# taz.de -- Zum Beten bitte die Grünflächen nutzen!
       
       > Religion Die TU Berlin schließt zwei Gebets-räume für Muslime, weil sie
       > Religion für Privatsache hält. Ein Blick an die Berliner Universitäten
       > zeigt, dass sie Religionen nicht unbedingt gleichstellen. Auf der Suche
       > nach gläubigen Studierenden
       
 (IMG) Bild: Findet die Andachten, die an seiner Fakultät gehalten werden, sinnvoll: Christoph Markschies, HU-Professor für Kirchengeschichte
       
       Von Ralf Pauli
       
       Sami Atris ist froh, auf der Toilette niemandem zu begegnen. Mehrfach
       musste er in dieser Woche erklären, warum er seine Füße nicht zu Hause,
       sondern im Waschbecken einer Unitoilette wäscht. Doch an diesem
       Freitagmittag halten sich wenige Studierende im zweiten Stock des
       Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin auf. Das neue Semester hat
       noch nicht begonnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der muslimische Student
       jemanden durch sein Gebet stören könnte, scheint gering. Vorerst.
       
       Sami Atris krempelt die Ärmel seines grauen Pullis hoch, zieht die Socken
       aus und legt sie auf die kalten Fliesen. Dann reinigt der 27-Jährige Füße,
       Hände, Gesicht und Kopf und schlüpft zurück in Socken und Schuhe. Er ist
       bereit für das Mittagsgebet.
       
       Es ist die erste Woche, in der Atris und andere muslimische Studierende
       nicht mehr an ihrem angestammten Ort beten können. Die beiden Räume, die
       die TU Muslimen seit 1964 dafür zur Verfügung stellte, blieben erstmals
       verschlossen. Was die TU damals dazu veranlasste, Muslimen einen Gebetsraum
       und eine Turnhalle für das Freitagsgebet zu überlassen, kann sie heute
       nicht mehr rekonstruieren. Vielleicht war es eine Geste gegenüber Türken,
       denen der Arbeitskräftemangel in Deutschland zu einem Ingenieurstudium an
       der TU verhalf. Heute gibt es fünf verschiedene muslimische
       Hochschulgruppen an der TU, auch eine syrische und eine jemenitische. Viele
       der eingeschriebenen Muslime sind aber Deutsche. Dass die Hochschule ihnen
       ohne Vorankündigung den Gebetsraum weggenommen hat, ist für sie ein Schock.
       Gerade in Zeiten von AfD und brennenden Asylbewerberheimen. „Wir fühlen uns
       nicht mehr willkommen“, sagt Sami Atris, Sohn einer Deutschen und eines
       Libanesen und gebürtiger Berliner.
       
       Die dreisprachige Notiz des Präsidenten hängt noch an der verschlossenen
       Tür, als Atris vor dem Gebetsraum seine Jacke auslegt und mit dem Gebet
       beginnt. Hinter der Tür gäbe es Gebetsteppiche, einen separaten Waschraum.
       Warum sich Atris draußen behelfen soll, macht der Aushang nicht klar. Nur,
       dass der Raum ab dem 14. März verschlossen bleibt. Seit Februar hängt die
       Notiz. Den Grund für die Schließung erfahren die Studierenden erst gut zwei
       Wochen später, als sich die Nachfragen bei der Hochschulleitung häuften.
       Religion sei Privatsache, erklärt sie dann. Die Informationspolitik der TU,
       sie ist ein Grund, warum sich die Wiese hinter dem TU-Hauptgebäude an
       diesem nasskalten Freitag im März noch in eine Freiluftmoschee verwandeln
       wird.
       
       Die Schließung der Gebetsräume an der TU betrifft jedoch nicht nur Muslime.
       Sie wirft die grundsätzliche Frage auf, wie Hochschulen mit
       MitarbeiterInnen und Studierenden umgehen, die ihren Glauben auch auf dem
       Campus leben wollen. Wo darf und wo sollte eine Hochschule religiöse Praxis
       fördern, wo unterbinden? Muss sie gar die Möglichkeit dazu schaffen, um
       niemanden aufgrund seines Glaubens zu benachteiligen?
       
       Laut Grundgesetz gilt die Religionsfreiheit: Niemand darf an der Ausübung
       gehindert werden – sofern er andere damit nicht stört. Der Staat wiederum
       fördert anerkannte Religionsgemeinschaften, indem er etwa ihre Sozialarbeit
       mitfinanziert oder dafür sorgt, dass an Hochschulen Theologen und
       neuerdings wie in Münster oder Tübingen auch Imame ausgebildet werden. Doch
       muss eine staatliche Hochschule auch Gebetsräume zur Verfügung stellen?
       Zumindest für gläubige Muslime, die fünfmal am Tag beten und sich – im
       Vergleich zu Christen oder Juden – für das Gebet mehrmals auf dem Boden
       beugen müssen? Darüber gehen die Meinungen auseinander.
       
       ## Zur Neutralität verpflichtet
       
       Die TU verneint. Als öffentlich finanzierte staatliche Einrichtung ist sie,
       informiert sie auf der Hochschulwebsite, in Glaubens- und Religionsfragen
       zur Neutralität verpflichtet. Und zur klaren Trennung von Staat und
       Religion. Aus diesem Grund werde man künftig keine Räumlichkeiten mehr für
       die aktive Religionsausübung zur Verfügung stellen. Warum die Hochschule
       plötzlich – nach Jahrzehnten der religiösen Praxis auf dem Campus – diese
       laizistische Haltung vertritt, hängt mit Präsident Christian Thomsen
       zusammen. Schon 2014 hätte er gerne den Gebetsraum geschlossen. Doch dann
       kam Pegida. Ein falsches Signal. Die TU nahm Abstand von dem Vorhaben.
       
       Die TU ist auch die einzige der drei großen Berliner Universitäten, die
       kein theologisches oder religionswissenschaftliches Studium anbietet.
       Spielt das möglicherweise eine Rolle?
       
       Wer mit Theologieprofessoren der Freien Universität (FU) und der
       Humboldt-Universität (HU) spricht, hört Ähnliches wie vom TU-Präsidenten:
       Die Unis wollen in Bezug auf Konfession, Religion und Glaubensrichtung
       neutral sein. Deshalb stellen sie keine Gebetsräume zur Verfügung, auch
       nicht für Theologiestudenten. Das ist die offizielle Version. Bei genauerem
       Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die Hochschulen die unterschiedlichen
       Religionen nicht unbedingt gleich behandeln.
       
       Eine Tatsache, die Heike Steller-Gül von der Evangelischen
       Studierendengemeinde (ESG) entgegenkommt. Die Pfarrerin berät einmal die
       Woche Studierende der HU. Auf ausdrücklichen Wunsch der Theologischen
       Fakultät, wie sie sagt. Als Büro darf sie einen Raum der
       Studienfachberatung nutzen. Und das, wundert sich die Pfarrerin, obwohl die
       ESG keine Hochschulgruppe der HU ist. „Bei anderen Universitäten sind wir
       schon mal vom Campus geflogen, weil wir Werbung im Namen der Kirche gemacht
       haben.“ Bei der HU seien sie jedoch immer willkommen: während der
       Orientierungswoche für Erstsemester im Herbst oder beim feierlichen
       Semesterauftakt der Fakultät. Einmal im Semester darf ein Pfarrer der ESG
       auch den „Universitätsgottesdienst“ halten, der monatlich in der
       Sophienkirche in Berlin-Mitte stattfindet.
       
       ## Uniprediger an der HU
       
       Die Universitätsgottesdienste leitet ein Theologe der Humboldt-Universität.
       Das Amt des „Universitätspredigers“, das er innehat, existiert auf Wunsch
       der Evangelischen Landeskirche. So steht es in dem Staatskirchenvertrag,
       den sie 2006 mit dem Berliner Senat geschlossen hat (siehe Kasten). Die
       Hochschule sieht in den Gottesdiensten keinen Widerspruch zu ihrer
       weltanschaulichen Neutralität. Der Gottesdienst finde schließlich nicht in
       Räumen der Universität statt, argumentiert Pressesprecher Hans-Christoph
       Keller. Unterstützen tut die Uni die christlichen Messen dennoch:
       Vergangenes Jahr stiftete die HU 5.000 Euro, weil in der neuen Gemeinde die
       Organistin fehlte.
       
       Die Widersprüchlichkeit, mit der die HU das Thema Religion behandelt,
       sticht ins Auge, wenn man das Foyer der Theologischen Fakultät betritt. Am
       Schwarzen Brett hängt ein blaues Plakat. Darauf leuchtet eine als Sonne
       stilisierte Bibel. „StuRa-Andacht jeden Mittwoch, Raum 108“, steht auf dem
       Plakat. Die Andacht des Studierendenrates der Fakultät ist nicht das
       einzige religiöse Angebot im Gebäude, bestätigt Jule. Die 24-Jährige macht
       an der Theologischen Fakultät ihren Master. Am Schwarzen Brett hingen
       regelmäßig Einladungen zu Andachten. Ein Angebot der Dozenten an die
       Studierenden. Christoph Markschies, Professor für Kirchengeschichte,
       erklärt das Angebot mit der Ausbildung an der Fakultät. Am Lehrstuhl für
       Praktische Theologie würden auch Prediger ausgebildet. Sie müssen also auch
       lernen, eine Andacht zu halten. Markschies selbst hat erst an Ostern im
       Berliner Dom eine Messe gehalten. Er ist wie viele Dozenten an seiner
       Fakultät auch ordinierter Kirchenvertreter.
       
       Auch hier sieht die HU die Neutralität nicht verletzt: Es gehöre zur
       persönlichen Freiheit von Studierenden, sich zu gemeinsamen Andachten zu
       treffen. Die Universität stelle dafür jedoch keine gesonderten Räume zur
       Verfügung.
       
       Religionsstudentin Jule fände es besser, wenn es einen neutralen Ort der
       Stille gäbe, „wo sich Atheisten und Gläubige gleichermaßen zurückziehen
       können“. So einen Raum gibt es weder an HU noch FU, noch TU. Wer auf dem
       Campus beten will, muss sich arrangieren. Für Yunus Güllu ist das Routine.
       
       Der 19-Jährige studiert an der FU Politikwissenschaft und Publizistik. Zum
       Beten zieht er sich in das Untergeschoss der Osteuropabibliothek zurück.
       „Hier ist fast nie jemand“, sagt Güllü, ein kleiner, zarter Mann, und biegt
       in die hinterste Reihe der Bibliothek ein. Zwischen einem Regal voller
       ethnologischer Bücher und einem grauen Aktenschrank breitet der Muslim
       seinen Gebetsteppich aus, eine blaue dünne Decke von Turkish Airlines.
       „Mein Vater arbeitet da“, sagt Güllü entschuldigend.
       
       Bevor Güllü die oft menschenleere Osteuropabibliothek entdeckte, ging er zu
       einem der „inoffiziellen“ Gebetsräume, wie Güllü sie nennt. Jeder Muslim an
       der FU kennt sie, behauptet er. Die älteren teilen den jüngeren die besten
       Plätze mit. Einer von ihnen liegt mitten im FU-Hauptgebäude in Dahlem. Wer
       hier das Treppenhaus ins Untergeschoss hinabsteigt, stößt auf eine Nische
       mit kahlen Wänden. Auf dem Boden sind rote Farbkleckse. „Hier benötigt man
       definitiv einen Gebetsteppich“, sagt Güllü. Zwei Personen haben unter der
       Treppe Platz, geschützt vor irritierten Blicken der KommilitonInnen. In der
       Vorlesungszeit stehen Muslime hier schon mal Schlange.
       
       Auch die FU beteuert, keine Religion zu bevorteilen – auch nicht die
       Christen, die am Seminar für Katholische Theologie studieren. Ein
       Professor, der dort lehrt, sagt: „Weder gibt es bei uns einen Gebetsraum,
       noch bieten wir Andachten an.“ Tatsächlich finden sich an der FU keine
       Hinweise, dass es anders wäre. Vielleicht weil dort keine Theologen
       ausgebildet werden. Während an der HU viele Prediger lehren, sind es an der
       FU Religionswissenschaftler.
       
       Was allen Hochschulen gemein ist: Sie verbieten das Beten auf dem Campus
       nicht. Genauso wenig, wie sie Musliminnen das Tragen des Kopftuches
       verbieten. Publizistikstudent Güllü ist dafür dankbar. Zweimal, sagt er,
       habe ihn schon ein Hausmeister oder eine Bibliothekarin beim Gebet
       überrascht. Ohne Folgen. Einen muslimischen Gebetsraum wünscht er sich
       trotzdem nicht. „Dann bräuchten die anderen Religionen auch einen. Einen
       gemeinsamen Begegnungsort fände ich besser.“
       
       An der TU hingegen wollen die Muslime und Musliminnen nur ihren Raum
       zurück. Der Protest gegen die Schließung der Gebetsräume formiert sich auf
       dem Rasen hinter dem TU-Hauptgebäude. Rund 60 junge Männer haben sich
       eingefunden, um das erste Freitagsgebet nach der Schließung der Turnhalle
       abzuhalten, im Freien. Auch Sami Atris ist gekommen.
       
       ## Gründe des TU-Präsidenten
       
       Die Proteste organisiert hat Dawud Ansari, ein elegant gekleideter Mann mit
       Siegelring und grünen Augen. Ansari ist der Sprecher der fünf muslimischen
       Hochschulgruppen und Student am Institut für Energietechnik. Die Muslime
       fühlten sich nicht ernst genommen, sagt Ansari. Über die Medien hätten sie
       von den wahren Gründen der Schließung erfahren müssen. Tatsächlich sagte
       TU-Präsident Thomsen in der Zeit, es habe Bedenken „hinsichtlich
       Versammlungsrecht und Brandschutz“ gegeben. Gegenüber seinen Studierenden
       betonte er die Neutralitätsverpflichtung und empfahl, von den Angeboten der
       umliegenden Moscheen Gebrauch zu machen. Die nächstgelegene am Spandauer
       Damm ist drei Kilometer entfernt. Wer zum Beten dorthin fährt, verpasst
       eine Vorlesung. Für gläubige Studierende ein Dilemma, sagt Ansari: „Wir
       müssen uns zwischen Religion und Studium entscheiden“.
       
       Mit dieser Befürchtung ist Ansari nicht allein. 575 muslimische Studierende
       unterzeichneten binnen einer Woche den Protestbrief an den Präsidenten. Die
       Schließung der Gebetsräume verhindere, schreiben sie, dass sie ihren
       studentischen Pflichten nachkommen können. „Wenn sich geschätzt 2.000
       Muslime mehrmals am Tag auf Campustoiletten waschen und auf den Gängen
       beten“, sagt Ansari, „behindert das nicht nur den Studienbetrieb, sondern
       schürt auch Konflikte mit anderen Studierenden.“
       
       Ein Konfliktpotenzial, das die TU offenbar nicht sieht. In dem Antwortbrief
       an die Muslime verspricht TU-Präsident Thomsen: „Die Studierenden, die
       ihrer Religion folgen wollen, können dies individuell tun.“ Die Orte, an
       denen sie dabei sicher niemand stören, müssen sich die Studierenden jetzt
       suchen.
       
       2 Apr 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Pauli
       
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