# taz.de -- Ein Gespräch im Reich der Toten
       
       > Ehrung Dankesrede zum Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie
       > für Sprache und Dichtung
       
 (IMG) Bild: Johann Heinrich Merck, 11. 4. 1741 bis 27. 6. 1791, Holzstich, o. J.
       
       von Gabriele Goettle
       
       Verehrtes Auditorium. Beim Herumgrübeln über Art und Inhalt meiner
       Dankesrede stieß ich auf Wielands „Briefe von Verstorbenen an hinterlassene
       Freunde“ und habe mich entschlossen, Johann Heinrich Merck selbst zu Wort
       kommen zu lassen, sozusagen im Reich der Toten ein Gespräch mit ihm zu
       wagen.
       
       Mein Ansuchen um eine Audienz bei Herrn Kriegsrath Merck wurde von ihm
       gütig aufgenommen. Hier meine Aufzeichnung:
       
       „Eine Geschichte wie die meinige ist bald erzählt. Ich will in der hier
       gebotenen Kürze gerne die Gelegenheit dazu ergreifen. Sie sehen mich
       allerdings belustigt darüber, dass Sie einen nach mir benannten
       Literaturpreis erhalten. Ich kann Ihnen versichern, ich selbst wäre für
       einen solchen Preis nie in Erwägung gezogen worden. Indes, es freut mich,
       dass die Nachwelt meinen Namen noch kennt.
       
       Davon war nicht auszugehen. Mein Leben war begleitet von der ständigen
       Bedrohung, in eine prekaire Existenz zu geraten. Längere Zeit war ich ohne
       Stelle, lebte vom Gelde der Mutter und von Übersetzungen. Ich musste eine
       Ehe eingehen und fand, zu meinem Glück oder Unglück, endlich eine
       Anstellung, in der ich aufsteigen konnte zum Kriegszahlmeister und
       schließlich bis zum wirklichen Kriegsrath. Aber ich war mit 500 bis 600
       Gulden per annum nichts als ein schlecht bezahlter subalterner Beamter in
       Fürstendiensten. Unter den hohen Herrschaften hielt ich mich ungern und nur
       von Berufs wegen auf. Viel lieber war ich ein Prosaist, leidenschaftlicher
       Briefschreiber, Verleger, Journalist, Recensent und Beiträger der
       wichtigsten Literaturzeitschriften. Vorübergehend ritt ich mit Goethen im
       kleinen Kreise das Steckenpferd der Empfindsamkeit. Gerne verfasste ich
       Essays zur Kunst und Literatur, war auch Kunsthändler für die Fürsten,
       schrieb Satiren, Erzählungen und Fabeln. Doch, obgleich ich mit der
       literarischen und künstlerischen Welt in enger Verbindung stand und so
       manche Fäden bey mir zusammengingen, blieb ich doch ohne gehörigen Erfolg.
       Meine Kunst war brotlos. Das alles hätte man ebenso gut gleich auf den
       Abtritt tragen können. Also habe ich Schluss gemacht mit der poetischen
       Trödelbude und bekam allmählich einen Ekel vor der Schriftstellerey.
       
       Noch mehr Ekel flößte mir der Hof ein, besonders unter dem alten
       Landgrafen. Die Parforcejagd habe ich verabscheut. Jahr um Jahr im
       Spätherbst sah man nichts als Prinzen, Livreen und große Jagden, wo mit 40
       Pferden ein armer einzelner Hirsch, von dem Kasten an, worin er eingesperrt
       war, bis 500 Schritt weit zu seinem Tode, mit großem Jubelgeschrey gejagt
       wurde. Mein junger Landgraf Ludwig IX. hat bei seinem Regierungsantritt
       zwar die Parforcejagd aufgehoben, den Marstall aufgelöst, den Stallmeister
       und fast die gesamte Dienerschaft entlassen, alle Pferde verkauft, ebenso
       die Hunde. Sogar Theater, Oper und die Folter wurden abgeschafft. Dafür
       aber ließ er einer anderen Passion freien Lauf, dem Spielen mit seinen
       Soldaten. Täglich komponierte er Militärmärsche, zu denen er seine Truppen
       in glanzvollen Paraden aufmarschieren ließ. Täglich musste sein
       Leibregiment in selbst ersonnenen Prachtuniformen exerzieren. Um
       Mitternacht marschierte eine Kompanie laut trommelnd durch die Stadt, so
       dass jeder Bürger aus dem Schlaf gerissen wurde. In Sichtweite meines
       Hauses ließ der Landgraf eine beheizbare Exercierhalle errichten. Die
       größte weithin. Sie verschlang 140.000 Gulden. Die hohen Militärausgaben –
       es waren wohlgemerkt Friedenszeiten – rissen regelmäßig ein Loch in meine
       Kriegskasse. Oft konnte ich nicht einmal die Besoldung ordentlich
       auszahlen.
       
       ## Die pure Nothdurft
       
       Um dieser Eintönigkeit zu entgehen, widmete ich mich in meinen späteren
       Jahren der Paläontologie, Mineralogie und Osteologie. Meine Trophäen waren
       nicht erjagt, ich habe sie gefunden im Boden und Gestein, besaß einige
       bemerkenswerte Fossilien, sogar ein versteinertes Krokodilskelett. Mein
       Haus glich bald einem Naturalienkabinett. Oft war meine Leidenschaft so
       groß, dass ich unter Hintansetzung von Frau und Kindern auf dem Schindanger
       Hirnkästen und Knochen vom Aase ausgrub und mir präpariert habe. Auch
       vergnügte ich mich mit dem Zeichnen, wo ich recht artige Ergebnisse
       erreichte. Besonders lieb und unentbehrlich aber wurde mir die
       Landwirtschaft. Um etwas mehr als die pure Nothdurft befriedigen zu können,
       mietete ich mir ein Gütchen in Arheilgen, eineinhalb Stunden von Darmstadt
       entfernt. Erdäpfel und Zuckererbsen zu pflanzen, meine Krauthäupter zu
       ernten unterm weiten blauen Himmel, war meine Errettung vom Stadtleben mit
       seinen Collegien, Kränzchen, Zirkeln. Ich empfand großen Respect vor der
       Vegetation, weil ich gewiss wusste, dass ich diesmal nicht ohne Frucht in
       der Welt arbeiten würde.
       
       Hingegen ist mein Experiment, vermögend zu werden mit einer Baumwollfabrik,
       schmählich durch Concurse gescheitert. Ich war eine verlorene Gestalt. Es
       ist leider nun nicht anders, als dass wir alle nur durchs Geld
       zusammenhängen. Mir fehlte aber der merkantile Sinn, das Talent zur
       Bereicherung. Überhaupt war mir ein erfolgreiches Verhältnis zur Welt nicht
       vergönnt, was mich recht bitter machte.
       
       Es gab zwei schmerzhafte Enttäuschungen in meinem Leben, die ich nie habe
       verwinden können: Den Fehltritt meiner Ehefrau mit anschließender
       Niederkunft eines Kindes, das nicht meines war. Und zum Zweiten, die
       Verwandlung Goethes von einem freien Geist in eine Exzellenz. Sturm und
       Drang, sage ich, aber nach dem Amte! Es ist mir unbegreiflich, wie ein
       Mensch sich so unähnlich werden kann! Ich hatte ihn sehr lieb gewonnen, war
       ihm gerne älterer Freund und Förderer. Dass ich „Clavigo“ und auch „Stella“
       einen Quark nannte, ließ er sich gefallen, auch dass ich seinen „Götz von
       Berlichingen“ auf meine Kosten habe drucken lassen. Aber meine Kritik am
       „Werther“ nahm er mir zeitlebens übel. Ich konnte indes nicht gutheißen,
       dass er in einem schnell hingeworfenen Text seine unselige Liebe zu
       Charlotte Buff sogleich verarbeitet und die Angebetete kalten Herzens
       kompromittiert hat. Der unmäßige Erfolg des „Werther“ fegte freilich alle
       Einwände hinweg. Mein geliebter Schulfreund Georg Christoph Lichtenberg
       sprach mir mit seinem Bajonettwitz aus dem Herzen. Er meinte: Die schönste
       Stelle im „Werther“ ist die, wo er den Hasenfuß erschießt.
       
       Goethen schrieb mir im Oktober 1775, dass er mit dem Herzog Carl August
       nach Weimar gehe, und er bat mich, wie so oft, ihm zehn Carolin zu leihen.
       Ein Carolin zu elf Gulden. Eine Summe, die ich nicht so leicht verschmerzen
       konnte, allein ich gab sie ihm. Am 7. November 1775 kam Goethe in Weimar
       an. Ich versichere Ihnen, es ist die volle Wahrheit: Er trug Werthers
       blauen Rock, gelbe Weste, weißes Hemd, gelbe Hose, den runden Filzhut und
       Stulpenstiefel. Und sofort wies der Herzog seine Schneiderei an, diese neue
       offizielle Hoftracht herzustellen. Ich war sehr verwundert, dass er sich
       damit begnügte, am Weimarer Hofe herumzuschranzen und zu scharwenzeln!
       Später ist unser Discourse abgebrochen. Bey seiner Ministerschafft ist er
       mir nur noch mit einer Trockenheit u. Kälte begegnet, als ob ich nicht ein
       alter Freund wäre, sondern ein subalterner Diener oder ein lästiger
       Supplicant. Meine Arbeit in Wielands Redaktion nannte er „dilettantischen
       Productionstrieb“.
       
       Als Carl August mich aus Darmstadt erlösen und in seine Dienste berufen
       wollte, legte Goethe sein Veto ein. Er schrieb mir mit kaltem Hochmuth:
       „Der Herzog hatte etliche Mal große Lust dich als Cammerrath nach Eisenach
       zu haben, aber ich sagte ihm, alte Bäume verpflanzen sich nicht gut. Leb
       wohl.“ Auch mit dem armen Lenz hat er ein übles Spiel getrieben und ihn
       über Nacht zum Teufel jagen lassen. Als seinen größten Verrat aber erachte
       ich den an der Aufklärung. 1783 votierte er kalten Herzens für die
       Vollstreckung des Todesurteils an der jungen Magd und Kindsmörderin Anna
       Catharina Höhn. Ungeachtet dessen, dass sein Fürst Carl August gewillt war,
       die Todesstrafe für Kindsmörderinnen abzuschaffen. Nach der Enthauptung
       schickte Goethe Kopf und Körper mit dem Schinderkarren nach Jena, an seinen
       Freund, den Anatomieprofessor Justus Christian Loder, der dort ein
       anatomisches Theater betrieb.
       
       ## Revolutionäres Paris
       
       Im Januar des Jahres 1791 hat mich mein Fürst ins revolutionäre Paris
       geschickt mit dem Auftrag, nach Bestrebungen einer Contre-Revolution
       Ausschau zu halten. Aber es gab keine. Ich habe an Wieland geschrieben,
       dass die Constitution steht. Das waren freilich schlechte Nachrichten für
       die Fürsten. Ich hingegen verspürte eine große Euphorie, alle Last und
       Melancholie ist von mir gewichen. Ich war genesen und sah vor mir, was der
       Mensch einmal zu werden vermag. An La Terreur war nicht zu denken. Im
       Februar 1791 kam ich ins erstarrte Darmstadt zurück und musste sehr bald
       erfahren, dass sich eine Koalition bildete unter dem Kaiser von Österreich,
       dass ein Contre-Revolutionärer Marsch auf Paris geplant war. Ich hätte als
       Kriegsrath mit marschieren müssen. All meine Euphorie, Freude und
       Zuversicht hat mich jammervoll verlassen. Ich konnte meiner tiefen
       Verzweiflung nicht mehr Herr werden. Am frühen Morgen des 27. Juni 1791
       verließ ich meine schlafende Familie, ritt auf meinem Braunen von Arheilgen
       nach Darmstadt, versorgte ihn, strich über seine Nüstern und erschoss mich
       sodann in meiner Kammer.
       
       Und nun, werthe Dame, wäre es überaus liebenswürdig, wenn Sie mir
       abschließend aus dem Sectionsprotokoll meines Freundes Dr. Reuling vorlesen
       würden.“
       
       Gern, also, die Obduktion dauerte von 11–1 Uhr und fand drei Tage nach
       Ihrem Tod in der Torstube Ihres Hauses statt. Ich zitiere:
       
       „[. . .] Nachdem die äußeren Bedeckungen abgenommen und die Brust mit der
       gehörigen Vorsicht geöffnet worden, fanden wir, dass der Schuss auf der
       2ten Rippe von oben herab in die Brust eingedrungen, dieße 2te Rippe dicht
       am Sterno abgeschossen und 2 Zoll lang ganz verschmettert ware. Die 4te
       Rippe ware 2 Zoll lang vom sterno entzwey gebrochen, und auf dießer, sowohl
       als auf der 5ten, ware ein starker blutunterlaufener Fleck. Die rechte
       Lunge ware zusammen gefallen, die linke Brust-Höhle aber ware voller dünnem
       und schwarzem Bluth, das stark roche. Der linke Lungenflügel ware fast
       gänzlich zerstört und wurde mit kleinen Stücken herausgenommen; Nachdem
       dieße und das ausgetretene Bluth herausgeschafft ware, so fanden wir das
       Herz und dessen Beutel, bis über die Mitte durch und durch aufgerissen; vom
       linken Herz-Ohr sahe man keine Spur mehr. Die großen Blutgefäße nebst dem
       Schlund waren gänzlich abgeschossen, und die Luft-Röhre ware entzwey. Durch
       die 8te Rippe, die zerschossen ware – dichte an der rechten Seite des
       Rückgrades – ginge der Schuss wieder heraus, und hier lage auch der
       Pfropfen vom Schuss, der aus Löschpapier gemacht ware und den ich wegen des
       großen Gestankes wegwarfe.
       
       Nachdem wir nun den Unterleib auch geöffnet hatten, so fanden wir den Magen
       etwas aufgetrieben, und er enthielte ein wenig Weiß-Brod. Die Leber ware
       größer als gewöhnlich, und der Große Leberlappen ware ganz verhärtet. In
       der Gallen-Blase ware nur wenige Galle. Das Milz ware aufgetrieben und
       dahere viel größer, als es im gesunden Zustand zu seyn pfleget, und ware
       überdießes gänzlich verhärtet; ebenso ware das Pankreas und die
       Gekrösedrüsen nicht zu ermitteln. Die übrigen Eingeweide waren gesund, und
       alle Blutgefäße waren leer. Daß diese Verwundung nun (die auf die
       Vermuthung eines gefallenen Schusses den 27ten morgens um 7 Uhr geschehen)
       absolute tödtlich geweßen, daran wird wohl niemand zweifeln. “
       
       Der Kriegsrath lächelt in sich hinein und sagt: „Den schlechten Schützen
       und den Hypochonder kann man mir nun nicht mehr nachsagen. Nehmen Sie
       meinen Dank entgegen. Leben Sie wohl. Gott erhalte Sie alle seelig,
       besonders bewahre er Ihr systema abdominale.“
       
       Und nun möchte ich noch eine Erklärung abgeben:
       
       Da ich kein Geld von einem Pharmakonzern behalten kann, werde ich mein
       Preisgeld an die unabhängige pharmakritische Initiative BUKO-Pharmakampagne
       in Bielefeld weiterreichen. Diese international vernetzte
       „Bundeskoordination“ bietet seit mehr als 30 Jahren den Pharmakonzernen
       durch Aufklärung und Aufdeckung von Missständen die Stirn.
       
       5 Nov 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Goettle
       
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