# taz.de -- Indien Drei Jahre ist die Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi her. Das hat Indien verändert. Gewalt in der Familie aber bleibt normal. Drei Frauen erzählen ihre Geschichte: Und sie wehren sich
       
       > mal in der Stunde, also alle zwanzig Minuten, wird in Indien eine Frau
       > vergewaltigt oder missbraucht
       
 (IMG) Bild: Eine Frauenhändlerin verkaufte Amila nach Rajasthan. Sie hat fünf Kinder – und will keine mehr bekommen, obwohl ihr Mann sie auch deswegen schlägt
       
       Von Katharina Finke (Text) und David Weyand (Fotos)
       
       Die Hand, die sie mir reicht, ist groß und kräftig. Ganz anders als die
       weichen Gesichtszüge. Ich treffe Amila in einem leer stehenden Gebäude in
       Alwar in der Provinz Rajasthan im Nordwesten Indiens. Die Fassade bröckelt,
       die Steinwände sind zerstört. Drinnen wartet sie, komplett in einen
       rosafarbenen Stoff mit Blütenmuster eingehüllt. Amila ist mit ihrem
       Vergewaltiger verheiratet.
       
       Sie lächelt, schaut mich mit großen braunen Augen eindringlich an und zieht
       ein paar blonde Strähnen unter dem Kopftuch hervor, das ich für die
       Begegnung trage. Wir setzen uns auf das rostige Bettgestell zu ihren beiden
       Töchtern. Nachdem wir lange Zeit geredet haben, zieht Amila den rosa Stoff
       hoch und zeigt ihre vernarbten Beine. Die 24-Jährige sagt: „Das möchte ich
       nie wieder erleben!“
       
       Es war schwierig, die junge Muslimin zu treffen. Das Schweigen über Gewalt
       gegen Frauen in Indien ist beharrlich, selbst drei Jahre nach der brutalen
       Gruppenvergewaltigung in der Hauptstadt Neu-Delhi. Der Fall sorgte weltweit
       für Schlagzeilen und zeigte doch nur die Spitze des Eisbergs.
       
       Laut den Vereinten Nationen ist Indien für Frauen nach Afghanistan das
       zweitgefährlichste Land der Welt. Sexuelle Gewalt ist alltäglich, egal zu
       welcher Kaste eine Frau gehört, egal, ob sie Muslimin ist, Hinduistin oder
       Christin. Oder aus welcher Region oder Schicht sie kommt. Ich will von
       diesen Schicksalen erfahren. Ich treffe auf Amila, die Muslimin auf dem
       Land, auf Kala, die Christin in Tamil Nadu, und auf Maya, die
       Schauspielerin in Mumbai. Ihre Namen sind geändert, auch die Orte, an denen
       sie leben.
       
       Ihre Geschichten sind unterschiedlich, doch am Ende irgendwie gleich.
       
       Es ist ein junger Mann, der mich zu Amila bringt. Ich habe Raj zum ersten
       Mal in Neu-Delhi getroffen. Er kommt aus Bihar, einem Staat im Osten des
       Landes. Als er mitbekam, wie Mädchen aus seiner Heimat als Bräute in den
       Nordwesten verschleppt werden, reiste er hinterher.
       
       Seine kleine Hilfsorganisation kümmert sich um ein paar Dutzend Paros, wie
       auf Hindi die Frauen genannt werden, die unter dem Schutzmantel der Ehe
       verkauft und als Arbeits- und Sexsklavinnen missbraucht werden. Raj und
       seine Helfer treffen sich mit den Frauen, geben ihnen Geld und versuchen
       die Not, in der viele von ihnen stecken, irgendwie zu lindern. Die
       Ehemänner, die ihre Frauen kaum aus den Augen lassen, dürfen von alldem
       nichts mitbekommen. Deswegen haben sich Rajs Leute Vorwände und Legenden
       zurechtgelegt, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie ablenken zu können.
       
       Der Mann Ende zwanzig, dem die Kleider sackartig am schmächtigen Körper
       hängen und der jetzt aus der Auto-Rikscha steigt, führt eine kleine
       Undercover-Truppe.
       
       Amila ist eine Paro, eine von Rajs Schützlingen. Ein Treffen in ihrem
       kleinen Dorf ist unmöglich, dort leben nur wenige Familien. Sie ist mit
       ihrem Mann Akthar und den fünf Kindern nach Alwar, in die nächste Stadt,
       gereist. Es ist Markttag.
       
       Alwar ist eine Stadt wie viele an den Ausläufern der Wüste Thar. Der Staub
       hüllt die Straßen ein, es stinkt nach verbranntem Müll und den Abgasen der
       hupenden Motor-Rikschas, die sich ständig den Weg versperren. Es sind nur
       ein paar Schritte durch den Basar, vorbei an Ständen voller Chips mit
       Masala-Geschmack und Haufen aus Handyladekabeln. Ein Mann streift mich grob
       an der Schulter, würdigt mich aber keines Blickes. „Das ist Akthar, Amilas
       Mann“, sagt Raj leise. „Meine Kollegen lotsen ihn gerade weg.“
       
       Wenige Minuten später sitze ich auf dem rostigen Bettgestell. Amilas rote
       und goldfarbene Plastikarmreifen klimpern, während sie erzählt: „Da, wo ich
       herkomme, ist alles tausendmal schöner als hier.“
       
       Als sie neun Jahre alt ist, muss Amila ihre Heimat Assam, östlich von
       Bangladesch, verlassen. Moti nennt Amila die Frau aus dem Nachbardorf, die
       auf einmal auftaucht und sich mit der Familie anfreundet. Sie überzeugt
       Amilas Mutter, dass ein Ausflug ins fast 2.000 Kilometer entfernte
       Neu-Delhi dem Mädchen guttun würde. Sie könnte dort ihren künftigen Ehemann
       kennenlernen. Die kleine Amila locken sie mit der Aussicht auf die
       Sehenswürdigkeiten. Von Neu-Delhi, sagt sie, „habe ich bis heute nicht mehr
       gesehen als den Bahnhof“.
       
       Die Frau, die zu Hause noch respektvoll „Aunty“ hieß, entpuppt sich als
       Frauenhändlerin. Moti, wie Amila sagt, ist in Indien eine abschätzige
       Bezeichnung für dicke Frauen. Sie bringt das Mädchen von Neu-Delhi weiter
       nach Rajasthan. Amila muss auf den Feldern arbeiten, Gras schneiden und
       Weizen ernten. Zur Schule darf sie nicht. „Ich war völlig verzweifelt“,
       erzählt Amila, „ich musste viel weinen.“ Für die kleinste Träne bekommt sie
       Prügel, so hart, wie sie sie nie mehr erleben wird.
       
       ## Wo eine Frau weniger als eine Kuh kostet
       
       Nach zwei Jahren sucht Moti einen Mann für Amila. Sie wird mit einem viel
       älteren Witwer handelseinig. Amila läuft nach ein paar Tagen von ihm weg.
       Weil sie nicht weiß, wo sie hinsoll, kehrt sie zu der Frauenhändlerin
       zurück.
       
       Es gibt schon bald einen neuen Mann für sie: den etwa zehn Jahre älteren
       Akthar. Amila ist jetzt elf, die Hochzeit findet ohne sie statt. Das ist in
       der Gegend unter Muslimen üblich. Es reicht das Eheversprechen des Mannes
       vor männlichen Trauzeugen. Als Akthar von der Zeremonie zurückkommt,
       vergewaltigt er Amila das erste Mal.
       
       Ein Jahr später bringt sie ihr erstes Kind zur Welt. Was mit ihrem Körper
       geschieht, dass ihr Bauch trotz der anstrengenden Arbeit wächst: All das
       kann sie nicht verstehen. Als sie sich an die Geburt erinnert, steigen
       Amila das erste Mal Tränen in die Augen: „Danach musste ich sofort wieder
       aufs Feld.“
       
       Bollywood, Yoga und würziges Essen – das Bild Indiens wird im Westen von
       vielen Klischees beherrscht. Manche verbinden damit auch noch das
       Kamasutra, dieses uralte Lehrbuch der Liebeskunst, ein Klassiker aus den
       Zeiten der sexuellen Befreiung. „Im alten Indien“, kann man beispielsweise
       in Berlin in der Werbung für einen Tantrakurs lesen, „war es Sitte, den
       Mädchen und jungen Männern ein Liebeshandbuch wie das Kamasutra zu geben,
       um ihnen zu helfen, ihre Sexualität besser zu verstehen und sie auf das
       Liebesleben vorzubereiten.“
       
       Alles Folklore, längst ausgestorben. Die Diskriminierung der Frau hat in
       Indien uralte Tradition. Sex ist Tabuthema, das Kamasutra gilt seit
       Jahrhunderten nicht mehr. Fast jede Frau wurde dort schon einmal beleidigt,
       angegriffen oder sexuell belästigt. Laut Studien findet der Großteil der
       Vergewaltigungen, etwa 98 Prozent, im häuslichen Umfeld statt. Täter sind
       Ehemänner, Väter, Onkel.
       
       Kala ist 13. Sie lebt seit einem Jahr in einem Mädchenhaus in Tamil Nadu im
       südlichen Indien, nicht weit von ihrer Familie entfernt. Sie hat schwarze
       kurze Haare, Jeans und einen Kapuzenpulli an, als ich sie besuche.
       Mathematik ist ihr Lieblingsfach. Und weil sie gut mit Zahlen ist, weiß sie
       auch, dass „drei Prozent der Bevölkerung Christen sind.“ So wie sie.
       
       Das Mädchenheim ist eines von ganz wenigen in Indien. Es gibt auch
       staatliche, aber die haben den Ruf von Opferheimen. Wer darin lebt, ist
       stigmatisiert. Kala sagt deswegen, wenn sie gefragt wird, sie wohne in
       einem Internat. Sie teilt sich mit zehn Mädchen den Schlafsaal im obersten
       Stock eines unscheinbaren Hauses in Chennai.
       
       Kala wurde von ihrem Onkel beim Nachhilfeunterricht betatscht und von ihrem
       Vater sexuell missbraucht. Sie lief weg und hatte Glück, irgendwann kam sie
       in dem Mädchenheim an. „Ich hasse meine Mutter“, sagt sie wütend, als sie
       von ihrer Flucht erzählt. „Ich habe ihr gesagt, was mein Vater mit mir
       gemacht hat, und sie wollte nichts unternehmen.“
       
       Kala kann im Heim bleiben, bis sie volljährig ist und die Schule beendet
       hat. Sie geht auf eine christliche Schule, Essen gibt es reichlich,
       regelmäßig kommen eine Ärztin und Therapeutinnen vorbei. Alles keine
       Selbstverständlichkeit in den Familien, sagt mir die Heimleiterin. „Mädchen
       bekommen dort oft weniger Essen und Bildung, um ihre Gesundheit kümmert
       sich kaum jemand.“
       
       „Am liebsten würde ich Ingenieurin werden“, träumt Kala, dafür betet sie
       jeden Tag. Doch wie ihre Zukunft aussieht, ist unsicher. „Ich hoffe, dass
       sie an einen guten Mann gerät, wenn ich sie später hier entlasse“, sagt die
       Heimleiterin.
       
       In manchen Gegenden Indiens kostet eine Frau weniger als eine Kuh. Für eine
       Paro wie Amila, erklärt Raj, verlangen die Frauenhändler etwa 10.000
       indische Rupien, umgerechnet rund 145 Euro, genauso viel wie für eine
       Saisonkraft. Eine Kuh, die auf dem Land oft noch den Traktor ersetzt und
       den Indern ohnehin heilig ist, ist teurer. Viele Eltern sehen die Geburt
       einer Tochter als Unglück an, sie macht aus ihrer Sicht nur Unkosten. Der
       Brauch verlangt, dass die Familie der Braut bei der Hochzeit eine teils
       horrende Mitgift zahlt. Obwohl sie schon seit Jahrzehnten verboten ist,
       lässt sich diese Tradition kaum ausmerzen. Die Familie der Braut würde ihr
       Gesicht verlieren, wenn sie sich weigerte zu zahlen.
       
       Viele weibliche Säuglinge müssen deshalb sterben. Auf dem Land bringen
       Eltern ihre Töchter direkt nach der Geburt um. Im Nordwesten Indiens wurde
       laut UN-Angaben so ein Viertel der weiblichen Bevölkerung ausgerottet. In
       den Städten, wo die Mittel- und Oberschicht zu Hause ist, dienen moderne
       Ultraschallgeräte vor allem dazu, das Geschlecht des Kindes festzustellen.
       Täglich werden 7.000 weibliche Föten abgetrieben. Das ist illegal, die
       Gesetze dagegen wurden vor Kurzem sogar verschärft. Es kann nicht
       verhindern: Je besser die Technologie, desto weniger Mädchen werden
       geboren. Auch Fortschritt, Bildung und Wohlstand sind also keine Garanten
       gegen Diskriminierung. Inzwischen führt der Mädchenmangel dazu, dass sich
       Männer Frauen aus anderen Bundesstaaten kaufen.
       
       Verallgemeinern lässt sich in Indien schwer etwas, dafür ist das Land zu
       komplex und von vielen Kontrasten geprägt. In Mumbai fahren mehr BMWs als
       in München, sogar relativ zur Anzahl der Einwohner. In den Slums haben die
       Menschen aber noch nicht mal eine Toilette, geschweige denn sauberes
       Wasser. Der Subkontinent steht für Hochtechnologie und Callcenter, aber
       weniger als fünf Prozent der Bevölkerung haben Zugang zum Internet. Und
       doch gibt es eine Konstante: das patriarchalische Weltbild und die
       alltägliche sexuelle Gewalt.
       
       ## Sexualkunde an den Schulen? Nicht mit Modi
       
       Ich treffe Maya in einem Theatercafé in Juhu, im Nordwesten von Mumbai. Der
       Stadtteil wurde schon Mal das „Beverly Hills von Bollywood“ genannt. Maya
       ist Mitte 30 und Schauspielerin. Sie trägt eine pinke körperbetonte Kurta,
       hohe Schuhe und zwischen den Augenbrauen ein Bindi. Der kleine rote Punkt
       ist bei den Hindu-Frauen ein Zeichen dafür, dass sie verheiratet sind.
       „Aber ich hoffe, nicht mehr lange“, sagt Maya und nippt an ihrem
       Cappuccino. Sie will sich scheiden lassen.
       
       Auch Maya wird von ihrem Mann misshandelt. Seit über zehn Jahren ist sie
       mit ihm verheiratet. Sie kommt aus einem liberalen Haushalt. Ihre Eltern
       sind Schauspieler. Schon mit 15 begann die Tochter am Theater zu arbeiten
       und zu reisen. Eine Aufführung in Paris, ein Vorsprechen in den USA, eine
       kleine Rolle in einem deutschen Film. Sie sah die große, weite Welt.
       
       Aber in ihrem Familien- und Freundeskreis wurden Ehen dennoch arrangiert.
       Einen Fremden zu heiraten, das wollte Maya, als sie volljährig wurde, auf
       gar keinen Fall. Sie willigte in die Ehe mit einem Freund ein, der bei
       ihren Eltern um ihre Hand angehalten hatte. „Am Anfang lief alles gut“,
       erzählt sie, „wir hatten eine schöne Zeit.“
       
       Es dauerte einige Jahre, bis Maya realisierte, dass auch in ihrer Ehe etwas
       nicht in Ordnung war. So richtig, als sie ans Theater zurückkehrte und
       begann, Frauen zu helfen, die zu Hause Gewalt erlebt hatten. Die Arbeit
       spiegelte ihr die eigene Realität. Welchen Unterschied gab es zwischen ihr
       und den Frauen, die sie in Workshops am Theater anleitete, Wut und Trauer
       herauszuschreien?
       
       Maya hatte inzwischen zwei Kinder bekommen, war ihrem Mann nach Kalkutta
       gefolgt, hatte sich seinem Verbot gebeugt und das Schauspielen gelassen.
       Jetzt erst realisierte sie, wie privilegiert sie aufgewachsen war. Ihr Mann
       war nicht mehr ihr Freund, er war ihr Feind geworden. Und er nötigte sie
       auch zum Sex. „Über zehn Jahre habe ich das mit mir machen lassen“, sagt
       Maya, „dann konnte ich den Missbrauch einfach nicht mehr ertragen.“
       
       Seit 2005 gibt es mit dem „Protection of Women from Domestic Violence Act“
       zwar ein Gesetz gegen häusliche Gewalt, sexuelle ist aber nicht
       eingeschlossen. Damit ist Indien die einzige Demokratie der Welt, in der
       Vergewaltigung in der Ehe keine Straftat ist. Nach der
       Gruppenvergewaltigung in Neu-Delhi wurde ein Komitee unter der Leitung des
       ehemaligen Obersten Richters J. S. Verma, ins Leben gerufen, um das
       Sexualstrafrecht zu verschärfen. Einige seiner Vorschläge wurden
       übernommen. Seitdem sind nicht mehr nur Vergewaltigungen strafbar, sondern
       auch psychische Misshandlungen wie Stalking, Voyeurismus und verbale
       Belästigung. Für Vergewaltigungen, deren Opfer dauerhaft ins Koma fällt
       oder stirbt, kann die Todesstrafe verhängt werden.
       
       Doch das Plädoyer des Verma-Komitees, Vergewaltigung in der Ehe unter
       Strafe zu stellen, lehnte die Regierung im Mai dieses Jahres ab. Ein
       solches Gesetz gefährde das Familiensystem und könne die Institution der
       Ehe zerstören. Im indischen Strafrecht heißt es weiter: „Der sexuelle
       Verkehr eines Mannes mit seiner eigenen Frau ist keine Vergewaltigung,
       sofern sie nicht jünger als 15 ist.“
       
       Seitdem der Hindu-Nationalist Narendra Modi als Premierminister im Amt ist,
       hat sich die Regierung wieder darauf verlegt, das Problem zu verharmlosen.
       Es gibt immer noch Minister, die es okay finden, wenn Frauen
       „versehentlich“ vergewaltigt werden. Indische Politiker weisen darauf hin,
       dass die Vergewaltigungsrate weit unter der westlicher Länder liegt,
       nämlich bei 2,7 Frauen pro 100.000 Einwohner, in Schweden dagegen bei 58,9.
       Sie lassen dabei unter den Tisch fallen, dass sich in Indien viel weniger
       Frauen trauen, zur Polizei zu gehen. Und Narendra Modi selbst propagiert
       zwar öffentlich „Null Toleranz“ bei Gewalt gegen Frauen, toleriert aber
       nach wie vor traditionelle Dorfgerichte (Panchayats), die Vergewaltigung
       noch immer als Strafe verhängen.
       
       Ähnlich absurd argumentiert das konservative Lager, wenn es um sexuelle
       Aufklärung geht. Männer beziehen ihr Wissen aus Pornos, die ein
       brutalisiertes Bild vermitteln. Für Frauen gehört es sich nicht, auch nur
       Fragen zu stellen. Viele Organisationen haben deshalb versucht, Modi zu
       überzeugen, Sexualkunde an den Schulen einzuführen. Je mehr über Sex
       gesprochen wird, desto früher würde er sich verbreiten, heißt es dagegen.
       Schon das Wort „Sex“ ist ein Tabu.
       
       Als das Kamasutra 1996 in Indien verfilmt wurde, eine Bollywood-Produktion,
       spielte die Filmcrew den staatlichen Zensoren den gesamten Dreh über ein
       anderes Skript vor. Als das echte an die Öffentlichkeit kam, durfte der
       Film nur stark gekürzt gezeigt werden. Auch im jüngsten James-Bond-Film
       ließ Modi alle Kussszenen herausschneiden. Paradox: Während auf der
       Leinwand wie in der Öffentlichkeit jedes Zeichen von Zärtlichkeit verboten
       ist, kommt kein Bollywood-Film ohne eine große Portion Liebe, Herzschmerz
       und knapp bekleideter Frauen aus, alles auf Grundlage des patriarchalischen
       Weltbildes. Junge Männer ahmen auf der Straße nach, was sie in den
       farbenfrohen Tanzfilmen sehen: Frauen müssen sich anstarren lassen, werden
       angetanzt und besungen, als Sexobjekt gejagt und angefasst.
       
       Frauenfeindliche Rollen wie die naive Schöne, solche Angebote lehnt Maya
       inzwischen ab. Abseits der Bühne ist auch sie Ziel von Übergriffen. „Ich
       treffe Vorkehrungen“, sagt sie. Ist es dunkel, fährt sie nur mit dem
       eigenen Auto. Geht das nicht, nutzt sie in Mumbai und in Neu-Delhi die
       Frauen-Wagen in den Zügen. Ist sie ansonsten in öffentlichen
       Verkehrsmitteln unterwegs, schützt sie Brüste und Genitalbereich, am besten
       mit den Händen oder der Tasche. „Das rate ich jeder Frau, die in Indien
       unterwegs ist.“
       
       Und doch hat sich seit 2013 etwas verändert. Die Anzeigen wegen sexueller
       Gewalt steigen kontinuierlich, und der Protest gegen die herrschende
       Sexualmoral und das Frauenbild wird lauter. Vor einem Jahr riefen
       Aktivistinnen im südindischen Kerala online dazu auf, sich öffentlich zu
       küssen. Obwohl es zu Festnahmen kam, breiteten sich die Kiss-ins über den
       ganzen Subkontinent aus, auch dank des Internets, die Proteste wurden nach
       dem Hashtag #kissoflove benannt.
       
       In diesem Jahr setzten die Frauen noch eins drauf. Sie riefen mit dem
       Slogan: Red alert – you have a napkin (Roter Alarm – Sie haben eine
       Einlage) dazu auf, blutige Binden an eine Fabrik für Einweghandschuhe zu
       senden. Alle 42 Frauen der Fabrik waren dort einer Leibesvisitation
       unterzogen und dann entlassen worden, nachdem auf einer Toilette eine
       gebrauchte Binde gefunden worden war. Menstruierende Frauen gelten laut
       radikalen Hinduisten als „unrein“ und werden an bestimmten Orten nicht
       geduldet. Das gilt nicht nur für Tempel, sondern auch für öffentliche
       Busse, aus denen sie manchmal einfach während der Fahrt rausgeworfen
       werden.
       
       Maya lebt noch immer bei ihrem Mann, aber arbeitet wieder als
       Schauspielerin. Sie schlafen nicht mehr in einem Zimmer. Ruhe hat sie
       nicht. Ihr Mann kontrolliert sie, ihren Computer, ihr Handy, alles. „Er hat
       mich anfangs fünfzigmal am Tag angerufen und ausgefragt“, sagt sie.
       
       Genau in dem Moment klingelt das Smartphone: ihr Mann. Genervt würgt sie
       ihn ab und nimmt noch einen Schluck von ihrem Cappuccino. Der kostet in
       Indien genauso viel wie hierzulande, nur dass ein Bruchteil der Inder das
       bezahlen kann. Ohne ihren Mann könnte Maya sich den Luxus auch nicht
       leisten. „Trotzdem will ich mich scheiden lassen“, sagt sie, „aber er will
       das einfach nicht verstehen.“
       
       „Kein Einzelfall“, sagt die Frauenrechtsanwältin Veena Gowda. „In Indien
       werden nur die wenigsten Ehen geschieden.“ Die Frauen müssten den Männern
       eindeutig schuldhaftes Verhalten nachweisen, was nahezu unmöglich sei. Eine
       Gütertrennung sieht das Familienrecht nicht vor. Frauen erhalten höchstens
       einen Unterhalt von etwa 170 Euro monatlich. Laut Gericht ist das für eine
       Frau genug, um in Indien zu leben.
       
       In Mumbai würde Maya damit gerade mal ein WG-Zimmer bekommen. Rechtlich
       gesehen verlieren Frauen in Indien durch die Heirat nicht nur ihren
       kompletten Besitz, sondern auch ihre Menschenwürde. „Denn die Ehe ist ein
       Sexvertrag, laut dem der Mann Geschlechtsverkehr einfordern kann, wie er
       will“, sagt Gowda, „auch wenn das bedeutet, dass es gegen den Willen der
       Frau und oder unter Anwendung von Gewalt passiert.“
       
       Was das heißt, spürt Amila jeden Tag. Harte körperliche Arbeit und Gewalt,
       meist auch sexuelle, sind ihr Alltag. Sie sagt, den Sex lässt sie einfach
       über sich ergehen. „Erotik“ und „Lust“ mit diesen Begriffen kann sie nichts
       anfangen. „Das werde ich sowieso nie erleben.“
       
       Aber sie will keine weiteren Kinder mehr bekommen. Fünf hat sie, das ist
       wenig, ihre beste Freundin beispielsweise, auch eine Paro, hat zwölf. Amila
       holt sich beim Regierungskrankenhaus umsonst „die Pille danach“. Die nimmt
       sie manchmal mehrmals die Woche, nach jeder Vergewaltigung. Nebenwirkungen
       wie Herzschmerzen, Bauchkrämpfe und Übelkeit nimmt sie in Kauf. Sie sind
       bei indischen Medikamenten meist stärker, weil die Arzneien gleichzeitig
       für den westlichen Markt getestet werden. Und sie lässt die Schläge ihres
       Mannes über sich ergehen, der wütend ist, dass sie nicht schwanger wird.
       
       Ihre größte Sorge ist, dass Akthar auch ihre Töchter vergewaltigt.
       „Manchmal reicht es mir aber“, sagt sie, „ich würde die Kinder am liebsten
       nehmen und weglaufen.“ Doch das geht nicht. In der näheren Umgebung würde
       Akthar sie finden. In anderen indischen Provinzen hätte Amila als
       alleinerziehende Frau mit fünf Kindern gar keine Chance.
       
       Sie hat Akthar abgerungen, dass sie auf dem Basar einkaufen, auch ohne ihn
       ihre Freundinnen treffen und mit ihren Töchtern in einem Zimmer schlafen
       darf. „Meine Freiheit konnten sie mir nehmen,“ sagt sie, „aber nicht den
       Mut.“
       
       Katharina Finke,30, ist freie Journalistin. Sie hat in den letzten vier
       Jahren Indien regelmäßig bereist. Eben ist ihr Buch „Mit dem Herzen einer
       Tigerin“ erschienen (Heyne, 256 Seiten, 9,90 €), das die Geschichte von
       Amila erzählt
       
       David Weyand,37, ist freier Fotojournalist und hat Katharina Finke bei den
       Recherchen begleitet
       
       19 Dec 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Finke
       
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