# taz.de -- Beton statt Bullerbü
       
       > In Berlin fehlen Kinderspielplätze. Den Bezirken mangelt es an Geld und
       > geeigneten Standorten für mehr Angebote – und den Kindern an einer Lobby,
       > sagen Fachleute
       
 (IMG) Bild: Hier ist immerhin genug Platz für alle: sommerliches Treiben bei der Eröffnung des Wasserspielplatzes im Tierpark Friedrichsfelde im August
       
       von Felix Hackenbruch
       
       Kasimir weint. Gerade haben ihm andere Kinder im Sandkasten sein Spielzeug
       weggenommen. Die Mütter drumherum reagieren genervt, brüllen über das
       Getümmel hinweg und versuchen ihre Kinder im Blick zu behalten. Es ist ein
       relativ sonniger Samstagnachmittag, und auf dem Spielplatz in Mitte wimmelt
       es nur so von Kindern. Konflikte sind da vorprogrammiert, weiß die Mutter
       von Kasimir, Johanna Oswald-Schwerin. „Wenn das Wetter mal schön ist, sind
       die Spielplätze immer sofort überfüllt. Gerade in Mitte ist das Angebot
       schlecht“, sagt sie.
       
       Ein Blick in die Statistik der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
       bestätigt ihren Eindruck. Zwar gibt es in Mitte 237 Spielplätze und in ganz
       Berlin etwa 1.850, aber nach den Regularien des Berliner Spielplatzgesetzes
       reicht das nicht einmal annähernd.
       
       Dort heißt es nämlich unter Paragraf vier: „Für die Bemessung des Bedarfs
       an öffentlicher Spielplatzfläche gilt je Versorgungsbereich ein Richtwert
       von einem Quadratmeter nutzbarerer Fläche je Einwohner.“ Gemessen an diesen
       Vorgaben weist Berlin ein Defizit von 1.408.295 Quadratmetern auf. Das
       entspricht 40 Prozent des Bestandes oder der Fläche von knapp 200
       Fußballfeldern.
       
       ## Klingt familienfreundlich
       
       Ein paar Paragrafen weiter ist außerdem formuliert, dass Spielplätze
       möglichst nahe an Wohnungen und fern von „Emissionen und Gefahrenquellen“
       liegen sollen. Auch das klingt zwar zunächst familienfreundlich. In der
       Realität schränkt es aber die Auswahl der Bezirke für Standorte für neue
       Kinderspielplätze stark ein.
       
       „Ich finde, wenn wir Richtlinien formuliert haben, dann sollten wir uns
       auch danach richten und einen Plan erstellen“, sagt Thorsten Kühne, Leiter
       des Ordnungsamts im Bezirk Pankow. Er hält die Qualität der Spielplätze in
       seinem Bezirk für „ausbaufähig“. Noch mehr treibt ihn aber die Quantität
       um. „Keine Bezirksregion in Pankow kann die gesetzliche Richtlinie für
       Spielplätze auch nur annähernd erfüllen“, gibt er zu.
       
       Im Schnitt gebe es pro Einwohner etwa 0,6 Quadratmeter Spielfläche. Damit
       liegt man zwar im Landesdurchschnitt, in den eng bebauten Szene-Kiezen in
       Prenzlauer Berg liegt die Quote aber teilweise sogar bei nur 0,3
       Quadratmeter.
       
       ## Keine Konsequenzen
       
       Für die Bezirke drohen keine juristischen Konsequenzen, wenn sie die
       geforderten Werte verfehlen, und so verändert sich das Spielplatzangebot in
       Berlin seit der letzten Änderung im Dezember 2003 praktisch nicht.
       
       „Die Flächen sind ein Thema, aber sie sind nicht das schwierigste“, sagt
       Kühne. „Das größte Problem sind Ressourcen – da fehlen uns einfach die
       Finanzen und Fachleute.“ 25,7 Millionen Euro mittelfristigen Förderbedarf
       berechnet ein internes Gutachten für die Kosten für die Spielplatzsanierung
       und Installation allein in Pankow. Die fehlenden Gelder erhofft sich Kühne
       aus dem Budget „Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt“ – kurz
       Siwa.
       
       195 Millionen Euro stellt der Senat für Stadtentwicklung darin den Bezirken
       zur Verfügung. Für Spielplätze sind jedoch nur 2,8 Millionen Euro
       vorgesehen. Und die meisten Investitionen sollen nach Marzahn fließen, wo
       das Spielflächendefizit bei über 50 Prozent liegt. „Realistisch werden wir
       die Richtlinien auch bis 2020 nicht erreichen“, gibt Kühne zu, „aber
       deswegen kann man ja nicht den Kopf in den Sand stecken.“
       
       ## Wachsende Kinderfeindlichkeit
       
       Kühne wirbt deshalb schon seit Langem für Modellprojekte wie eine
       „temporäre Spielstraße“. Zweimal im Monat soll dafür tagsüber eine Straße
       abgesperrt werden und den Kindern zum freien Spiel überlassen werden.
       Ursprünglich war das Projekt für Frühjahr 2015 geplant, doch nach
       mehrfachen Anwohnerklagen und juristischen Niederlagen rechnet Kühne erst
       2017 mit einem Start der Spielstraße. Über die Emotionalität, mit der
       Bürger gegen sein Projekt mobilgemacht hatten, zeigt er sich rückblickend
       überrascht. „Ich habe mich mit diesen Menschen getroffen, aber ich verstehe
       ihre Motivation einfach nicht.“
       
       „Wir erleben eine zunehmende Kinderfeindlichkeit“, sagt Holger Hofmann,
       Geschäftsführer des Kinderhilfswerk, dazu. Er beobachte schon seit Jahren
       vor allem in Großstädten Verschlechterungen der Lebensbedingungen für
       Kinder: „Es ist unbestreitbar, dass es einen Verdichtungsdruck gibt. Und
       dann weicht im Zweifel immer das schwächste Glied.“ Nischen, die wie früher
       von Kindern erobert werden könnten, gebe es in Großstädten nicht mehr.
       Selbst auf dem Land zieht Hofmann angesichts von Verkehrszunahme,
       Stadtflucht und mangelnder Infrastruktur eine negative Bilanz. „Bullerbü
       gibt es nicht mehr.“
       
       ## Spielplätze mit Öffnungszeiten
       
       Dafür verantwortlich sieht er nicht nur gesellschaftliche Tendenzen,
       sondern oftmals auch eine verfehlte Kinderpolitik der Kommunen. Diese
       würden wegen finanzieller Haushaltslöcher teilweise ihre Spielplatzflächen
       gewinnbringend verkaufen oder an private Kitas weitergeben. Kindern fehle
       einfach eine starke Lobby.
       
       „Viele Kommunen haben inzwischen Öffnungszeiten für ihre Spielplätze – das
       halte ich für Schwachsinn“, empört sich Hoffmann und erinnert an die
       Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen: „Artikel 31 garantiert
       Kindern das Recht auf Spielen. Andere gesellschaftliche Gruppen würden es
       sich nicht bieten lassen, wenn man ihre Rechte derart beschneidet.“
       
       Dass sich in den kommenden Jahren etwas an der Situation in Berlin
       verändern könnte, bezweifelt Johanna Oswald-Schwerin. „Die Lobby der
       Fahrradfahrer und der Bauunternehmer ist in Berlin präsenter und lauter –
       für Kinder bleibt da kein Platz“, glaubt sie. Diese Überzeugung hat ihr bei
       einer wichtigen Entscheidung geholfen. Bald wird sie mit Mann und Kind nach
       Leipzig ziehen. „Weil wir dort bessere Jobaussichten haben, aber auch, weil
       Kinder dort entspannter aufwachsen können.“ Dort gibt es aber nicht einmal
       ein Spielplatzgesetz.
       
       25 Oct 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Felix Hackenbruch
       
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