# taz.de -- ARD-Langfilm „Im Spinnwebhaus“: Villa Kunterbunt, schwarz-weiß
       
       > Na endlich! Eine Alternative zu den Degeto-Fantasien. „Im Spinnwebhaus“
       > erzählt im Gewand eines Märchens von auf sich allein gestellten Kindern.
       
 (IMG) Bild: Da war die Mutter (zweite von rechts) noch bei ihren Kindern
       
       Was ist das nur für eine Mutter? Das ist die Frage, die der Film zunächst
       aufwirft. Ist sie einfach nur verantwortungslos, nicht willens, sich
       zusammenzureißen und für die Kinder da zu sein, die sie einmal in die Welt
       gesetzt hat?
       
       Oder ist sie eine schwer liebende, aber psychisch auch schwer angeknackste
       Mutter, die, vom – verantwortungslosen – Vater der Kinder im Stich
       gelassen, diesen nur deshalb soviel abverlangt, damit sie nicht in ein Heim
       kommen?
       
       Was sie ihnen abverlangt: Sie packt Jonas, zwölf Jahre alt, Nick, neun, und
       Miechen, vier, ins Auto, um sie beim Vater abzuladen: „Du kannst sie haben.
       Ich will sie nicht mehr.“ Der Vater will sie auch nicht, er hat schließlich
       einen Job: „Das hat nichts mit euch zu tun“, sagt er – den Satz wird er
       insgesamt dreimal zu den Kindern und zu sich selbst sagen.
       
       Auf der Rückfahrt über die Serpentinenstraße ist die Mutter gefährlich
       unkonzentriert, der viel zu kleine Jonas muss übernehmen. Überhaupt muss
       Jonas jetzt ans Steuer: „Du bist jetzt der Chef, ja!“, sagt die Mutter. Und
       geht. „Ich bin am Sonntag wieder da“, sagt sie noch. Ist sie dann aber
       nicht.
       
       Stattdessen kommt eine verrätselte Mailbox-Nachricht: „Sie lassen mich noch
       nicht aus dem Sonnental. Die Dämonen. Ich habe sie noch nicht besiegt. Ihr
       dürft auf keinen Fall jemandem sagen, dass ihr allein seid! Sonst nimmt man
       euch weg!“
       
       ## Jonas näht die Wunde selber
       
       Jonas, Nick und Miechen allein zu Haus: Villa Kunterbunt, mit Essen
       schmeißen, Höhlen bauen – keine frische Wäsche mehr haben, kein Geld, kein
       Essen, keinen Strom… Es geht so weit, dass Jonas eine Wunde, die Miechen
       von einem Fahrradunfall hat, selber näht. Denn im Krankenhaus würde man ja
       Fragen stellen.
       
       Der Plot ist der eines Sozialdramas – was der auf einem realen Fall
       basierende Film bestimmt ausschließlich wäre, wäre er ein ambitionierter
       Fernsehfilm für den „FilmMittwoch im Ersten“. Er ist aber ein „FilmDebüt im
       Ersten“. Und von einer Debütantin, der Regisseurin Mara Eibl-Eibesfeldt,
       darf man erwarten, dass sie noch etwas – mehr – will.
       
       Der Mehrwert ihres Films ist die – vermeintliche – Nichtübereinstimmung von
       Inhalt und Form. Formal ist „Im Spinnwebhaus“ nämlich das: ein Märchenfilm!
       Vermeintlich ist die Nichtübereinstimmung nur deshalb, weil ja auch Hänsel
       und Gretel allein gelassen wurden.
       
       Vielen Märchenerzählungen liegt ein Sozialdrama zugrunde. Nur spielen die
       klassischen Märchen nicht in der Gegenwart.
       
       Mit Akira Kurosawas „Das Schloss im Spinnwebwald“ hat „Im Spinnwebhaus“ nur
       die schwarz-weißen Bilder gemein. Näher kommen ihm Terry Gilliam, Tim
       Burton oder Guillermo del Toro – die Märchenonkel des Gegenwartskinos.
       Gerade del Toro, der es in der Durchdringung von zeitgeschichtlichem
       Realismus mit Märchenmotiven zu großer Meisterschaft gebracht hat.
       
       ## Spinnweben alter Märchen
       
       Erstaunlich ist die Souveränität, mit der Mara Eibl-Eibesfeldt so eine
       Genrekreuzung bereits mit ihrem Debüt fertigbringt (Drehbuch: Johanna
       Stuttmann). Und da hier, in unserem Genrekino-Verächterland!
       
       Da besetzen die namhaften Schauspieler – die Französin Sylvie Testud,
       Ludwig Trepte und Matthias Koeberlin – nur Nebenrollen. Fast den gesamten
       darstellerischen Part in einem Film, der kein Kinderfilm ist, der aber ganz
       auf die Perspektive und Logik der Kinder fokussiert, bestreiten die drei
       Kinder: Ben Litwinschuh, Lutz Simon Eilert und Helena Pieske.
       
       Und dieser kindliche, an Märchen geschulte Blick wird in den Bildern
       aufgefangen. Immer dichter und wattiger durchziehen, überziehen sie die
       verwahrlosende Wohnung: die Spinnweben alter Märchen. Großaufnahmen machen
       aus Viehzeug Märchenwesen.
       
       Mit Jürgen Jürges hat die junge Regisseurin einen Kameramann gewählt, der
       in 50 Jahren mit „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ oder „Angst essen Seele auf“
       einige Meilensteine der (anderen) deutschen Filmgeschichte gedreht hat.
       
       Die Tendenz der Stadt Heidelberg in Richtung Puppenstube lässt die
       Atmosphäre noch einmal dunkelromantisch-verwunschen werden. Eine mit
       Spinnen tätowierte gute Fee namens Felix Graf von Gütersloh spricht in
       Reimen; ein Zaun lässt sich von Jonas in der Not per Zauberspruch
       überwinden: „Oh Spinn', oh Spinn‘, ach bring, ach bring, mich doch dahin,
       wo ich nicht bin!“
       
       „Im Spinnwebhaus“ ist in diesem Sommer der letzte Film in der Reihe
       „FilmDebüt im Ersten“. Ihre Märchenstunde für Erwachsene wird die ARD bald
       wieder ausschließlich mit den Degeto-Erzeugnissen am Freitagabend
       bestreiten.
       
       9 Aug 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jens Müller
       
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