# taz.de -- Bedürftige unterversorgt: Eine Erzieherin für 20 Kinder
       
       > In einer Bremer Kita fehlt eine langzeitkranke Erzieherin ohne
       > Vertretung. Das ist kein Einzelfall und trifft vor allem Bedürftige
       
 (IMG) Bild: Zwanzig Kinder gleichzeitig zu trösten, ist gar nicht so leicht
       
       „Wir befürchten, dass die Entwicklung und Förderung unserer Kinder akut
       gefährdet ist.“ Mit dieser Sorge wandten sich Eltern von
       Kindergartenkindern Ende September an den Geschäftsführer von Kita Bremen,
       einem Eigenbetrieb der Stadtgemeinde Bremen. Der Grund für ihr Schreiben:
       Im Kindergarten ihrer Kinder im Viertel ist eine Erzieherin
       langzeiterkrankt, ihre Kollegin ist daher an manchen Tagen alleine mit 20
       Kindern. An anderen wird sie von PraktikantInnen oder anderen
       MitarbeiterInnen unterstützt, die wiederum in ihren Gruppen fehlen. Eine
       dauerhafte Vertretung gibt es bisher nicht.
       
       „Ich wundere mich immer darüber, wie viel den Erzieherinnen trotzdem
       gelingt, dass die Eingewöhnung der neuen Kinder geklappt hat, dass das
       Laternenfest stattfindet“, sagt Sabine Manfredini, eine Mutter und
       Initiatorin des Briefs. „Aber dafür sind auch alle am Anschlag.“ Und:
       Elterngespräche könnten kaum noch stattfinden. Es fehle die Zeit, etwas für
       den Kindergartenalltag vorzubereiten. „Mein Sohn kommt häufig heim und
       erzählt, heute war wieder jemand Neues da“, sagt Aurélie Le Fort-Beunink,
       eine andere Mutter. Auf die Frage, was die Kinder am Tag gemacht hätten,
       antworte ihr sechsjähriger Sohn mit „Wir haben nur gespielt“. Problematisch
       finden die beiden das auch, weil die Kinder aus sehr unterschiedlichen
       Familien kommen. „Manche brauchen eine intensivere Betreuung“, sagt Le
       Fort-Beunink. Die aus Syrien geflüchteten Eltern eines Jungen werden an den
       Tagen, an denen nur eine Erwachsene in der Gruppe ist, gebeten, ihr Kind zu
       Hause zu lassen. Der Junge neige unter anderem dazu wegzurennen, erzählt
       sie.
       
       Dabei ist das, was die Kinder der grünen Gruppe im Kindergarten in der
       Gleimstraße erleben, Alltag in Bremens Kindertagesstätten. „Eine
       Springkraft aus unserem Vertretungspool bekommen die Einrichtungen immer
       erst, wenn über zehn Prozent Personal ausgefallen ist“, sagt Petra
       Zschüntsch, stellvertretende Leiterin bei Kita Bremen. „Der
       Personalschlüssel ist immer so bemessen, dass die Kindergärten einen
       Ausfall aus eigener Kraft kompensieren können.“
       
       Dabei genügt laut Gesetz in Bremen sogar eine Erzieherin für 20 Kinder über
       drei Jahre. Da pädagogisches Arbeiten so gar nicht mehr möglich wäre, gibt
       es zu den Kernzeiten allerdings in allen Einrichtungen in der Regel
       mindestens eine weitere Kraft – und sei es eine Berufsanfängerin im
       Anerkennungsjahr.
       
       Doch wegen des Fachkräftemangels wird es immer schwerer, selbst diesen
       Standard aufrechtzuerhalten. Das sagt auch Zschüntsch: „Wir haben versucht,
       eine Vertretung für die Gleimstraße zu finden, aber bisher niemanden
       gefunden.“ Dafür seien zu viele unbefristete Stellen frei. ErzieherInnen
       sind angesichts des Ausbaus der Kindertagesbetreuung heiß begehrt – „wenn
       wir früher ausgeschrieben haben, dann bekamen wir um die 150 Bewerbungen,
       jetzt sind es 20 bis 40“.
       
       Von zunehmenden Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen, berichten auch andere
       Träger. Allerdings macht es sich Kita Bremen auch besonders schwer, als
       attraktiver Arbeitgeber zu erscheinen. Anders als beispielsweise bei der
       evangelischen Kirche werden Stellen nicht gezielt ausgeschrieben. Zwei Mal
       im Jahr schaltet Kita Bremen eine Anzeige in der Lokalzeitung. Und auf der
       Homepage heißt es: „Wir suchen ständig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für
       den Einsatz an unseren Standorten in ganz Bremen.“ Keine Informationen über
       Lage, Stellenumfang, Profil der Einrichtung und darüber, ob es sich um eine
       Kleinkind-Gruppe handelt oder um größere Kinder.
       
       Zschüntsch sagt, dass es Überlegungen gebe, das Verfahren zu ändern – aber
       das habe bereits vor zwei Jahren der damals gerade angetretene Vorgänger
       des jetzigen Geschäftsführers Wolfgang Bahlmann gesagt. ErzieherInnen, die
       sich auf Stellen beworben haben, berichten, dass sie verspätet oder gar
       keine Antwort bekommen haben – oder Angebote für ein Stellenprofil, das sie
       ausdrücklich ausgeschlossen hatten.
       
       Dazu passt, dass auch die Eltern aus der Gleimstraße bis heute keine
       Antwort auf ihren Brief bekommen haben.
       
       Unterdessen arbeitet die Bildungsbehörde an einem Konzept, wie Fachkräfte
       gewonnen werden können. „Uns brennt das Thema unter den Nägeln“, sagt
       Annette Kemp, Sprecherin von Bildungssenatorin Claudia Bogedan. Sie würden
       derzeit eruieren, wie groß der Bedarf sei.
       
       13 Nov 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eiken Bruhn
       
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