# taz.de -- Die Burg der Armen
       
       > Aufwertung Mehr als ein Jahrhundert lang bot die Weddinger Wiesenburg
       > Obdachlosen ein Dach über dem Kopf und Künstlern wie Schülern einen Ort
       > für Kreativität. Seit November 2014 gehört das Gelände der Degewo.
       > Seither steht der Kulturbetrieb still
       
 (IMG) Bild: 1895 wurde die Wiesenburg vom Berliner Asyl-Verein erbaut. Zu den Gründern des Vereins gehörten Rudolf Virchow und August Borsig
       
       von Matthias Bolsinger
       
       Hier muss es oft laut gewesen sein. Die Tausende Obdachlosen, die Ende des
       19. Jahrhunderts hier wohnten. Die Bomben, die im Zweiten Weltkrieg hier
       fielen. Die Musik, die die Ruine bei Konzerten erfüllte. Jetzt ist es still
       geworden in der Wiesenburg, im Norden Berlins, am Ufer der Panke.
       
       Nur der Lärm der vorbeiratternden Züge hallt noch zwischen den roten
       Backsteinwänden. Von der Straße aus sieht das Gebäude aus wie eine Fabrik.
       Von Nahem erkennt man: Es fehlen Dächer, Schutt liegt in so mancher Ecke.
       Pflanzen klettern an den Wänden empor. Ein Gelände, wie aus der Zeit
       gefallen. Eines, über das schon viel geschrieben wurde und von dem trotzdem
       noch nicht alles erzählt ist.
       
       Vieles könnte noch geschehen – wären da diese Zäune nicht. Das Geschehen
       rund um die Wiesenburg ist ins Stocken geraten. War’s das? Oder geht es
       weiter? Und falls ja – wie?
       
       All diese Fragen treiben Anna-Christin Dumkow seit Langem um. Genauer
       gesagt. seit November 2014, seit die kommunale Wohnungsgesellschaft Degewo
       das rund 12.500 Quadratmeter große Areal besitzt. Anfang April sperrte die
       Degewo weite Teile des Geländes ab. Ein baustatistisches Gutachten hatte
       ergeben, dass in einigen Bereichen der Wiesenburg Einsturzgefahr besteht.
       
       ## Stillstand auf dem Gelände
       
       Die Räume, die Dumkow jahrelang für Künstler sowie für SchülerInnen aus dem
       Quartier bereitgestellt hatte, sind seither nicht mehr begehbar. Das
       kulturelle Leben der Wiesenburg ist zum Erliegen gekommen. Der Dreh eines
       Kinofilms, ein mehrtägiges Filmfestival, Gartenfeste für Schüler,
       Ausstellungen und Konzerte – alles musste abgesagt werden. Die meisten
       Ateliers und ein Tanzstudio sind weiterhin begehbar. Nicht aber der Garten
       und große Teile der Ruine. Das sind mehr als zwei Drittel des Areals. „Erst
       wurde den Kindern und Künstlern die Wiesenburg genommen“, sagt Dumkow
       enttäuscht, „und jetzt geht nichts voran.“
       
       Die 76-Jährige, wohnt hier seit Jahrzehnten. Tiefe Stimme, wacher Blick,
       großes Herz – mit nobler Note. Ihre Familie hat das ehemalige
       Verwaltungsgebäude auf dem Gelände mit eigener Hand renoviert. Sie hat den
       Ort geprägt wie vielleicht niemand anderes. Jetzt fühlt Dumkow sich
       ohnmächtig. Man merkt, dass ihr etwas fehlt. Seit der Sperrung vor mehr als
       vier Monaten ist den „Wiesenburgern“, Familie Dumkow und den gut 20 aktiven
       Künstlern, ihre Mission abhandengekommen: für den Kiez da zu sein.
       
       Dabei steckt genau das in der DNA des Gebäudes. Es war schon immer eine
       Antwort auf die soziale Frage. 1895 wurde es vom Berliner Asyl-Verein
       erbaut. Paul Singer, Mitbegründer der SPD, der Mediziner Rudolf Virchow,
       der Unternehmer August Borsig und andere hatten den Verein gegründet.
       Berlin war Europas größte Industriestadt. Obdachlose, Wanderarbeiter,
       Erntehelfer, Dienstmädchen fanden in dem Asylneubau in der Wiesenstraße,
       mitten im „roten Wedding“, einen Ort zum Schlafen, Essen und Waschen. Hier
       waren sie geschützt – und so nannten sie das Asyl „Wiesenburg“.
       
       Während der Weimarer Republik hielten sich unter anderen Rosa Luxemburg,
       Kurt Tucholsky, Heinrich Zille und Erich Kästner hier auf – teils aus Not,
       teils zu Recherchezwecken. 1926 wurde das Gelände an die Jüdische Gemeinde
       verpachtet, 1935 rissen es die Nationalsozialisten an sich, eine
       Fahnendruckerei zog ein. Brandbomben zerstörten in den letzten Tagen des
       Zweiten Weltkriegs die Gebäude.
       
       Anna-Christin Dumkow ist die Urenkelin eines Vereinsgründers. Sie wollte
       die Tradition der Wiesenburg wieder aufleben lassen. 1961 reaktivierte die
       damals 22-Jährige den Verein, sammelte Kleidung für Bedürftige und bot
       Menschen ein Obdach, die an die Tür der Wiesenburg klopften.
       
       Nach und nach öffnete Dumkow die Wiesenburg auch für Künstler, Handwerker
       und Filmemacher. Volker Schlöndorff drehte dort Szenen der
       Reichspogromnacht für die „Blechtrommel“, Rainer Werner Fassbinder nutzte
       die Kulisse für „Lili Marleen“ und „Ein Mann will nach oben“. Bis heute ist
       das Gelände an der Panke Arbeitsplatz und Treffpunkt für Filmemacher,
       Tänzer und Maler.
       
       Auch für Kinder und Jugendliche ist die Wiesenburg zugänglich. Im Jahr 1999
       öffnete Familie Dumkow das Gelände für SchülerInnen aus den umliegenden
       Schulen, wie für die Humboldthain-Grundschule. Schulfeste fanden hier
       statt, Schüler durften in Zelten übernachten. Vor allem aber sollten sie
       lernen können. Regelmäßig kamen Klassen, um den ansässigen Imkern oder
       Kunsthandwerkern über die Schulter zu gucken. Die Wiesenburg, ein großes
       Klassenzimmer. „In gewisser Weise ist der Ort immer ein Asyl geblieben“,
       sagt Dumkow. „Heute eben für Kinder, Kreative und soziale Projekte.“
       
       Das kommt an im Kiez. „Die Wiesenburg spielt hier eine große Rolle“, sagt
       Sükran Altunkaynak vom Quartiersmanagement Pankstraße. Die meisten
       Menschen im Quartier haben einen Migrationshintergrund. Die
       Arbeitslosenquote liegt bei 10 Prozent, 41 Prozent der Bewohner beziehen
       Transferleistungen. Die Wiesenburg sei eine kulturelle Oase in einer
       vergleichsweise armen Gegend mit nur wenig Orten, von denen sich das
       Quartiersmanagement Impulse für die Kiezentwicklung erhofft. „Fragt man die
       Kiezbewohner, wem die Wiesenburg gehört, sagen sie: Uns!“, erzählt
       Altunkaynak. „Die Schulkinder empfinden sich dort als Hausherren.“
       
       ## Schutz vor dem Verfall
       
       Mit der Teilsperrung ist es damit erst einmal vorbei. Wie es weitergeht,
       ist unklar. Nach einem jahrzehntelangen Rechtsstreit zwischen den Dumkows
       und dem Land Berlin gehört das Gelände der Degewo. Das Wohnungsunternehmen
       selbst sieht sich als Retter der Wiesenburg. Die denkmalgeschützten Gebäude
       wolle man vor dem Verfall schützen. Außerdem wolle man die Nutzerinnen und
       Nutzer nicht vertreiben, teilte ein Sprecher im April mit, sondern mit
       ihnen ein Konzept entwickeln.
       
       Doch das kann dauern. Erst gegen Ende des Jahres will die Degewo in einem
       Werkstattverfahren mit Architektur- und Planungsbüros ein Standortkonzept
       entwickeln. Das wird, so lässt Projektleiterin Cordula Fay durchblicken,
       sowohl Wohnungen als auch gewerbliche und gemeinschaftlichen Nutzungen
       einschließen. In welchem Umfang und in welcher Form, steht noch nicht fest.
       Zwar betont die Degewo, sie sei auf dem Gelände nicht auf Profit aus. Aber
       kann sich das Unternehmen ein Millionengrab leisten? Bislang bedeutet das
       Gelände für die Degewo nur eines: Ausgaben.
       
       Die Wiesenburger sind daher skeptisch. Sie bangen um die Zukunft ihres
       Raumes. Umso mehr, als sie sich ausgeschlossen fühlen. „Der Dialog findet
       leider nur auf dem Papier statt“, beklagt Anna-Christin Dumkow. „Seit dem
       ersten offiziellen Treffen im Mai gab es keine ernsthaften Gespräche mehr“,
       erklärt Robert Bittner. Der Regisseur und Schauspieler lebt und arbeitet in
       der Wiesenburg. Mit anderen Künstlern hat er den Wiesenburg e. V.
       gegründet, der das Gelände und seine Menschen nach außen vertreten will.
       „Wir wollen gern zur Herstellung der Verkehrssicherheit für eine
       Zwischennutzung beitragen“, sagt er, „bisher wurden unsere Vorschläge dazu
       leider nur abgelehnt“.
       
       Von den Wohnungsplänen der Degewo hält man in der Wiesenburg wenig. Man
       könne zwar verstehen, dass das Unternehmen die Kosten für die
       Instandsetzungsarbeiten wieder reinholen wolle – aber Wohnungen? „Wir
       würden die Wiesenburg lieber weiter für nachbarschaftliche und soziale
       Aktivitäten im Quartier öffnen“, sagt Bittner. Daher wolle man aktiv am
       Werkstattverfahren teilnehmen und seiner Stimme Gehör verschaffen. Lauter,
       aber „mit Contenance“, sagt Dumkow. Die Ruhe auf dem Gelände soll endlich
       ein Ende haben.
       
       27 Aug 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Matthias Bolsinger
       
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