# taz.de -- KriegDie Hamas versucht, die Tunnel für den Schmuggel wieder aufzubauen. Ein Mädchen versucht, via YouTube Geige zu lernen. Und ein Familienvater möchte einfach nur duschen. Ein Besuch in Gaza, ein Jahr nach den letzten Bomben : Gazas dunkle Nacht
       
 (IMG) Bild: Leben im Schutt: Ende August, ein palästinensischer Junge springt am Hafen von Gaza ins Meer. Hinter ihm die zerbombte Stadt
       
       Von Francesca Borri
       
       Sinnlos ihm zu sagen, dass ich keine Muslimin bin. Ich bin nicht mal
       Palästinenserin. Und überhaupt, dass ich Typhus habe, und laut Koran das
       Ramadan-Fastenbrechen darf. Es hat keinen Zweck, ihm irgendetwas zu sagen,
       weil der Hamas-Polizist, der mich seit drei Stunden festhält, weil ich eine
       Wasserflasche in meiner Tasche habe, weder Uniform noch Abzeichen trägt.
       Ich weiß nur, dass er zur Hamas gehört, weil ich in Gaza bin. Es hat keinen
       Sinn, mit ihm zu reden und sich zu erklären: Er redet nicht. Er befiehlt.
       
       Am Ende sackt er 100 Dollar ein und vergibt mir meine Sünden. Dies ist die
       Hamas heute. Die palästinensische Terrororganisation betreibt
       Checkpoints, nur um dir mit einer Taschenlampe ins Gesicht zu leuchten und
       sich zu vergewissern, dass der Mann, der dich fährt, dein Vater oder dein
       Ehemann ist. Sie gehen auf Patrouille, um zu überprüfen, dass du dir
       keine Zigarette anmachst, kein Bier trinkst, während du im Fernsehen
       Fußball schaust.
       
       Sie haben ein Auge darauf, was du schreibst.
       
       ## Die Familie, die im zerbombten Haus weiterlebt
       
       Ein Jahr nach dem letzten Krieg besteht Gaza aus Hunger und Verzweiflung.
       Rund 140.000 Häuser wurden zerstört oder beschädigt. Erst 12.000 wurden
       wieder aufgebaut. Es gibt immer noch 100.000 Vertriebene. Bei diesem Tempo
       schätzen die Vereinten Nationen, dass es 30 Jahre dauern wird, bis Gaza
       wieder wie zuvor ist. Dass dann also 70 Prozent der Bevölkerung wieder
       unter dem Existenzminimum leben. 50 Tage lang bombardierte Israel den
       Gazastreifen vergangenes Jahr – 141 Quadratmeilen mit etwa 5.000 Menschen,
       Durchschnittsalter 15 Jahre – mit einer Masse an Sprengstoff, die in ihrer
       Gesamtheit der Hiroshima-Bombe gleicht.
       
       Die Überreste von Shejaiya, das am stärksten bombardierte Gebiet, werden
       mit Stofflumpen, Blech und Karton zusammengehalten. Jute. Holzplanken. Oder
       überhaupt nicht. Palästinenser leben weiterhin in diesen durch
       Artilleriebeschuss zerbrochenen Häusern. Du läufst vorbei, und anstelle von
       Fenstern und Türen siehst du Tische, Sofas, Kühlschränke: Du sieht das
       Innere der Wohnungen, Familien mit einem Glas Tee. So leben sie, auf diesen
       schrägen Böden, auf rissigen Fundamenten, im Schutt verstecken sich
       Blindgänger und Asbest. Die Decken über ihren Köpfen scheinen jeden Moment
       zusammenzubrechen.
       
       Wie zahllose andere sitzt Abu Nidal auf einem Teppich, ausgerollt auf Sand
       und Staub. Die Schuhe stehen ordentlich neben der fehlenden Tür. Er schaut
       aus einem Loch im Zement. Auf ein Kind, das vergebens versucht, aus einem
       Stück Papier einen Drachen zu basteln.
       
       Nach einem Jahr ist er zurückgekehrt. Er hatte hier bis zum Krieg mit
       seiner Frau und seinen Söhnen gelebt, zehn Menschen. Sie hatten die Ruine
       verlassen, er zahlte insgesamt 2.000 US-Dollar Miete, um für ein Jahr ein
       neues Haus zu mieten. Nun ist er pleite, hat keinen Cent mehr. Er lebt von
       Almosen, „nicht von Hilfszahlungen“, sagt er. „Ich habe mehr Journalisten
       als NGOs getroffen.“
       
       Seine Söhne sind Mechaniker. Ihre Werkstatt war im Erdgeschoss, jetzt hängt
       das, was davon übrig geblieben ist, in den Bäumen: ein Schutzblech, zwei
       Reifen, eine Batterie steckt zwischen Zweigen. Er sitzt hier den ganzen
       Tag, neben dieser Treppe, die ins Nirgendwo führt. „Sollen die Vereinten
       Nationen kommen und es ist niemand mehr da?“
       
       Und doch sieht man, spaziert man durch die Trümmer, immer wieder Gebäude,
       die frisch verputzt und gestrichen sind. Der einzige noch lebendige
       Wirtschaftssektor hier ist der Schwarzmarkt für Zement. Palästinenser haben
       Anrecht auf jeweils eine Tonne für 20 Schekel, das sind umgerechnet 5 Euro.
       Aber das reicht nicht, um alles zu reparieren, und der Zement wird schnell
       weiterverkauft, im Schnitt für 50 Euro pro Tonne. Es gibt Unterschiede in
       der Qualität: 1,1 Millionen Tonnen stammen aus Israel, aber die
       wertvollsten sind die 8.000, die aus Ägypten kamen, weil sie sich gut für
       den Tunnelbau eignen.
       
       Es gibt in Wirklichkeit keine Tunnel mehr. Sie wurden größtenteils von
       Ägypten zerstört und nicht von Israel. Das geschah noch vor dem Krieg,
       General al-Sisi, der neue Herrscher Ägyptens ist ein überzeugter Gegner der
       Islamisten. 90 Prozent der Tunnel sind dicht, und die Hamas ist in
       Schwierigkeiten: Schmuggel war ihre Haupteinnahmequelle. Wobei: „Schmuggel“
       ist das falsche Wort. Diese Wareneinfuhr wurde von einer
       Aufsichtskommission geregelt, mit einem komplexen System aus Gebühren.
       
       ## Der Fiat Panda, der fast 20.000 Euro kostet
       
       Es gab Hunderte Tunnel, manchmal direkt von der Hamas betrieben, manchmal
       durch Vertragspartner. Durch jeden wurden pro Monat Waren im Wert von
       100.000 Euro eingeschmuggelt. 70 Prozent von Gazas Budget nährte sich aus
       dem Import. Und nun hat die Hamas auch viele ihrer großzügigen Freunde aus
       dem Golf verloren. Sie konzentrieren sich mittlerweile auf andere
       Hotspots. Auf Syrien und den Irak. Und die Hamas hat angespannte
       Beziehungen zum Iran – ihrem Hauptunterstützer – wegen ihrer vorsichtigen
       Haltung gegenüber Baschar al-Assad. So kratzt sie zusammen, was sie kann,
       erhebt wieder Steuern.
       
       Denn Gaza ist in Wahrheit nur auf Papier abgeriegelt. Es gibt mittlerweile
       wieder fast alles. Sogar Nutella. Alles kommt aus Israel. Doch das
       bedeutet, dass nicht nur alles zu hohen Preisen – zu israelischen, nicht
       türkischen oder indischen Preisen – eingekauft wird. Sondern auch, dass auf
       alles dreifach Steuer erhoben wird: von Israel, von der palästinensischen
       Autonomiebehörde und von der Hamas.
       
       Theoretisch hat in Gaza seit einem Jahr wieder Ramallah das Sagen. Die
       Hamas akzeptierte das, weil sie kein Geld mehr hatte, um ihre 40.000
       Beamten zu bezahlen. Aber faktisch regiert sie weiterhin. Und es reicht
       nicht, dass Ramallah nun die Beamten bezahlt. Die Preise steigen. Die Hamas
       schlägt rund 10 Prozent auf die Nahrungsmittelpreise auf, 25 Prozent auf
       Autos, 100 Prozent auf Zigaretten.
       
       Ein Fiat Panda kostet in Gaza am Ende fast 20.000 Euro. Obwohl die
       Arbeitslosigkeit bei 43 Prozent liegt und das Durchschnittsgehalt 300 Euro
       beträgt.
       
       Und obwohl zwei Drittel der Palästinenser von humanitärer Hilfe leben.
       
       Hier gibt es beides: Jeeps mit getönten Scheiben und Esel.
       
       Die wahre Stärke der Hamas war in Wirklichkeit schon immer die Schwäche der
       Fatah, der Palästinenserpartei. Seit das Westjordanland sich für den Weg
       über die Vereinten Nationen entschieden hat, für Verhandlungen mit Israel,
       ist die Hamas mit ihren Raketen zum Markenzeichen des Widerstands geworden.
       Der Würde. Aber sie hat nichts als Tote und Schutt erreicht. Und drei
       Kriege später zweifelt niemand mehr daran, dass die Hamas Israels bester
       Verbündeter ist. Denn sie spielt Israel in die Hände.
       
       ## Die Hamas, die die Fatah fürchtet – und umgekehrt
       
       Ebaa Rezeq ist 31 Jahre alt, sie arbeitet als Feldforscherin für eine
       führende Menschenrechtsorganisation. „Die Hamas regiert nicht. Sie ist
       weder islamisch noch irgendetwas anderes. Wenn man beim Weintrinken
       erwischt wird, landet man für einen Monat im Gefängnis, oder sogar für
       sechs. Das variiert so, weil es hier keine Scharia gibt, es gilt überhaupt
       kein Gesetz hier, nur der Wille der Hamas. Es gibt nur eine Bande, die Geld
       mit der Belagerung macht – gestern mit Tunneln, heute mit Handel.
       
       Die Hamas behauptet, pleite zu sein und keinen Pfennig für ihre Beamten zu
       haben. Oder für den Wiederaufbau. Aber es ist kein Geheimnis: Der einzige
       Wiederaufbau, der sie interessiert, ist der der Tunnel. Und der ihres
       Waffenarsenals. Für Israel ist das perfekt. Ein, zwei Jahre, und es wird
       wieder alles bombardieren. Es wird alles wieder zerstören“, sagt Ebaa
       Rezeq. „Und alles wird von Neuem beginnen.“
       
       Der letzte Krieg endete mit der gleichen Vereinbarung wie der davor.
       
       Denn während die Aufmerksamkeit der Welt sich auf Gaza richtet, scheint
       Israels Aufmerksamkeit eher anderswo zu liegen. „Israel interessiert sich
       für das Westjordanland, nicht für den Gazastreifen“, sagt Mustafa Barghuti,
       einst einer der wichtigsten Unterhändler mit Israel. „Durch die
       Beseitigung von Gaza wäre es 1,8 Millionen Araber los. Und es könnte das
       Westjordanland annektieren, ohne seine jüdische Minderheit zu gefährden. In
       naher Zukunft werden wir, die Palästinenser, Siedler eines israelischen
       Westjordanlands sein.“ Barghuti vermittelt heute zwischen Hamas und Fatah.
       
       Der Legislativrat, das palästinensische Parlament, wurde seit 2007 nicht
       einberufen. Mahmud Abbas regiert im Grunde allein in seinem
       Präsidentenpalast. Sein Mandat ist 2010 ausgelaufen. Und alle sind sich
       einig: Nur Neuwahlen können diesen Stillstand überwinden. Aber jeder hat
       Angst vor einem neuen Bürgerkrieg zwischen Hamas und Fatah, jeder hat Angst
       vor einer neuen Eskalation.
       
       Während dies das einzige Diskussionsthema ist, während die Fatah die
       militante Hamas zusammentreibt, und die Hamas die militanten Fatahs
       zusammentreibt, verteilt der ehemalige Sicherheitschef der
       palästinensischen Autonomiebehörde, Mohammed Dahlan – nun ein Geschäftsmann
       mit einem geschätzten Vermögen von 120 Millionen Dollar – rollenweise
       Geldscheine.
       
       Wohltätigkeitsorganisationen aus den Golfstaaten, die ihm nahe stehen,
       schenken frisch verheirateten Paaren 5.000 Dollar. 5.000 Dollar an die
       Familien von Kriegsopfern. Wer auch immer du bist, was auch immer du
       brauchst – 5.000 Dollar.
       
       „Niemand hier unterstützt die Hamas. Aber auch niemand anderen. Es gibt
       keinen politischen Aktivismus mehr“, sagt Abu Jazan, der seinen echten
       Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er war einer der führenden Köpfe der
       Bewegung des 15. März, die 2011 nach dem Vorbild von Tunesien und Ägypten
       die Straßen von Palästina füllte, um Demokratie einzufordern.
       
       Es war ein seltener Moment der nationalen Einheit, der aber auch die Fatah
       und die Hamas kurzzeitig versöhnte, im Kampf dagegen. „All unsere Energie
       ist vom Überlebenskampf ausgetrocknet. Auch, weil jeder Kampf ohne das
       Westjordanland zum Scheitern verurteilt ist. Das einzige Zeichen von
       Solidarität, dass während des Kriegs aus dem Westjordanland kam, war eine
       Spende von Särgen“, sagt der Aktivist Abu Jazan.
       
       ## Die Generation, die nichts anderes mehr kennt
       
       Sie werden dies alles nicht in Zeitungen lesen – noch nicht. Und nicht nur,
       weil die Hamas Journalisten auf Schritt und Tritt folgt. Uns davon abhält,
       uns frei zu bewegen, frei zu sprechen.
       
       „Ihr schreibt alle über die gleichen Dinge: Parcour, Kinder, die
       Surfschule. Diejenigen, die ihre Häuser in hellen Farben gestrichen haben,
       diejenigen, die einen Swimmingpool aus den Trümmern geschnitzt haben. Der
       beste Kaffee in Gaza. Bullshit. Ihr verkauft diese Idee, dass Existieren
       gleich Widerstehen ist. Aber das ist es nicht, überhaupt nicht“, sagt Fady
       Hanona, 28, Dokumentarfilmer. „Eine ganze Generation kennt heute nichts
       mehr außer Gaza. Kennt nicht mehr als diese vier Straßen. Gewalt, Elend.
       Kinder sagen: Ich bin fünf Jahre und drei Kriege alt. Wie werden sie Israel
       und seinen ausgefeilten Mitteln der Herrschaft gegenüberstehen?“, fragt er.
       „Sie werden ihr ganzes Leben Falafel frittieren, nicht mehr.“
       
       Eine der typischen Geschichten, die wir lieben sollen, ist zum Beispiel die
       von Tamara Abu Ramadan. Sie ist 19, und lernt mithilfe von Filmen auf
       YouTube Geige. Sie gilt als die kleine „Paganini“ von Gaza, die der
       Belagerung trotzt. Aber ihre Geschichte ist keine Geschichte des
       Widerstands. Sondern eine des Elends.
       
       Sie sagt: „Du kommst hier als Reporterin nur einmal hin. Aber nur wir
       kennen uns, nur wir wissen, wie sehr wir uns verändert haben. Wie wir
       aufgegeben haben. Wir sehen überhaupt keine Zukunft. Du verbringst deine
       Nächte in den vier Cafés, die es noch am Strand gibt. Und vielleicht
       schreibst du, dass in Gaza das Leben vibriert. Aber hier gibt es kein
       Leben. Wir sind leere Hüllen. Deine Leser mögen keine traurigen
       Geschichten, aber um deinen Lesern das Abendessen nicht zu vermiesen,
       hältst du dicht, während wir verhungern. Und du stärkst die Hamas.“
       
       Die Palästinenser wollen fortgehen. Sonst nichts. Alle Palästinenser. Sogar
       die Hamas-Typen, die dich kontrollieren, wollen einfach nur weg. Sie
       betteln nach einem Visum für Italien. Und abends, um zu vergessen, holen
       sie sich eine Tramadol-Pille – ein Schmerzmittel für Hunde, dass wie eine
       Art Ecstasy wirkt.
       
       Und die offiziell verboten ist. Sie würden dich festnehmen.
       
       Scharif ist 36 und hat vier Kinder. Er hatte einmal einen kleinen Laden für
       Autoersatzteile. Aber er wurde immer wieder erpresst, weil er der Fatah
       nahe steht. Dreimal war er im Gefängnis. Und dreimal hat er versucht, nach
       Europa zu kommen, mit einem gefälschten Visum. Er wurde erwischt und
       zurückgeschickt. Dabei ist das größte Hindernis für Palästinenser nicht das
       Visum. Es ist Ägypten. Der Weg zum Flughafen von Kairo. In diesem Jahr
       hatte die Grenze zu Rafah insgesamt 12 Tage geöffnet. Es gibt eine
       Warteliste: zuerst die Kranken – 30 Prozent aller unentbehrlichen
       Medikamente in Gaza sind ausverkauft. So können nur 3.000 Palästinenser die
       Grenze überqueren. Aber 15.000 wollen weg. Die Ausreise kostet. 3.000 Euro,
       und ein Polizist setzt deinen Namen auf die Liste.
       
       Ich frage Scharif, was er sich von Europa erträumt. Er sagt: „Einmal
       duschen.“
       
       Francesca Borri, 35, arbeitete als Menschenrechtsaktivistin in Israel und
       Palästina. Seit 2012 berichtet sie als freie Journalistin aus
       Kriegsgebieten
       
       31 Oct 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Francesca Borri
       
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