
       leben zusammen, haben keine gemeinsame Sprache, kommen aus verschiedenen
       Kulturen – zwar laufe insgesamt alles gut, doch müsse die Helferin auch mal
       schlichten. Die Kommunikation läuft dann ohne Sprache ab, alles dauert viel
       länger, aber es funktioniert. Besonders gut eignen sich die Emoticons auf
       dem Handy. Mit den kleinen Figuren und Gesichtern stiftet Katrin Keller
       Hausfrieden.
       
       Das Haus, in dem die Flüchtlinge leben, gehörte einem verstorbenen
       Rentnerpaar – ein Glücksfall. Teller, Nähgarn, Matratzen, alles war da. Die
       Gemeinde mietete das Haus von den Erben. „So läuft das meistens ab.“ Die
       jungen Flüchtlinge wohnen nun zwischen gehäkelten Spitzentischdecken und
       mit Blumen und Vögeln bestickten Wandbildern. „Sehr schön“, findet ein
       18-jähriger Pakistaner diese Bilder.
       
       ## Unberechenbarer Idealismus
       
       Zwei Syrer haben im Wohnzimmer Tee und Kekse bereitgestellt. Katrin Keller
       lernt mit denen, die sich das wünschen, zwischendurch Deutsch. Für Hussam,
       23, aus Syrien stellt sich die Frage, ob er den Deutschkurs für Erwachsene
       oder für Jugendliche besuchen soll. In seiner Heimat hat er studiert, ein
       Jugendkurs würde ihm anderthalb Jahre kosten, der für Erwachsene nur eines.
       Noch weiß er nicht, ob er eine Ausbildung oder ein Studium machen soll.
       „Ihr müsst mal was wollen“, sagt die Betreuerin. Katrin Keller will ihre
       Schützlinge motivieren, die Schicksalsschläge hinter sich zu lassen und die
       neu gewonnen Chancen zu nutzen.
       
       Moataman, 20, schaut immer wieder auf sein Handy. Sein Heimatdorf wurde mit
       Bomben angegriffen, nur ein „Hallo“ hat ihn per WhatsApp von seinem Vater
       erreicht, ein Lebenszeichen. Nun aber will er wissen, was passiert ist.
       Vermutlich gibt es gerade keinen Strom, Katrin Keller streichelt den Jungen
       am Arm. Die gebürtige Bielefelderin ist auch das, eine Seelsorgerin. Noch
       am Morgen begleitete sie eine Geflüchtete zu einer Abtreibung. Die Frau
       lernte in der Erstunterkunft einen Mann kennen, der Vater ihrer Kinder im
       Heimatland darf das nicht erfahren. Einmal musste sie einem Flüchtling
       sagen, dass seine Familie erst ein Jahr später als erwartet nach
       Deutschland kommen kann. Der ältere Herr schubste sie zur Seite, rastete
       aus.
       
       Ein unberechenbarer Idealismus treibt die Flüchtlingshelferin an. All die
       Widersprüche, die sie erlebt – all das passiert: Rassismus unter
       Flüchtlingen, der Antisemitismus, monatelang muss sie sich mit
       Kleindelikten beschäftigen. „Es trifft natürlich nicht auf alle zu, sondern
       auf einige, so wie bei Deutschen eben auch.“
       
       Im Dezember 2016 schrieb sie der taz einen Leserbrief, reagierte auf eine
       sehr direkt formulierte Kolumne: „Ausländer – Opfer; Deutsche – Täter“,
       schrieb sie, so einfach sei das alles nicht. Als sie vor drei Jahren eher
       zufällig in die Freiwilligenarbeit mit Flüchtlingen reinrutschte, gab es
       einige, die sich engagierten und inzwischen nicht mehr kommen, die an ihren
       Idealen scheiterten. Sie hat Allianzen geschlossen mit Nachbarn, die ihr
       vorher fern waren, etwa mit Leuten von der Kirche. „Es geht um die Sache,
       um die einzelnen Menschen und ihre Biografien.“
       
       Mit dem Helfer Charles Franck, 65, arbeitet sie besonders intensiv
       zusammen. Der Rentner, sein Vater war Amerikaner, ist ein lockerer Typ,
       trägt Brille und Pudelmütze, er versteht sich als Altlinker. Die beiden
       haben eine Einzimmerwohnung für einen Flüchtling gefunden. Das Zimmer ist
       zehn Quadratmeter groß, liegt in einem dunklen Innenhof, das Bett steht
       zwischen Türeingang und Pantryküche. Als der Vermieter erfährt, der Vertrag
       würde mit der Gemeinde abgeschlossen werden, winkt er ab. Da habe er
       schlechte Erfahrungen gemacht. Charles Franck und Katrin Keller reden auf
       den älteren Herrn ein. Kaum ein Eigentümer will an Flüchtlinge vermieten.
       Schließlich sagt der Winzer, er müsse noch mal mit seiner Frau sprechen.
       
       Ein Erfolg für die Flüchtlingslotsen. Die beiden tauschen sich fast täglich
       darüber aus, wie sie verfahren sollen, was in den einzelnen Unterkünften
       gerade passiert, wer in welcher Behörde gerade keine gute Laune hat. Einem
       Pakistaner konnte Charles Franck einen Job bei einem Reifenwechsler
       organisieren, ein Syrer fing eine Ausbildung bei der Sparkasse an.
       
       ## Die Fotos der Toten
       
       Die beiden gehen oft an ihre Grenzen, sagen sie, vor allem psychisch. Ein
       Flüchtling offenbarte kürzlich, dass er schwul ist. Die anderen Mitbewohner
       sollen das nicht erfahren. Ein Flüchtling wurde in seinem Heimatland
       sexuell missbraucht, Charles Franck begleitet ihn zu Therapien. Sie sehen
       sich Fotos von zerbombten Häusern an, von toten Familienmitgliedern. Es
       gibt Streit darüber, wer Alkohol trinkt, wer sich nachts in der Dusche zum
       Onanieren einschließt. Den beiden bleibt nichts verborgen.
       
       Katrin Keller meint, es fehle gerade an Frauen, Jüngeren und
       alteingesessenen Migranten in der Arbeit mit Flüchtlingen. Sie versteht es
       nicht, wenn Frauen sagen, sie wollen nur mit Frauen in Kontakt kommen, oder
       wenn Helfer nur mit Christen arbeiten möchten, wenn Nachbarn kaputte Möbel
       vorbeibringen, aber es nicht zu den Dorftreffen schaffen, in denen sie den
       Flüchtlingen begegnen können. Sie versteht nicht, dass immer alle sagen,
       sie hätten keine Zeit, mitzuhelfen. Sie versteht nicht, warum Behörden sich
       so oft querstellen.
       
       Sie versteht nicht, dass alte Freundschaften daran zerbrochen sind, dass
       man unterschiedlicher Auffassung darüber war, wie man mit den Flüchtlingen
       umgehen soll. Sie versteht nicht, warum ein offensichtlich unpolitischer
       Flüchtling ein Foto von Saddam Hussein auf seinem Handy als Profilfoto
       nutzt oder warum die Afghanen und die Syrer beim Fußballspiel nicht in
       einem Team mit Nordafrikanern sein wollen.
       
       Katrin Keller versteht nicht, warum eine Unterkunft von den Flüchtlingen
       völlig zugemüllt wird, während man in der nächsten vom Boden essen kann.
       Katrin Keller aber hat eines verstanden: dass, wenn sie helfen will, sie
       die Menschen erst mal so nehmen muss, wie sie sind. Katrin Keller sitzt
       abends allein in ihrem Esszimmer, schaut an die Zimmerdecke, verschränkt
       die Arme. Die schönsten Momente in den vergangenen Jahren seien für sie die
       gewesen, wenn sie spätabends mit einem Flüchtling nach Frankfurt zum
       Flughafen gefahren sei. Wenn dort Frauen stehen mit vollgepackten
       Rollwagen, kleinen Kindern, wenn sich die Familienmitglieder in den Armen
       liegen, weinen vor Freude, und wenn sie sich dann umdrehen und „Mama
       Katrin“ rufen. Dann weiß Katrin Keller, sie konnte helfen.
       
       23 Jan 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timo Lehmann
       
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