# taz.de -- Nahrhaftes Essen für alle Bedürfnisse
       
       > AKTIVISMUS Besuch beim krisenbewährten Kochkollektiv „Black Wok“ in
       > Dresden-Löbtau
       
 (IMG) Bild: Die Suppenterrine von früher: Vorbild für selbst geschweißte 200-Liter-Töpfe von heute
       
       Von Gabriele Goettle
       
       P eter P. studiert im letzten Studienjahr Geschichte und Englisch an der TU
       Dresden, mit dem Ziel, Lehrer zu werden. 1983 in Hessen geboren und
       aufgewachsen, kam er 2005 zum Studium nach Dresden, wo er sich bald in
       regionalen politischen Gruppen engagiert. 2011 war er einer der
       Mitbegründer des Küfa-Kollektivs „Black Wok“ Dresden, in dem er unter
       anderem seither aktiv ist. Seine Eltern sind bereits in Rente, die Mutter
       war Arztassistentin, der Vater war diplomierter Betriebswirt. Peter ist
       unverheiratet und kinderlos. 
       
       Die Ausspeisungen für Arme, vor allem durch Kirchen und Klöster, gab es
       schon im Mittelalter und es gibt sie bis heute. Eine weltliche Variante der
       „Klostersuppe“ kam Ende des 18. Jahrhunderts in England auf. Im Mutterland
       der Industrialisierung und Verelendung des Proletariats wurden von
       wohltätigen Privatpersonen und der neu gegründeten Heilsarmee zahlreiche
       „Suppenhäuser“ für Arme eröffnet. 1866 gründete in Berlin die jüdische
       Sozialreformerin Lina Morgenstern – eine Vertreterin der fortschrittlichen
       bürgerlichen Frauenbewegung – die erste Volksküche. Morgensterns Idee hatte
       Vorbildcharakter, weitere folgten. Sie gab sogar ein Kochbuch für
       Volksküchen heraus.
       
       Es gibt auch eine linke Tradition der Volksküche, so betrieb die
       Internationale Arbeiterhilfe in den zwanziger Jahren Streikküchen. Hier hat
       man stets das solidarische Motiv betont, während die karitative
       Essensausgabe als Kaschieren von herrschender Armut abgelehnt wurde. In den
       USA existierten zahlreiche Volksküchen in der Zeit der Großen Depression.
       Während der sechziger Jahre gründete die US-Studentenbewegung solidarische
       Volksküchen, die 68er-Bewegung hingegen blieb hierzulande diesbezüglich
       vollkommen passiv.
       
       Erst die Hausbesetzerbewegung der achtziger Jahre führte Volksküchen wieder
       ein und nannte sie VOLXKÜCHEN. Heute gibt es allein in Berlin über 30
       autonome Volxküchen, betrieben von kleinen linken Kollektiven. Meist wird
       zusätzlich zu preiswerten vegetarisch/veganen Gerichten auch kulturelles
       und politisches Programm geboten. Mit der steigenden Zahl der Geflüchteten,
       die in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen, etablierten sich in
       allen Städten auch viele Volxküchen für Flüchtlinge.
       
       ## Das Hausprojektals Angriffsziel von Nazis
       
       Peter, der anonym bleiben möchte, ist Mitglied des Küfa- Kollektivs und
       wohnt nicht weit entfernt von Zentrum und Uni, in Nord-Löbtau, einem
       ruhigen Stadtviertel Dresdens, das, im Gegensatz zur Neustadt, noch nicht
       gentrifiziert ist. Peter lebt in einem selbst verwalteten Studentenprojekt.
       Der vierstöckige villenartige Klinkerbau mit Garten, Vorgärtlein und Zaun
       ist saniert und liegt direkt an einer auf Stelzen stehenden Stadtautobahn.
       Das Haus war schon mehrfach Angriffsziel rechter Gruppen, deshalb wird die
       Haustür geschlossen gehalten. Eine junge Frau öffnet und führt mich
       freundlich durch das nach Essen duftende Treppenhaus hinauf in eine
       geräumige WG-Küche. Peter nimmt mich in Empfang und führt mich in sein
       kleines Zimmer, in dem gerade mal Hochbett, Bücher, Kletterseile
       Schreibtisch und Stuhl Platz haben. Ich bitte ihn, vom Küfa-Projekt zu
       erzählen und weshalb sie es nicht Volxküche nannten.„Wegen des historisch
       stark belasteten Begriffs Volk, an dem ja auch das halbherzige X nichts
       ändert, wollten wir uns davon distanzieren. Küfa heißt einfach nur ‚Küche
       für alle‘. Zur Gründung kam es eigentlich durch die Lage hier in der Stadt
       Dresden. Sie ist seit Langem geprägt durch eine äußerst angespannte
       politische Situation: Es gibt ständige Repressalien gegen Linke, auch
       bedingt durch die Diskurse nach den Großveranstaltungen des 13. Februar,
       also den Gedenkveranstaltungen zur sogenannten Bombennacht von Dresden.
       
       Die Aufmärsche der Neonazis waren von Jahr zu Jahr massiver und aggressiver
       geworden, bis dann 2011 der Zenith erreicht war. Mit 20.000 bundesweit
       mobilisierten Leuten waren die Nazis unterwegs zu ihrem ‚Trauermarsch‘. Nur
       durch die Präsenz der vielen Gegendemonstranten konnte ihr Aufmarsch
       blockiert werden. In diesem Zusammenhang kam es auch zu einem Angriff von
       80 Nazis auf das linke Wohn- und Kulturprojekt ‚Praxis‘ im Stadtteil
       Löbtau. Sie schleuderten Steine und Stöcke, das dauerte eine ganze Weile,
       während die Polizei den Verkehr regelte, ansonsten abwartete und nicht
       eingegriffen hat.
       
       Im Viertel hat sich daraufhin eine Nachbarschaftsinitiative gebildet.
       Ergebnis jener Vernetzung war etwa ein Straßenfest, bei dem auch Geld übrig
       blieb. So kam es dann zum Entschluss, das Küfa-Kollektiv ‚Black Wok‘
       aufzubauen, das Geld in die Infrastruktur zu stecken, um die Linke und die
       sozialen Bewegungen praktisch stärken zu können bei Aktionen. Also wir
       begreifen Kochen als politische Arbeit. Seitdem gab es unzählige
       Demonstrationen, Vorträge und Workshops, bei denen wir gekocht haben, und
       auch eine Einbindung in internationale Netzwerke, Reisen nach Calais und
       Kooperationen mit vielen anderen Gruppen. Das Konzept war gut. Wir wollten
       keine Küfa- Gruppe sein, die stationär einmal die Woche an einem festen Tag
       kocht, das gab es schon in der Stadt. Wir wollten von Anfang an eine mobile
       Küche betreiben – natürlich unkommerziell – eine ‚Aktionsküche‘. Wir können
       an jedem Ort zu jeder Zeit eine Feldküche aufbauen und loslegen. Wir nutzen
       selbst gebaute Töpfe, selbst geschweißte 200- Liter-Töpfe. Das sind
       Modelle, die von Vorreitern der Aktionsküchen wie ‚LeSabot‘, ‚Feine
       Gerüchteküche‘, ‚Food for action‘ oder auch die ‚Maulwürfe‘ in Freiburg
       konzipiert und genutzt werden. Es gibt ein internationales Netzwerk mobiler
       solidarischer, selbst organisierter Küchen, die zum Teil mehr als 10.000
       Leute versorgen können: etwa beim G-8 Gipfel, den Klimakonferenzen und
       Nato-Protesten.
       
       ## Großer Aufwandfür 1.000 Essenportionen
       
       Unsere Kapazität ist natürlich viel geringer, aber für ein paar hundert
       Leute können wir problemlos kochen. Anfangs mussten wir noch eine Menge
       lernen. Es ist ja einfach, für 20 Leute zu kochen, für 50 geht es auch
       noch, aber, wenn es um 200, 500, 1.000 oder mehr Portionen geht, wird es
       ein logistisch und auch finanziell großer Aufwand. Aber das sind
       Erfahrungswerte, die von den Kollektiven auch untereinander ausgetauscht
       werden. Ich erzähle dir am besten mal an einem Beispiel, wie das so vor
       sich geht. Wir sind zweimal – 2012 und 2014 – mit der Gruppe nach Calais
       gefahren. Zuvor haben wir eine Spendenkampagne organisiert, um das Geld
       dafür aufzubringen, haben große Gebinde Reis, Nudeln, Bohnen, Linsen, Tee
       usw. gekauft und sind losgefahren. Wir wollten in Calais für die
       Flüchtlinge kochen und auch, um die dortigen Gruppen, wie die ‚No
       Border‘-Bewegung, zu unterstützen.
       
       ## Nadelöhr am Eingangzum Eisenbahntunnel
       
       In dieser französischen Küstenstadt am Ärmelkanal, die Teil der Festung
       Europa ist, warten Tausende Menschen ohne gültigen Pass, ohne
       Aufenthaltsstatus, viele sogenannte Sans-Papiers, auf irgendeine
       Möglichkeiten, trotz strenger Bewachung der Grenze, durch ein sehr winziges
       und gefährliches Nadelöhr auf illegale Weise nach England zu gelangen. Es
       gibt bereits eine Reihe von jungen Frauen und Männern, die beim Versuch,
       heimlich auf Lastwagen oder Zügen durch den Eisenbahntunnel nach England
       einzureisen, zu Tode gekommen sind.
       
       Die Wartenden, die es immer wieder versuchen, sind schutzlos der Witterung
       und den polizeilichen Repressionen ausgeliefert. 2012 war die Repression
       gegen die Geflüchteten besonders heftig, weil anlässlich der Olympischen
       Spiele in London eine ‚Säuberungskampagne‘ in Calais durchgeführt wurde.
       Ständige Polizeigewalt in dem Lager, Razzien, Vertreibung von Menschen und
       Beschlagnahme ihrer Zelte, Schlafsäcke und sonstigen lebenswichtigen
       Utensilien waren an der Tagesordnung. Von Anfang Juni bis Ende September
       wurde die Essenversorgung der Geflüchteten besonders durch zwei Gruppen
       sichergestellt, ‚Salam‘ und ‚La Belle Etoile‘. Diese beiden Kochkollektive
       pausierten ab und zu. Damit die Versorgung der Geflüchteten gewährleistet
       war, wurden die Mahlzeiten während dieser Zeit von einem Freiwilligennetz
       aus ganz Europa zubereitet, so auch von uns.
       
       Es kamen immer meist um die 200 Geflüchtete zu unserer täglichen
       Essenausgabe. Gekocht wird übrigens – und das von fast allen Küfas –
       ausschließlich vegetarisch/vegan. Nicht nur aus ethischen, sondern auch aus
       finanziellen und hygienischen Gründen. Wir versuchen, grundsätzlich
       biologische Zutaten zu verwenden und saisonal zu kochen. Bei den
       Flüchtenden berücksichtigen wir die unterschiedlichen Bedürfnisse. Also wir
       haben in Calais eine Art Dreikomponentenessen kreiert, bestehend vor allem
       aus Nudeln, Reis, Linsen und anderem frischem Gemüse.
       
       Viele haben sich Gefäße und Plastikbehälter mitgebracht und sich das Essen
       eingepackt oder Portionen für andere mitgenommen, die nicht selbst kommen
       konnten. Wir legen großen Wert darauf, das Essen sehr nahrhaft
       zuzubereiten, damit die Leute, die ja im Stress sind und teilweise sehr,
       sehr lange Strecken zu Fuß zurücklegen, auch auf ihre notwendigen Kalorien
       kommen.
       
       In Calais gab es einen zentralen Ausgabeplatz, der natürlich in dem Sinne
       nicht legalisiert war. Auch das Kochen selbst ist ja nicht legal, es ist im
       Prinzip eine Straftat, gilt als Unterstützung … als Fluchthilfe! Aber die
       Polizei hat uns lediglich observiert, ist mit dem Auto hinter uns her
       gefahren, mehr nicht. Die Verhältnisse in Calais insgesamt sind
       unbeschreiblich, und das schon über Jahre hinweg. Früher gab es große
       Feldlager, die von der UNHCR gestellt wurden und die die Regierung Sarkozy
       dann hat schließen lassen. Danach hat sich alles dezentralisiert. Es gibt
       Geflüchtete, die leben in besetzten Häusern – meist Frauen und Kinder.
       Andere haben in Industrieruinen Unterschlupf gefunden, wieder andere leben
       in Parks oder in kleinen Camps entlang der Autobahn – ohne Toiletten und
       Zugang zu Trinkwasser. Sie hausen unter Brücken, in den Wäldern an den
       Stadtgrenzen oder im Jungle de Calais, einer großen improvisierten
       Zeltstadt, in der Tausende unter notdürftigen, menschenunwürdigen
       Lebensbedingungen existieren. Sie alle waren und sind ständig von der
       Räumung ihrer Unterkünfte und der Zerstörung der Zeltlager durch Polizei
       und Bulldozer bedroht.
       
       ## Auch in Calais marschieren rechte Gruppen
       
       Aber auch auf Angriffe durch rechte Gruppen mit Feuerwerkskörpern und
       Molotowcocktails müssen sich die Geflüchteten jederzeit gefasst machen; so
       wie überall. Es gibt eine internationale Vernetzung der Rechten, in der
       übrigens auch die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des
       Abendlandes“, die Pegida, eine gewisse Rolle spielen. Pegida und andere
       Rechte planten ja am 6. Februar erstmals einen europaweiten Aktionstag, und
       da war auch Calais einer der ‚Aktionsorte‘, an denen Aufmärsche stattfinden
       sollten. Es wurden in Calais für diesen Tag zum Glück alle Demos verboten.
       Also man muss sagen, in Calais laufen sehr, sehr faschistoide Gruppen
       herum. Es herrscht eigentlich eine ständige Gefahr für Leib und Leben der
       Geflüchteten.
       
       Voriges Jahr im November gab es einen Großbrand im Jungle de Calais, das
       war ein paar Stunden nach den Anschlägen in Paris, deshalb ging der Brand
       in der Berichterstattung ziemlich unter. Kaum jemand hat mitbekommen, dass
       mehr als 4.000 Menschen evakuiert werden mussten. Quasi das gesamte
       Zeltlager. Die Räumung stand übrigens unmittelbar bevor. Dass es keine
       Toten gab, grenzt an ein Wunder. Jedenfalls, beide Male, als wir in Calais
       waren, herrschte dort bedrückende Stimmung, besonders wegen der
       Polizeipräsenz und den Spezialeinheiten. Die waren jeweils nur kurze Zeit
       im Einsatz. Alles wirkte sehr militarisiert. Die Polizei kam auch öfter
       während unserer Essenausgabe, hat die Wartenden dort gezählt und dadurch
       sicher viele abgeschreckt. Denn es kommt vor, dass Geflüchtete einfach weg
       geholt und ins Polizeipräsidium oder gleich ins Gefängnis gebracht oder
       einfach irgendwo weit außerhalb der Stadt ausgesetzt werden. Das ist ohne
       Geld, ohne Orts- und Sprachkenntnisse furchtbar für die Betroffenen und
       überdies auch gefährlich.
       
       Wir haben da einige Geschichten gehört von lokalen Aktivisten, die über das
       internationale Netzwerk Aktionsküchen den kompletten Sommer 2012 vor Ort
       waren. Gewohnt haben wir auch bei einem Aktivisten in seinem kleinen Haus,
       außerhalb von Calais. Haben dort im Garten unsere Küche aufgebaut und da
       gekocht. Wasser gab es aus dem Gartenschlauch. Das fertige Essen und den
       heißen Tee haben wir dann in Töpfen und Thermophoren in Autos verladen,
       sind damit zum Sammelpunkt gefahren und haben es ausgeteilt. Und das
       dreimal am Tag. Dort haben meist bereits 150 bis 200 Geflüchtete gewartet.
       Diese Essenmengen können wir sehr gut bewältigen, technisch kein Problem,
       aber psychisch schon. Das war jetzt das Beispiel Calais.
       
       In Dresden haben wir auch viel gemacht. So bei der Besetzung des
       Theaterplatzes Anfang März 2015. Der Platz war ja quasi von Pegida in
       Beschlag genommen worden für ihre Kundgebungen. Samstag/Sonntag war damals
       eine Solidemo für die Geflüchteten mit etwa 5.000 Leuten, und im Anschluss
       daran wurde spontan auf dem Theaterplatz, direkt vor der Semper-Oper, ein
       Protestcamp errichtet. Die Forderungen waren: Abschiebestopp für alle
       Geflüchteten, Bewegungsfreiheit überall im Land, die Möglichkeit zu
       arbeiten, bessere medizinische Versorgung. Und, dass sie aus den
       Übergangsheimen und Bettenlagern rauskommen. Raus aus den Umständen, die
       dort herrschen, stattdessen dezentrale Unterbringung. Wir haben da
       Unterstützung geleistet und gekocht. Es war ja noch kalt und es gab einige
       größere Zelte, vergleichbar mit denen vom THW – eins davon war das
       Essenzelt. Strom gab es von der Semper- Oper, Wasser hatten wir im
       Wassertank mitgenommen. Da haben wir 200 Leute versorgt mit Essen, abends
       waren es ein bisschen mehr. Um Plastikmüll zu vermeiden, haben wir essbare
       Schalen verwendet, das ist zwar ein bisschen teurer, aber sinnvoll. Die
       Stimmung war sehr gut, Leute kamen vorbei, haben Lebensmittel gebracht,
       sich unterhalten, Tee getrunken, Musik gemacht. Aber es gab auch andere
       Situationen! Am Sonntagnachmittag und in der Nacht haben Hooligans von
       Dynamo Dresden das Camp angegriffen, wurden aber von Unterstützern und
       Polizei abgewehrt.
       
       ## Unterstützer-Schutzringum die Essenkübel
       
       Es gab auch einen konkreten Angriff der Pegisten während ihrer Montagsdemo,
       die sind eines Abends vorbeimarschiert. Plötzlich kam eine größere Gruppe
       angestürmt und sie brüllten ständig: ‚Räumen, räumen!‘ und ‚Deutschland den
       Deutschen, Ausländer raus!‘. Wir befürchteten, dass sie uns die Essenkübel
       umwerfen, aber das Camp war vorbereitet, es hatte sich so ein Schutzring
       von mehreren hundert Unterstützern um uns herum gebildet, den konnten die
       Pegisten nicht knacken. Viele der Geflüchteten und Unterstützer blieben
       über Nacht, denn man rechnete mit weiteren Angriffen und auch mit der
       Räumung.
       
       Das Protestcamp war eigentlich für einen Monat geplant, es wurde aber
       bereits am nächsten Tag polizeilich geräumt.“ (Im Gerichtsbeschluss hieß
       es: Wer sich unter freiem Himmel versammle, setze sich zwangsläufig der
       Witterung aus und könne „nicht aus dem Grundrecht auf Versammlungsfreiheit
       ein Recht zur Aufstellung von Zelten und Toiletten ableiten“. Anm.G. G.).
       „Die Räumung verlief übrigens friedlich. Trotz der kurzen Dauer dieses
       Protestes war es doch ein Erfolg und eine große Aktion. Er hat für sehr
       viel Wirbel gesorgt in der Stadt. Momentan haben wir in Dresden noch ein
       weiteres Problem, und zwar im Zusammenhang mit dem 13. Februar. Am Vorabend
       der Gedenkveranstaltungen zur sogenannten Bombennacht von Dresden wollten
       mehrere hundert Neonazis einen Gedenkmarsch mit Fackeln veranstalten, um –
       so ihre Diktion – an den ‚Bombenholocaust‘ zu erinnern. Wir hatten
       Informationen, dass die Marschroute – in diesem Jahr liegt sie wenigstens
       außerhalb des Stadtzentrums – vom S-Bahn-Haltepunkt Döbritz durch die
       Stadtteile Prohlis und Nickern zu einem Gedenkstein für die Opfer des 13.
       Februar in Altnickern führen soll. Dort gibt es Kranzablage und Ansprache.
       Der Gedenkstein ist in jedem Jahr eine Art Wallfahrtsort für Neonazis. Er
       trägt die Inschrift: ‚Wir gedenken der Opfer des angloamerikanischen
       Bombenterrors‘.
       
       Sie passt damit ganz genau in ihr Geschichtsverständnis. Keinem scheint
       aber aufzufallen, dass es ohne die Nazis, auf die sie sich berufen, gar
       keine Bombardierung Dresdens gegeben hätte. Ich werde mal hingehen heute
       Abend. Man muss dem ja was entgegensetzen! In früheren Jahren sind sie
       immer am 13. Januar marschiert, aber seit 2014 machen sie das am 12. Wohl,
       weil sie für die Innenstadt keine Genehmigung mehr bekommen und auch, weil
       sie sich für den 12. mehr Medienaufmerksamkeit versprechen. Sie geben vor,
       mit ihrem Fackelzug still zu trauern, aber sie missbrauchen skrupellos die
       Emotionen in der Stadt, um auf sich aufmerksam zu machen und ihr braunes
       Gedankengut zu propagieren. Überhaupt sind sie in den letzten Monaten sehr
       selbstbewusst geworden, besonders nach den Auftritten in Freital und
       Heidenau. Da gab es 2015 ganz besonders heftige ausländerfeindliche
       Demonstrationen und Angriffe auf Geflüchtete und Unterstützer, Anschläge
       auf Flüchtlingsheime. Dort hatte die rechte Szene besondere
       Erfolgserlebnisse, ist auch verwurzelt in Kameradschaften und kann auf
       weitgehendes Wohlwollen der Bewohner zählen “ (Siehe dazu den ausführlichen
       Text zur Lage in Freital, taz v. 9./10. April 2016. Anm. G. G.).
       
       ## Wie Pegida den Diskursin Dresden dominiert
       
       „Und natürlich haben ihnen auch AfD und Pegida sehr viel Auftrieb gegeben.
       Seit über einem Jahr haben wir hier ja jede Woche montags Tausende von
       Asylgegnern, Fremdenfeinden und Rassisten auf der Straße. Der öffentliche
       Diskurs ist leider stark dominiert von Pegida. Und das liegt auch daran,
       dass es viele Punkte gibt, die einige tiefgreifende Schwierigkeiten in der
       Gesellschaft ansprechen, beispielsweise das mangelnde Vertrauen in Politik
       und Presse, der Mangel an Wertschätzung, die Mängel des sozialen Systems
       usw. Aber anstatt in einer kritischen Ursachenanalyse und Demonstrationen
       gegen die Verursacher zu münden, machen sich die Pegisten vorwiegend mit
       Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Luft. Das kann ja nicht hingenommen
       werden.
       
       Ich bin total überrascht, auf welcher Ebene die Xenophobie stattfindet.
       Beispielsweise diese angebliche Angst vor den sexwütigen Männern, die
       vergewaltigend übers Land ziehen, dann der Futterneid: ‚Die kriegen alles,
       wir kriegen nichts!‘. Oder auch: ‚Die Kultur passt nicht zu uns.‘ Solche
       Sprüche hört man sogar von gebildeten Menschen. Sie sehen nicht, dass hier
       geistige Brandstiftung betrieben wird und dass die sich auswirkt, auch
       durch Übergriffe auf Geflüchtete und durch das Anzünden von Wohnheimen.
       
       Aber kleine und sehr wichtige Fortschritte gibt es auch. Ein großer Erfolg
       ist, dass sich der offizielle Gedenkdiskurs 2016 deutlich verändert hat.
       Die Politik hat alte Muster revidiert, z. B. indem sie festgestellte, dass
       sie zuvor eigentlich jahrelang auf dem Heidefriedhof Seite an Seite mit den
       Nazis Kränze niedergelegt hat. Dort gibt es ja ‚das Rondell im Ehrenhain‘,
       mit einzelnen Gedenkstelen für die Konzentrationslager und für die
       Bombardierung Coventrys, Leningrads und Warschaus. Und es gibt auch eine
       Stele mit der Aufschrift ‚Dresden‘, womit die Bombardierung der Stadt
       sozusagen in eine Reihe gestellt wird mit Auschwitz, Bergen-Belsen und
       Coventry. Und diese Gleichsetzung, diese Opfer-Täter-Verdrehung, diesen
       besonders in Dresden herrschenden Opfermythos, prangern wir seit Jahren an.
       In diesem Jahr findet dort zum ersten Mal keine Veranstaltung statt. Aber
       die Stadt Dresden hat halt immer noch ihre Menschenkette. Das Umdenken
       dauert, aber es setzt allmählich ein! Das zeigt sich auch daran, dass der
       Täterinnen- und Täter-Mahngang, der ‚Mahngang auf den Täterspuren‘,
       inzwischen geradezu institutionalisiert wurde und beworben wird. Früher war
       er verboten und wurde kriminalisiert. Den Mahngang gibt es seit 2011,
       organisiert vom Bündnis ‚Dresden nazifrei‘. Die Idee war, zu zeigen, dass
       Dresden eben nicht die unschuldige Kulturstadt war, die hinterrücks
       zerstört wurde von den ‚Barbaren‘. Zum Mahngang kommen meist mehr als 2.000
       Teilnehmer zusammen, jung und alt. Er bewegt sich an jedem 13. Februar
       durch die Stadt und sucht Orte auf, an denen die Nationalsozialisten
       Verbrechen begangen haben. Die Leitthemen sind immer sehr gut recherchiert
       und von Einführungen begleitet. Dieses Jahr ist der Themenschwerpunkt
       Euthanasie. Wir sind in Dresden gut vernetzt, es gibt zum Beispiel das
       NAMF, das Netzwerk für Asyl, Migration und Flucht, ein Netzwerk, das
       Aktivisten und Aktivitäten koordiniert, kann man sagen, also von
       Deutschkursen bis zu verschiedenen Unterstützungsstrukturen. Es gibt sehr
       viele alternative Wohn- und Kulturprojekte. Da hängen wiederum viele
       Personen und Gruppen zusammen. Es gibt in Dresden jede Menge Gruppen, die
       es geschafft haben, Menschen zu aktivieren, Leute dazu zu bringen, sich für
       dieses Thema zu engagieren.
       
       ## Nachbarschaftsinitiativen sind sehr bedeutsam
       
       Ich glaube, dass die Vernetzung auf diesen vielen kleinen Ebenen sehr
       wichtig ist: Nachbarschaftsarbeit hat große Bedeutung, man muss sich im
       Viertel zusammentun und gemeinsam die politische Arbeit organisieren, ob
       das nun die Solidarität mit den Geflüchteten ist oder in anderen Bereichen.
       Es geht auch darum, soziale Räume zu schaffen, in denen die Menschen
       zusammenkommen und auch mal gemeinsam miteinander Zeit verbringen können.
       Damit nicht nur immer über die Geflüchteten geredet wird, sondern auch mit
       ihnen. Wir haben Kontakte zu verschiedenen selbst organisierten
       Flüchtlingsgruppen, Kontakte, die im Laufe der Zeit entstanden sind, auch
       auf persönlicher Ebene, auf Freundschaftsebene. Das hat sich eigentlich
       sehr gut entwickelt.
       
       Wie es mit uns, mit dem Kochprojekt ‚Black Wok‘, weitergehen soll, ist
       momentan allerdings etwas unklar. Viele von unserem Kollektiv, die seit
       Langem das Material von ‚Black Wok‘ verwalten, die Aktionen planen und
       kochen, haben kaum noch Kapazitäten. Es wird demnächst ein Treffen geben,
       auf dem wir uns mit diesen Fragen beschäftigen müssen. Mehr kann ich nicht
       sagen.“
       
       25 Apr 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Goettle
       
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