# taz.de -- Ist eine Bratwurst weihnachtlicher als Pizza?
       
       > Petition der Woche Ein hart umkämpftes Pflaster: Seit diesem Jahr
       > entscheidet ein Punktesystem darüber, welcher Stand beim Karlsruher
       > Christkindlesmarkt einen Platz bekommt. Einige Traditionsgeschäfte fehlen
       > deshalb. Eine Karlsruherin will das jetzt ändern
       
       von Sarah Bioly
       
       Christina Wagners Flammkuchenstand sah aus wie ein Zuckerbäckerhaus: Grüne
       Girlanden mit lila Christbaumkugeln schmückten ihre kleine Hütte, die seit
       16 Jahren immer zur Adventszeit auf dem größten Karlsruher
       Christkindlesmarkt stand. Doch dieses Jahr hat die Stadt ihr eine Absage
       erteilt. Ihr Stand und ihr Produkt seien nicht weihnachtlich genug. Doch
       wie soll sie ihre Deko noch verbessern? „Echte Tannennadeln sind verboten,
       die könnten nämlich auf den Flammkuchen fallen“, sagt sie. In den
       vergangenen Jahren sei ihr Stand noch ein Insidertipp gewesen für den
       besten Glühwein und den besten Flammkuchen auf dem Markt. Jetzt steht auf
       ihrem Platz ein anderer Stand. Auch er verkauft Flammkuchen.
       Weihnachtlicher sehe der aber auch nicht aus.
       
       Millionen Besucher flanieren jährlich über Weihnachtsmärkte, trinken
       Glühwein, kaufen letzte Weihnachtsgeschenke, essen kandierte Äpfel,
       Flammkuchen oder Bratwurst und stimmen sich auf die Weihnachtszeit ein. In
       den wenigen Wochen vor Weihnachten erzielen viele Schausteller den Großteil
       ihres Jahresumsatzes; fällt dieser weg, ist ihre Existenz bedroht. Hinter
       den glitzernden Kulissen tobt deshalb ein harter Kampf, der derzeit in
       Karlsruhe eskaliert.
       
       Denn die Stadt hat ein Punktesystem eingeführt, nach dem die Betreiber
       ausgewählt werden, die einen Platz bekommen. Bislang galten die Kriterien:
       „Attraktiv, bekannt und bewährt“. Viel Fluktuation gab es nicht. „Da musste
       erst einer wegsterben, damit man da reinkommt“, sagt Wagner. Auch sie hatte
       jahrelang um einen Platz kämpfen müssen.
       
       Immer wieder klagten Schausteller in der Vergangenheit, weil sie abgelehnt
       wurden. Für die Stadt der wichtigste Grund, ein neues Verfahren
       einzuführen, wie sie in einer Pressemitteilung schreibt. Jetzt entscheiden
       also Punkte darüber, wer von den 260 Bewerbern einen der begehrten 90
       Plätze bekommt. Transparenter soll das sein, viele sehen darin Willkür. 140
       Punkte braucht man für den Zuschlag. Bauweise, Warenangebot, Deko,
       Preis-Leistung und Umweltfreundlichkeit sind neue Kriterien. Über die
       Punktevergabe urteilt eine Jury nach Aktenlage.
       
       Auch Mario Eichel kam nach 25 Jahren auf dem Markt nicht wieder zum Zug. Er
       verkauft Lángos und hat gegen die Absage geklagt. Bislang ohne Erfolg. „Da
       sitzt eine Jury, und die bewertet den fünfseitigen Fragebogen, den wir
       ausgefüllt haben. Das ist doch alles Geschmackssache“, sagt er. Er hat das
       Gefühl, die Stadt wolle ein paar bestimmte Stände loswerden. Seine Lángos
       haben jedenfalls null Punkte bekommen bei der Kategorie „Weihnachtliches
       Produkt“.
       
       Ebenso die Pizza von Rolf Gebert, die er seit 1977 auf dem
       Christkindlesmarkt verkauft. „Wieso ist eine Bratwurst weihnachtlicher als
       eine Pizza“, fragt er sich. Die Absage war ein herber Schlag. 105 von 140
       Punkten. Jetzt herrsche eine Atmosphäre der Angst. Nicht einmal bei
       „Prägendes Traditionsgeschäft“ bekam er volle Punktzahl.
       
       Für Sonja Sehn völlig unverständlich. „Seit ich klein war, haben wir jedes
       Jahr, bevor wir den Weihnachtsbaum gekauft haben, bei ‚Geberts
       Pizzabäckerei‘gegessen“, sagt sie. Immer herzlich seien sie dort gewesen.
       Sie möchte Gebert etwas zurückgegeben und hat vergangene Woche eine
       Petition gestartet – für den Erhalt der Traditionsstände auf dem
       Christkindlesmarkt. Rund 1.000 Karlsruher haben für die Pizza von Gebert
       unterschrieben. Der Lángos-Stand hat sogar schon über 1.300 Unterschriften.
       „Ich möchte den betroffenen Schaustellern Trost spenden. Aber bei so vielen
       Unterstützern hoffe ich, dass ich vielleicht sogar das Punktesystem kippen
       kann“, sagt Sehn. Seit Kurzem gibt es sogar eine eigene Facebookgruppe, in
       der schon zum Boykott des Christkindlesmarktes aufgerufen wird. Sehn
       schreibt dort: „Auch wenn das Verwaltungsgericht negativ beschieden hat,
       der Kampf fängt gerade erst an.“
       
       26 Nov 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sarah Bioly
       
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