# taz.de -- heute in hamburg: „Regierung in Geiselhaft“
       
       > Diskussion Der Linken-Politiker Deniz Celik über die Folgen des
       > Putschversuchs in der Türkei
       
       taz: Herr Celik, was läuft in der Türkei seit dem Putschversuch falsch? 
       
       Deniz Celik: Anstatt nach dem Putschversuch einen demokratischen Neuversuch
       zu starten, umgeht Erdoğan das Parlament. Er und sein Kabinett können sogar
       verfassungsändernde Gesetze verabschieden.
       
       Also benutzt Erdoğan den Putschversuch, um die Autokratie auszubauen? 
       
       Ich nenne das elektorale Autokratie, denn er ist vom Volk gewählt. Er nutzt
       die Situation, um seine Macht auszubauen. Schritt für Schritt schafft er
       die Demokratie ab. Alle Oppositionellen leben in der Angst, als Anhänger
       von Fetullah Gülen gebrandmarkt zu werden.
       
       Steht Gülen hinter dem Putschversuch? 
       
       Ja, aber nicht allein. Die Gülen- Bewegung hat mit Sicherheit Bündnisse mit
       anderen Organisationen geschlossen. Und natürlich steht die Frage im Raum,
       ob es Unterstützung aus dem Ausland gegeben hat.
       
       Was passiert, wenn die USA Gülen ausliefern? 
       
       Die Spannungen zwischen der Türkei und den USA würden sich abbauen. Und
       Gülen würde lebenslang hinter Gitter wandern. Aber dann hätte Erdoğan auch
       keinen Sündenbock mehr.
       
       Reagieren die deutschen Politiker falsch, wenn sie sich hinter Erdoğan
       stellen? 
       
       Zum einen ist es richtig, dass sie den Putschversuch verurteilen. Die
       türkische Gesellschaft möchte keinen Machtwechsel durch einen Militärputsch
       und das ist auch gut so. Aber sie dürfen jetzt nicht alles billigen, was
       Erdoğan tut. Deutsche Politiker müssen deutlich sagen, dass Oppositionelle
       nicht weiter verfolgt werden dürfen. Erdogan veranstaltet eine
       Hexenverfolgung.
       
       Also ist die deutsche Politik noch nicht deutlich genug? 
       
       Nein. Durch das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei hat sich die
       Bundesregierung in Geiselhaft nehmen lassen. Die Einhaltung des Abkommens
       steht für sie an oberster Stelle. Das ist fatal für die Menschen in der
       Türkei.
       
       Betreffen diese Ereignisse auch Türken, die in Hamburg leben? 
       
       Ja. Über türkische Medien verfolgen sie genau, was passiert. Auch hier sind
       die Menschen polarisiert: Die einen stehen hinter Erdoğan, die anderen
       fürchten, dass es zu einer Diktatur kommt. Wir müssen dafür sorgen, dass es
       durch die Spannungen in der Türkei hier keine gewalttätigen
       Auseinandersetzungen gibt.
       
       Interview: Johanna von Criegern
       
       „Ziviler Putsch in der Türkei – was ist los im Land am Bosporus?“: 19 Uhr,
       Bürgerhaus Barmbek, Eintritt frei
       
       30 Aug 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johanna von Criegern
       
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