# taz.de -- Aktionskunst in Berlin: „Alle Wärme geht vom Menschen aus“
       
       > Mit seinem Büro für ungewöhnliche Maßnahmen begleitet Kurt Jotter die
       > Alternativbewegung. Derzeit ist er mit Performances zum Mietenthema
       > aktiv.
       
 (IMG) Bild: „Petry Heil!“ Aktion von Kurt Jotter (rechts) bei der TTIP-Demo im September
       
       taz: Herr Jotter, Sie haben zuletzt zahlreiche Performances mit
       MietrebellInnen gemacht. Warum engagieren Sie sich in diesem Gebiet so
       stark? 
       
       Kurt Jotter: Es gehört zu den Grundstandards der Menschlichkeit, eine
       Wohnung zu haben. Sie ist gewissermaßen die dritte Haut des Menschen. 85
       Prozent der MieterInnen in Berlin sind existenziell auf bezahlbare
       Wohnungen und die Mieterrechte angewiesen. Zu diesem gesellschaftlichen
       Bewusstsein möchte ich mit künstlerischen und medialen Mitteln beitragen.
       
       Sie haben bereits vor fast 30 Jahren in Westberlin eine MieterInnenbewegung
       unterstützt. Was hat sich seitdem geändert? 
       
       Mit der Lichtkunstaktion „Berlin wird helle“ haben wir damals zum
       Frühjahrsbeginn 1987 mit dem Berliner Mieterverein gegen die Aufhebung der
       Mietpreisbindung in Westberlin protestiert. Wir projizierten auf Hunderte
       Häuserwände Protest-Dias der Mieter und Entwürfe eines großen
       Künstlerwettbewerbs. Das war im Rahmen einer Kampagne, die mit dem
       Deutschen Gewerkschaftsbund und den Oppositionsparteien und allen
       Initiativen ein erfolgreiches Bürger-Mieter-Begehren startete. Das macht
       deutlich, dass die Aktionen von einer Massenbewegung unterstützt wurden,
       die es heute nicht gibt.
       
       Wie würden Sie Ihre künstlerische Arbeit beschreiben? 
       
       Ich sehe mich als politischen Aktions-, Konzept- und Multi-Media-Künstler
       und arbeite interdisziplinär zwischen Print, Theater, Video und Performance
       – im Sinne von „Realmontagen“ im öffentlichen Raum. Meine frühkindliche
       Heimat liegt bei den dadaistischen Rebellen, John Heartfield, der frühe
       Meister der Fotomontage, war der erste Impulsgeber. Das Bild wird zur
       Gesamtmontage, als theatralische Inszenierung mit Humor, sodass das Lachen
       im Hals stecken bleibt. Dadurch entsteht der Anreiz, sich mit der Sache zu
       befassen. Es geht auch darum, ein Gefühl der Befreiung zu erzeugen im Sinne
       von Dario Fo: „Es wird ein Lachen sein, das sie beerdigt.“
       
       Humor und Politik, das harmoniert ja nicht immer. Hatten Sie nicht manchmal
       Probleme mit Ihren Aktionen bei den linken AktivistInnen? 
       
       Wir agierten innerhalb der damals schnell wachsenden Bürgerinitiativ- und
       Alternativbewegung, die sich von der Realitätsferne und Humorlosigkeit der
       K-Gruppen frühzeitig abgesetzt hatte. Unsere damals entstandenen Plakate
       waren in dieser ständig wachsenden Bewegung sehr gefragt und finanzierten
       unsere Arbeit über Jahre. Gemeinsam mit der 2014 verstorbenen
       Kulturwissenschaftlerin Barbara Petersen gründete ich 1977 die
       Künstlergruppe „Foto, Design, Grafik, Öffentlichkeit“ (FDGÖ) – der Name
       spielte auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die
       Berufsverbote an.
       
       Mit dem 1987 gegründeten Büro für ungewöhnliche Maßnahmen (BfM) bekamen Sie
       Preise, es wurde in Spiegel, „Tagesschau“ und vielen anderen Medien über
       verschiedene Aktionen berichtet. Was waren die Höhepunkt Ihrer Arbeit? 
       
       Am 11. Juni 1987 der Mauerbau auf der Kottbusser Brücke als
       „Anti-Kreuzberger-Schutzwall“ gegen die Abriegelung Kreuzbergs beim
       Berlinbesuch von Ronald Reagan, danach die Jubelparade als Abgesang auf die
       Berliner 750-Jahr-Feiern mit 5.000 ParodistInnen aus der gesamten Szene und
       vieles andere mehr, einiges ist auch auf Wikipedia zu lesen. Auch
       Soloaktionen erregten Aufsehen: zum Beispiel eine lebende Haider-Karikatur
       in Salzburg, die in blauem FPÖ-Schal als Exhibitionist mit einem Hakenkreuz
       vorm Geschlechtsteil dessen Salon-Faschismus demonstrierte – bis zur
       Festnahme.
       
       Nach einer längeren Pause machte sich das Büro für ungewöhnliche Maßnahmen
       seit 2013 mit Aktionen wieder an ein Comeback. Gerade eben waren Sie aber
       auch Mitorganisator des stadtpolitischen Hearings der Initiativen zu den
       Koalitionsverhandlungen. Geht es jetzt in die Realpolitik? 
       
       Bei mir gab es nie diese Trennung von Kunst und Politik oder Form und
       Inhalt. Ich bin froh, wieder in Berlin aktiv zu sein und hoffentlich wieder
       in der Heimstätte des „Büros“, der ehemals besetzten Fabrik „Kerngehäuse“.
       Hier denkt man wieder an den Druck und die Kraft der alten Zeiten und weiß,
       was alles möglich sein kann.
       
       Was ist Ihr persönlicher Antrieb bei Ihren Aktivitäten? 
       
       Für mich waren immer zwei Faktoren entscheidend: Gerechtigkeit und
       Effektivität. Eine noch so gute künstlerische Public Relations nützt
       überhaupt nichts, wenn das zu stärkende Subjekt als Bewegung zersplittert
       und keine relevante Kraft mehr ist. Hier können Impulse zur Vernetzung und
       Vereinigung für die PR entscheidend sein. Was bleibt, ist auch die
       Rückbesinnung auf die Grundlagen der Menschlichkeit. Zum Schluss unseres
       Textes „Das Lachen im Halse“ heißt es: „Erster Vorschlag zur notwendigen
       Neuauflage der Energie-Debatte: Alle Wärme geht vom Menschen aus – der Rest
       kommt von der Sonne.“
       
       21 Dec 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Nowak
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Aktionskunst
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 (DIR) Protest
       
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