# taz.de -- Amerika als Knochenjob
> Foto Ein Land, zerrissen in Schwarzweiß, von der Großen Depression bis
> zur Bürgerrechtsvision von Martin Luther King – C/O Berlin im Amerikahaus
> zeigt mit der „I am You“-Schau die Arbeit des Fotografen und
> Filmregisseurs Gordon Parks
(IMG) Bild: Der Kickstarter von Parks‘ Fotografenkarriere: „American Gothic“, Washington D.C., 1942
von Ralf Hanselle
Die Warnung der Mutter sollte nicht folgenlos bleiben. Noch im hohen Alter
musste sich Gordon Parks an sie erinnern: „Komm mir ja nicht nach Hause,
wenn du die Dinge nicht besser gemacht hast als irgendein weißer Junge.“
Dieser Satz hatte ihn durchs Leben getrieben. Am Ende konnte der 1912
geborene und vor zehn Jahren verstorbene Fotograf nahezu alles. Manches
besser, manches schlechter: Drehbücher schreiben und Klavier spielen, Verse
dichten und Musik komponieren. Selbst Schauspielerei und Filmregie (zum
Beispiel bei „Shaft“) hatte er in den 93 Jahren seines Lebens zu seiner
Profession machen können.
Besonders aber auf dem Gebiet der Fotoreportage konnte Gordon Parks so
schnell kein Weißer das Wasser reichen. Gerade einmal 29 Jahre alt war der
Sohn eines verarmten Gemüsebauern, als er von der legendären Farm Security
Administration (FSA) den Auftrag erhielt, die Auswirkungen der Großen
Depression auf die schwarze Bevölkerung Amerikas zu dokumentieren.
Es war nicht irgendein Job. Es war die Anstellung, mit der man Geschichte
festhielt: Unzählige vor ihm hatten das bewiesen. Walker Evans hatte für
die FSA sein epochales Werk „Let Us Now Praise Famous Men“ aufgenommen.
Dorothea Lange hatte im Auftrag der Regierungsorganisation ihre
unvergessene „Migrant Mother“ fotografiert. All diese Bilder hatte Parks im
Gedächtnis. All die Reportagen über die Schattenseiten der Vereinigten
Staaten. Sie hatten den ambitionierten Wanderarbeiter aus Fort Scott in
Kansas auf die Idee gebracht, seine erste eigene Kamera zu kaufen. 7 Dollar
soll er für sie bezahlt haben. Eine Investition in die Zukunft.
Was aus diesen 7 Dollar geworden ist, das ist derzeit bei C/O-Berlin im
Amerikahaus zu sehen. Unter dem Titel „I am You“ hat Hauskurator Felix
Hoffmann Höhepunkte aus Parks’ Schaffen versammelt: frühe Reportagen für
das Magazin Life, Modestrecken sowie narrative Sequenzen und
Künstlerporträts. 180 Fotos, dazu Filmsequenzen, vergrößerte Kontaktbögen
und Magazinausschnitte erzählen vom Schaffen eines Autodidakten, der zu
einem der außergewöhnlichsten Fotoreporter Amerikas wurde.
Es war die Herkunft, die Parks’ Werk geprägt hat – der unstillbare Hunger
nach Zugehörigkeit und der Ehrgeiz, der ihm wie ein Gespenst im Nacken saß.
„Ich habe Böses überlebt, aber ich habe dem Bösen nie erlaubt, mir meine
Entfaltungsfreiheit zu rauben.“ Denn es hätte auch alles ganz anders kommen
können. Was es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hieß, „young,
gifted and black“ zu sein, das zeigt bereits das erste Bild in der
Ausstellung: Eingeklemmt zwischen Besen und Wischmopp schaut man auf eine
Putzfrau in einem Washingtoner Regierungsgebäude. Im Hintergrund glänzt die
US-amerikanische Fahne. Rechts erstrahlt blitzblank eine teure Kommode.
„American Gothic“ hat Parks die 1942 entstandene Aufnahme betitelt.
Die afroamerikanische Frau, die Amerika säubert, wurde sein Durchbruch.
Titel und Komposition waren dabei ironische Verweise auf das gleichnamige
Puritaner-Glück, das Parks’ Landsmann Grant Wood ein Jahrzehnt zuvor in
seinem berühmten Gemälde in Öl fixiert hatte. Parks zeigte die
wortwörtliche Kehrseite von Woods weißer und angelsächsischer
Spießeridylle: Amerika als Knochenjob.
Bald folgten Aufträge für große Magazine. Parks fotografierte Bandenkämpfe
in Harlem, er dokumentierte den Alltag in einer ersten psychiatrischen
Klinik für Weiße und Schwarze, und er begab sich auf die Spurensuche des
Verbrechens. Immer wieder ist es ihm dabei gelungen, dicht an die
Ereignisse heranzurücken. Er ist mit Polizisten auf Streife gefahren, er
hat das Vertrauen schwarzer Gangmitglieder in New York gewinnen können.
Irgendwie war er immer mit seinen Geschichten verwoben. Das Thema, das den
ersten farbigen Redaktionsfotografen des Magazins Life umtrieb, so beweist
diese Ausstellung, war im Kern das Thema seines eigenen Lebens: Schwarzsein
im angeblich weißen Amerika. Als in den 1960er Jahren die
Bürgerrechtsbewegung an Fahrt gewann, schuf Parks große Bildreportagen über
das Umfeld von Malcolm X oder über den „March on Washington“. Damals, im
August 1963, ist ihm erneut ein bis heute unvergessenes Foto gelungen:
Wieder zeigt das Schwarzweißbild die amerikanische Fahne – Linien, getrennt
in Hell und in Dunkel. Darüber aber hat sich ein Mann erhoben: der
Bürgerrechtler Martin Luther King. Mit ihm hat Gordon Parks eine
uneingelöste Vision geteilt: „Ich wurde einmal gefragt, ob ich an eine Zeit
glaube, in der die Menschheit vereint sein wird. Alles, was wir tun können,
ist hoffen und träumen.“
Gordon Parks: „I am You. Selected Works 1942–1978“ im C/O-Berlin,
Hardenberg-str. 22–24. Bis 4. Dezember, tgl. 11-20 Uhr
17 Sep 2016
## AUTOREN
(DIR) Ralf Hanselle
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