# taz.de -- Medium der Kontaktaufnahme
       
       > Fotografie Die Bildsprache von Annelise Kretschmers Fotos ist bis heute
       > höchst aktuell. Das Käthe Kollwitz Museum in Köln will der Fotografin
       > neue Bekanntheit verschaffen
       
 (IMG) Bild: Ihre charakterstarke Tochter fotografierte Annelise Kretschmer 1937 in Worpswede, Vintage-Silbergelatineabzug
       
       von Damian Zimmermann
       
       Mit der Wiederentdeckung von Fotografen ist es so eine Sache. Da schlummern
       die Fotos seit Jahrzehnten in den Archiven und Sammlungen und irgendwann
       kommt jemand auf die Idee, diesen Schatz endlich einmal der Öffentlichkeit
       zu präsentieren und gleichzeitig der Kunstgeschichte ein Kapitel
       hinzuzufügen. Besonders Frauen scheinen gern übersehen worden zu sein –
       Germaine Krull und Lee Miller sind nur zwei Beispiele aus der jüngeren
       Vergangenheit.
       
       Ein weiteres Beispiel ist Annelise Kretschmer (1903–1987). Sie eröffnete
       als eine der ersten Frauen in Deutschland ein eigenes Fotostudio in ihrer
       Geburtsstadt Dortmund. 1929 nahm sie an der legendären Wanderausstellung
       „Film und Foto“ des deutschen Werkbundes sowie 1930 an der Ausstellung „Das
       Lichtbild“ in München teil, weshalb sie gerne auch als „eine der
       bedeutendsten Porträtfotografinnen der späten Weimarer Republik“ bezeichnet
       wird. Bereits 1982 widmete Ute Eskildsen ihr im Museum Folkwang in Essen
       eine Einzelausstellung, 1994 war sie dann dort auch Teil der Ausstellung
       „Fotografieren hieß teilnehmen“ über Fotografinnen der Weimarer Republik,
       wo sie neben Lotte Jacobi, Ilse Bing und Lucia Maholy präsentiert wurde.
       Dennoch ist sie heute nahezu unbekannt.
       
       Die Ausstellung „Annelise Kretschmer – Entdeckungen. Photographien 1922 bis
       1975“ im Kölner Käthe Kollwitz Museum möchte dies nun erneut ändern und
       zeigt mit mehr als 80 Vintage-Prints, die Leihgaben aus dem Nachlass der
       Künstlerin sowie dem Essener Museum Folkwang sind, einen Überblick über ihr
       Schaffen, aus dem vor allem ihre Porträts hervorstechen. Denn die Kamera
       wurde ihr zum legitimen Medium der Kontaktaufnahme – im Studio genauso wie
       unterwegs. Ihre Bilder kommen ohne Requisiten und ohne große Inszenierung,
       vor allem aber ohne den schweren Pathos jener Zeit aus. Kretschmer
       versuchte, wie sie selbst sagte, „den Menschen zu einer Selbstdarstellung
       zu bewegen, in der seine wesentlichen Charakterzüge zum Ausdruck kommen.
       Wenn der Fotograf es schafft, einen Kontakt zu seinem Gegenüber
       herzustellen, dann kann eine Charakterisierung gelingen.“
       
       Das ist natürlich ein hohes Ziel, vor allem, wenn völlig Fremde in ihr
       Studio kamen. Nicht immer gelang es. Ein Kunde erinnerte sich jedenfalls,
       dass er mit dem Porträt, dass sie von ihm gemacht hat, zunächst nicht
       zufrieden war. Erst Jahrzehnte später sei ihm aufgefallen, dass das Foto
       ihn so zeige, wie er im Laufe seines Leben geworden sei. Das klingt schon
       arg verklärend. Vielleicht war es schlichtweg Zufall. Die Frage, wie viel
       ein einzelnes Porträt überhaupt über den in den meisten Fällen doch
       vielschichtigen Charakter eines Menschen aussagen kann, wird hier gar nicht
       mehr gestellt. Aber das ist man in der Auseinandersetzung mit dem Medium
       bereits gewohnt.
       
       Bemerkenswert ist allerdings, dass die als Annelise Silberbach geborene
       Fotografin nur verhältnismäßig wenige Aufnahmen mit ihrer zweiäugigen
       Rollei im Studio machte: Nach meist zehn bis zwölf Fotos (also wenn der
       erste Rollfilm verschossen war) wurde die Studiositzung bereits wieder
       beendet. Das galt schon damals als wenig und ist heute quasi unvorstellbar.
       
       Kretschmers Stil war geprägt von der Neuen Sachlichkeit (Kretschmer war
       Meisterschülerin von Franz Fiedler). Ihr geht es um eine möglichst
       objektive Bildsprache und Abstand zum Sujet. Umso erstaunlicher ist die
       Nähe, die sie zu ihren Modellen aufgebaut hat – darunter auch Künstler wie
       Ewald Mataré, Albert Renger-Patzsch oder Daniel-Henry Kahnweiler, aber auch
       eine unbekannte Journalistin auf dem Kirchentag in Dortmund 1963 oder der
       Chefkurator des Louvre, François Mathey. Ihn zeigt sie fast spitzbübisch
       mit zur Seite gestrecktem Kopf, so dass seine kleine, vom morgendlichen
       Rasieren stammende Schnittwunde am Hals sichtbar wird.
       
       Die großartigsten Porträts fertigte Kretschmer allerdings von ihrer eigenen
       Familie: Die kleine Sequenz, in der ihr Mann, der Bildhauer Sigmund
       Kretschmer, mit den Kindern am Strand herumtollt, ist von einer solch
       feinen beiläufigen Intimität und bis heute höchst aktuellen Bildsprache,
       wie man sie aus jener Zeit kaum kennt. Und die Porträts ihrer Kinder, die
       während ihres zweijährigen Aufenthalts in Worpswede entstanden (als
       „Halbjüdin“ verschlechterte sich ihre Auftragslage ab 1933 und sie wurde
       aus der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner ausgeschlossen), gehören
       wahrscheinlich zu den stärksten Kinderporträts jener Zeit überhaupt. Zum
       Niederknien: das Dreier-Porträt ihrer Töchter neben einer Birke. Die
       Älteste im Vordergrund schaut fast etwas grimmig in die Kamera, obwohl es
       scheint, als wolle ihr Körper eigentlich aus dem Bild herausgehen. Die
       Jüngeren im Hintergrund sind etwas unscharf, verunsichert und
       rückwärtsgewandt. So erwachsen und vielschichtig, kurz: so charakterstark
       hat Kretschmer selbst die Alten selten porträtiert.
       
       Gerade im Vergleich zu diesen Aufnahmen wirken Kretschmers
       Paris-Fotografien, die sie 1928 während einer Frankreichreise machte,
       höchstens wie gestalterische Fingerübungen. Sie ist eine Flaneurin, aber
       die Details, die sie interessieren, sind meist so kleinteilig, dass sie die
       Fotos überall hätte aufnehmen können: Meist sehen wir Schattenspiele auf
       Strukturen, das Flüchtige auf dem Beständigen. Ob es ihr an Interesse oder
       an der Fähigkeit mangelte, sich auf die Stadt selbst einzulassen, wie es
       andere Fotografen vor und nach ihr getan haben, wissen wir nicht. Die
       Ausstellungsmacher hätten jedenfalls gut daran getan, diese kleine Episode
       auszusparen und uns mehr von dem zu zeigen, was Kretschmer ausmacht – und
       das sind nun einmal ihre Menschenbilder.
       
       Bis 27. November, Käthe Kollwitz Museum, Köln
       
       25 Oct 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Damian Zimmermann
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA